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Kinderschutz-Experte zur Lage in der Kirche und in anderen Institutionen

Zollner: Vertuschen und Versetzen bei Missbrauch nicht nur in der Kirche

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Das Kinderschutzzentrum CCP an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom wird zum „Institut für Anthropologie - Interdisziplinäre Studien zu Menschenwürde und Sorge für schutzbedürftige Personen“ (IADC) ausgebaut. Der Leiter des CCP, der Psychologe, Theologe und Jesuit Hans Zollner (54), erläutert, warum der Kampf gegen Missbrauch thematisch ausgeweitet werden muss. Und er kritisiert: Andere Institutionen hinken hinterher.

Pater Zollner, welche inhaltlichen Gründe gibt es für den Ausbau des CCP?

Viele. Nehmen Sie seit 2017 die #MeToo-Bewegung, den Fall McCarrick, bei dem die systemischen Gründe für Missbrauch auch an volljährigen Abhängigen in den Blick kamen; den Papsterlass „Vos estis lux mundi“ zur Rechenschaftspflicht von Kirchenoberen; den Missbrauch an Ordensfrauen, die Rede vom spirituellen Missbrauch und dem von Macht. Damit hat sich mein und unser Reflexionshorizont erweitert: Eine rein juristische Aufarbeitung genügt nicht, es braucht systemische Konsequenzen. In dem Zusammenhang gilt es auch zu klären, was genau eine „schutzbedürftige“ oder „schutzbefohlene Person“ ist. Dazu gibt es keine international allgemein akzeptierte rechtliche Auffassung.

Warum fällt es so schwer, sich dem Thema zu stellen?

Das Thema sexueller Missbrauch ist so unangenehm, so abstoßend, dass sich niemand gern damit auseinandersetzen will. Als Menschheit tun wir uns so schwer, weil es uns unsere Unmenschlichkeit vor Augen führt. Unsere Abwehrreaktion, die ganz automatisch ist und die sich hundertfach belegen lässt - nicht nur im kirchlichen Bereich -, hat damit zu tun, dass es sexuelle Gewalt zwar immer gegeben hat; dass sie aber tabubehaftet ist. Sexualität ist wunderschön und lebensspendend; und doch kann durch sie auch eine besondere Art der Demütigung, des Zerstörerischen ausgedrückt werden.

Hat es in der katholischen Kirche bisher die meisten Fortschritte in der Bewusstseinsbildung zu Missbrauch gegeben?

Das lässt sich so nicht genau sagen. Aber es gibt wohl weltweit keine andere Institution, die sich mit diesem Thema notwendigerweise so auseinandersetzen musste. Im Bereich Prävention hat sich die Kirche unbestritten weiterentwickelt; das bestätigen auch staatliche Stellen. Bei der Aufarbeitung aber stellen wir uns immer noch nicht genügend dem, was geschehen müsste: nicht nur die juristischen, sondern auch die moralischen, spirituellen und strukturellen Implikationen in Betracht zu ziehen. In anderen Institutionen taucht das Thema auf und verschwindet wieder. Über die UN liest man ab und an Berichte, wonach sich UN-Personal seine Hilfsdienste durch Sex bezahlen lässt. Da ist noch sehr viel aufzudecken. Ob Oxfam oder UN-Blauhelme - es sind augenscheinlich eins zu eins dieselben Prozesse wie in der Kirche: Die Oberen schauen weg, vertuschen, versetzen Leute - nur damit vermeintlich nichts auf die Institution zurückfällt.

Wie sieht es im Sport aus?

Ich höre, dass es beim Innenministerium in Berlin einen Bericht zu Missbrauch im Jugendbereich des Sports in Deutschland gibt. Der ist bisher nicht veröffentlicht. Warum? Weil es mit hoher Wahrscheinlichkeit viele Eltern davon abhalten würde, ihre Kinder zum Sport in Vereine zu schicken.

Und bei anderen Religionsgemeinschaften?

Nehmen Sie Deutschland: Die katholische Kirche steht zu Recht seit langem im Licht der Medienöffentlichkeit; die evangelische Kirche ist viele Jahre in deren Windschatten gefahren. Zuletzt rückte sie ins Blickfeld. Dann kamen die Auseinandersetzungen über Köln und Hamburg, und nun ist die evangelische Kirche quasi wieder abgetaucht. Für Opfer in den protestantischen Kirchen ist das schwer erträglich.

Die genannten Institutionen stellen sich dem Thema Missbrauch nicht so konsequent wie die katholische Kirche?

Nun, es ist zu lesen, dass etwa die Fallzahlen und die Höhe der Forderungen bei den Boy Scouts in USA jene der katholischen Kirche bei weitem übertreffen. Es mag einzelne Verbände geben; Leute, die das pushen. Aber strukturell ändert sich wenig. Wer etwa in Deutschland schaut genau hin, welche Leute Fußballtrainer werden können?

Ist der Fußball besonders betroffen?

Fußball, Schwimmen, Judo, Boxen - war alles in den vergangenen Monaten in den Nachrichten. Aber wenn Sie heute einen Fußball-Jugendtrainer nur dann gewinnen können, wenn der ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen muss,...

...dann bricht vieles ein?

Eben. Der sagt dann: „Du misstraust mir? Dann komme ich nicht.“ Und davor hat man Angst.

Wissen Sie, wie sich die Zahlen von Jugendgruppenleitern in der katholischen Kirche entwickeln? Die müssen entsprechende Schulungen machen und Zertifikate vorlegen.

Für Deutschland habe ich keine Zahlen, zumal man diese erst nach der Pandemie wird erheben können. Bisher schien es etwa bei Ministranten noch keinen großen Einbruch gegeben zu haben.

Wer finanziert das künftig erweiterte IADC?

Bisher wurde das Zentrum vor allem aus kirchlichen Zuwendungen finanziert, allem voran durch die Erzdiözese München-Freising und Kardinal Marx persönlich. Dann haben wir jetzt eine Lehrstuhlfinanzierung durch das Bistum Rottenburg-Stuttgart. Andere Diözesen geben kleinere Beträge plus private Fördergelder. Zudem erhalten wir Mittel vom Kindermissionswerk, das eine Stelle finanziert. Da wir erweitern, hoffen wir auf weitere Unterstützer unserer Arbeit.

Die Päpstliche Kinderschutzkommission hat sich wieder getroffen. Was gibt es von dort zu berichten?

Wir waren zu dritt in Rom, alle anderen zugeschaltet - auch der Präsident und der ausscheidende Sekretär aus Boston. Wir hatten zwei Plenarsitzungen und Arbeitsgruppentreffen. Eine Sache bereiten wir vor: Mitte September ein Treffen von Mitgliedern der lateinischen und orientalischen Bischofskonferenzen in Mittel- und Osteuropa zum Umgang mit Missbrauch. In der derzeitigen polnischen Situation kann das ein mittleres Erdbeben auslösen.

Gibt es Widerstand?

Die Bischofskonferenz ist Mitorganisatorin. Aber natürlich gibt es unter den Bischöfen sehr unterschiedliche Positionen. Das müssen die Bischöfe untereinander ausmachen. Der Vorsitzende, Erzbischof Stanislaw Gadecki, wird bei der Konferenz die Eröffnungsrede halten; Polens Primas, Erzbischof Wojciech Polak von Gnesen, das Schlusswort sprechen.

Was wird das Thema sein?

Es soll ein eher geistlich-theologischer Zugang geboten werden. Wir wollen aber auch zeigen, dass es in einigen dieser Länder - Kroatien, Tschechien, Slowakei und Polen - konkrete positive Beispiele gibt. Nicht viele, aber es gibt sie; und sie zeigen, dass man sich zu diesem Thema kirchlich gut engagieren kann. Zudem wurde vergangene Woche publik, dass die ukrainisch-katholische Universität in Lemberg in Zusammenarbeit mit dem CCP ein Kinderschutzzentrum gegründet hat.

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