Die Basis und die Kirchen-Krise (2): Johanna Hollstegge aus Borken

Zwischen Wut und Hoffnung - 24-Jährige will Kirche bunt mitgestalten

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Hohe Kirchenaustrittszahlen, weniger Gottesdienstbesucher – viele Menschen sind enttäuscht von ihrer Kirche. Auch kirchlich Engagierte hadern mit der Institution, für die sie doch oft genug sprichwörtlich „den Kopf hinhalten“. „Kirche-und-Leben.de“ hat mit einigen kirchlich aktiven Frauen und Männern darüber gesprochen, wie sie die Kirchenkrise empfinden und was diese für ihr eigenes Engagement bedeutet, so zum Beispiel mit Johanna Hollstegge aus Borken.

Wie geht es mir gerade mit meiner Kirche? Eine große Frage mit unzähligen Facetten. So viele Schlagzeilen, die katholische Kirche in der letzten Zeit gemacht hat, so häufig ist man doch immer wieder fragenden Blicken ausgesetzt: Warum engagierst du dich immer noch in dieser Institution?

Weil Kirche für mich mehr ist, als eine Institution, mehr als Amtsträger und das Leid, das verursacht und vertuscht wird und wurde, mehr als Machtgehabe. Und das alles ist schlimm und schmerzt, es schmerzt mich und wie viel mehr noch diejenigen, die von Diskriminierung und Missbrauch in der Kirche betroffen sind. Es ist wichtig, auf diese Krisen aufmerksam zu machen, nicht wegzuschauen, und vor allem die Mächtigen der Kirche sollten dabei nicht zuerst auf andere, sondern auf sich selbst schauen.

Gebet am Mittagstisch

Aber Kirche ist für mich auch der kritische Austausch zu verschiedenen Themen in meinem Theologiestudium: Da sind die Gottesdienste in der Queergemeinde in Münster, da ist das Gebet am Mittagstisch mit meiner Familie, die Kerze, die ich für eine Freundin anzünde, der es gerade nicht gut geht. Da sind die persönlichen Gespräche in der Schönstatt-MJF (Mädchen/junge Frauen), in denen ich schon oft an mir selbst gewachsen bin, da ist meine Arbeit als Teamerin mit Schulklassen; da sind Jugendgottesdienste und vor allem ein Eis oder Kaltgetränk danach in meiner Gemeinde und noch viel mehr.

Mein Lautsein und mein Leisesein, mein Mut und meine Angst, meine Fragen und meine Sehnsüchte, meine Verzweiflung, meine Liebe und meine Hoffnung – all das und mehr gehört zu meinem persönlichen Glauben. Und mit all dem fühle ich mich als Teil der katholischen Kirche.

Wut, Hoffnung, Verbundenheit

Wie geht es mir gerade mit meiner Kirche? Das ist ein Gefühlschaos: Wut, Angst, Scham, Sorge, Hoffnung, Verzweiflung, Zuversicht, Verbundenheit, Liebe, Fassungslosigkeit.

Aber ich habe etwas, das mir hilft, mit dem Chaos umzugehen. Den Austausch und die Verbundenheit mit vielen jungen katholischen Menschen im Internet und meinem privaten Umfeld, die mit Ideen und Leidenschaft für eine bunte und vielfältige Zukunft der Kirche einstehen. Junge Menschen, die sich beim Synodalen Weg einbringen und dort aufs Ganze gehen. Nicht nur über die Livestreams der Synodalversammlungen, sondern vor allem über ihren Instagram-Account @jung_synodal bekomme ich Einblicke in ihren Einsatz.

Vernetzung über das Internet

Rebecca, die als @lockenbarbie auf Instagram unterwegs ist, und Anna und Isabel mit ihrem Blog „Liebe im Biergarten“ sind Teil der Initiative #OutInchurch. Ich kenne sie unter anderem von der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster, wo wir gemeinsam studieren. Vernetzt über das Internet, habe ich schon viel von ihnen gelernt und will immer mehr ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie ich in der Kirche sichere Räume mitgestalten kann, in denen jede und jeder willkommen ist.

Dabei habe ich auch Vorbilder auf Instagram wie Marisa und Eva von @um.gotteswillen, Pastoral- und Gemeindeassistentinnen im Bistum Osnabrück, die in der Kirche arbeiten, kritisch sind und den Mund aufmachen für alle Themen, die ihnen wichtig sind und bei denen sie sich Veränderung wünschen.

Wille zur Mitgestaltung

Ich bin mir sicher, dass ich in der katholischen Kirche einen Platz habe, und dass ich die Zukunft mitgestalten kann – genau dort, wo ich bin: in der Schönstattjugend, an der Universität, in meiner Heimatgemeinde, im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Ich bin auch enttäuscht von der Kirche, aber sie ist meine Heimat, und ein Gefühl in mir ist stark: jetzt erst recht! Jetzt möchte ich erst recht Teil dieser Kirche, mit meinem Einsatz, meiner Stimme und meinem Glauben sein.

Zur Person: Johanna Hollstegge, 24, studiert in Münster katholische Religionslehre und Deutsch auf Lehramt im Master. Sie engagiert sich in der Schönstatt-MJF, Kolpingjugend, im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), als Teamerin im Haus Maria Frieden (Bistum Osnabrück) und ist aktiv in ihrer Heimatgemeinde St. Remigius in Borken.

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