Anzeige
Die Einheit der Kirche wird oft als Totschlagargument gegen Reformen genutzt. Das muss sich dringend ändern, erklärt Priester Ulrich Lüke.
Ja: Die Einheit der Kirche ist unbestreitbar ein hohes Gut! Aber an welchen Kriterien wird sie gemessen? Was ist einheitsförderlich, was einheitshinderlich?
Der Synodale Weg, wie ihn die deutsche Kirche eingeschlagen hat, sei eine Gefährdung der Einheit, sagen Verantwortliche in Rom. Die Aufhebung des Pflichtzölibats für katholische Priester sei eine Gefährdung der Einheit. Die Forderung nach dem Weiheamt für entsprechend ausgebildete Frauen sei eine Gefährdung der Einheit. Die Mitbestimmung von Laien bei der Wahl eines neuen Bischofs sei eine Gefährdung der Einheit, heißt es von maßgebender Stelle. Dass der heilige Ambrosius von Mailand von Laien zum Bischof gewählt wurde, als er noch nicht einmal getauft war, wird dabei unterschlagen.
Die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Kirche
Der Autor
Ulrich Lüke ist Krankenhauspfarrer am St.-Franziskus-Hospital in Münster. Der Theologe und Biologe war von 2001 bis 2017 Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. In seinen Forschungsarbeiten setzt er sich insbesondere mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube auseinander.
Bei all den behaupteten Gefährdungen werden die Grundlagen, also das Glaubensbekenntnis und die sakramentale Verfasstheit unserer Kirche, um kein Jota geändert.
Ist etwa die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Kirche, Kleriker hie und Laien da, keine Gefährdung der Einheit? Ist etwa der theologisch halbseidene Ausschluss der Frauen von allen Weiheämtern keine Gefährdung der Einheit, obschon es ein halbes Jahrtausend lang Diakoninnen gab?
Ist etwa der trotz aller Klage unbestreitbare Reichtum der Kirche hierzulande und ihre bittere Armut andernorts keine Gefährdung der Einheit? Ist etwa die durch Reformunwilligkeit oder –unfähigkeit der Kirche induzierte Aufkündigung der Gemeinschaft keine Gefährdung der Einheit? Wir haben doch seit dem Konzil, mit der Würzburger Synode, Reformgesprächen, Diözesansynoden, bundesweiten Dialogprozessen und dem Synodalen Weg mehr als 60 Jahre verbracht.
Es darf unterschiedliche Geschwindigkeiten geben
Wenn die Kirche – nach den Worten des Konzils – „das pilgernde Gottesvolk“, also eine Einheit in Bewegung ist, dann hat ein solcher Pilgerzug ein vorderes und ein hinteres Ende. Vorne gilt es, den besten Weg zu finden, vielleicht sogar im ungesicherten Terrain, und dahinter, die Mühseligen, Wegwunden, Belasteten, Ängstlichen mitzunehmen und zu stützen. Es darf, ja es muss vielleicht unterschiedliche Geschwindigkeiten geben, ohne dass dabei das Band der Einheit zerstört wird.
Wir müssen uns verabschieden vom kirchenideologischen Missbrauch des Einheitsarguments, das nur der Betonierung des Status quo dient. Was nur bleibt, wie es ist, bleibt nicht, wie es ist; es riskiert sein Überleben und richtet mit unterbliebenen Entwicklungsschritten sich selbst zugrunde!
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.