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Der Zweite Weltkrieg endete 1945. Die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen muss wach bleiben. Wie das gelingt, sagt Maria Kessing.
Vor einem Jahr um diese Zeit habe ich die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Polen besucht. Wobei: Der Begriff „Besuch“ im Zusammenhang mit der Todesfabrik der Nazis verharmlosend wirkt. Denn ein Rundgang durch die „Residenz des Todes“ (Zalmen Gradowski, polnischer Jude, 1944 in Birkenau ermordet) ist nicht dasselbe wie ein Besuch in einem Museum, selbst wenn dieses ein ähnliches Thema behandelt.
Die Menschen kommen an, sie gehen, sie schauen, sie denken, sie sind still. Und sie gehen schweigend und nachdenklich. So wie ich auch. Und sie erinnern sich jahrelang an diesen Besuch. Es fällt mir immer noch schwer, das Gesehene in Worte zu fassen.
Herausforderungen für Erinnerungsarbeit
Die Autorin
Maria Kessing, die ehemalige Lokalredakteurin der Tageszeitung "Die Glocke", arbeitet als freie Journalistin und ist Sprecherin eines Bündnisses für Frieden und Demokratie in Ahlen.
Was ist der Holocaust? Wie viele Jüdinnen und Juden wurden durch das NS-Regime ermordet? Laut einer Studie aus dem Jahr 2025 haben vor allem junge Menschen große Wissenslücken, wenn es um die Schrecken während des Zweiten Weltkriegs geht. Die Geschichte ist sehr weit weg, die Ereignisse sind sehr weit weg, die Zeitzeugen von damals versterben. Die Idee, Besuche von KZ-Gedenkstätten für Schülerinnen und Schüler verbindlich zu machen, stößt auf Skepsis.
Gerade jetzt, wo extremistische Parteien und islamistische Gruppierungen Zulauf bekommen, antisemitische Vorfälle und Straftaten zunehmen, muss daran erinnert werden, wohin eine Absage an Demokratie, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit führen kann. Aber wie kann eine zeitgemäße Erinnerungskultur aussehen? Wie erinnern sich kommende Generationen an Holocaust und Shoah? Die Gedenk- und Erinnerungsarbeit steht vor großen Herausforderungen.
Erinnern an die Täter
Erinnern muss heute immer auch das Erinnern an die Täter beinhalten. Der persönliche Bezug, das Erkunden der eigenen Familienbiografie, die – vielleicht auch erschreckende – Erkenntnis, dass das Grauen des Nationalsozialismus nicht einfach nur dunkle Vergangenheit ist, kann dazu beitragen, dass sich so etwas nie wiederholt. Acht Jahrzehnte nach Kriegsende haben viele (ich auch) angefangen, in Mitgliedskarteien der NSDAP in interaktiven Recherche-Tools Tabus und Familienlegenden neu zu hinterfragen – auch aus politischen Gründen.
Die Erinnerung braucht die Macht der Begegnung mit einem authentischen Ort wie Auschwitz, aber auch mit der eigenen Familiengeschichte. Denn: Die Wahl zwischen Gut und Böse: Die gab es damals in Hitler-Deutschland und die gibt es heute.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.