Insel-Pfarrer Egbert Schlotmann über die Wende im Westen

Auslegung der Lesungen vom Ostersonntag (B)

Am frühen Morgen des Ostertags gehen die Jünger und Jüngerinnen zum Grab Jesu - voller Ängste und Sorgen. Und dann wird alles anders. Doch dieser Weg braucht seine Zeit, weiß Inselpfarrer Egbert Schlotmann und erzählt von Erfahrungen auf Wangerooge.

„Früh aufstehen“ heißt es in jeder Teamzeit im Sommer. „Sehr früh“ für manche unserer Teamer. Wir gehen der Sonne entgegen. Dieser Gang gehört wohl zu den beeindruckendsten Aktionen, die wir von der Urlauberseelsorge auf Wangerooge anbieten. Früh am Morgen treffen wir uns an unserer Pfarrkirche, um von dort mit allen Teilnehmenden zum Meer zu gehen. Unser Weg führt am Strand entlang: Richtung Osten – der aufgehenden Sonne zugewandt.

Das Evangelium vom Ostersonntag (Lesejahr B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Ich erinnere mich an meine Pilgertouren nach Santiago de Compostela. Jedes Mal, wenn ich mich auf den Weg machte, musste ich Abschied nehmen. Letztendlich scheint das ganze Leben ein Kette von Abschieden zu sein. Für das Pilgern nach Santiago de Compostela ist das ein zentrales spirituelles Anliegen. Der Fußweg führt stets nach Westen, ans „Ende der Welt“: dem Reliquienschrein des heiligen Jakobus zu. Im Westen geht die Sonne unter. Westen bedeutet Untergang.

Nach langen Wegen, mühevollen Strapazen, schmerzlichen Abschieden und Phasen des Inne- und Durchhaltens, des Fragens kommt der Pilger an sein gestecktes Ziel. Er erreicht das Grab des Apostels. Hier am Endpunkt vollzieht sich eine Um-Kehr: Die Pilger wenden sich dem Osten, dem Aufgang, der aufgehenden Sonne, der Auferstehung zu. Neues Leben wird geschenkt, wenn diese Wende – am Grab – geschehen ist.

Traumatische Erlebnisse

Ostern ist die Ausrichtung nach Osten hin. Die Oster-Evangelien in diesen Tagen sprechen von einem Perspektivwechsel. In aller Frühe gehen die Jünger und Jüngerinnen zum Grab Jesu. Tiefe Ängste und traumatische Erlebnisse, der brutale Kreuzigungstod und die Fragen nach der eigenen Zukunft erdrücken die trauernden Freunde und Freundinnen Jesu. Sie tun das, was sie in dieser Situation tun können: Sie gehen zum Grab, erzählen, gehen wieder heim – ohne zu begreifen. Trauer, Abschiednehmen, Wahrnehmen brauchen ihre Zeit.

Der Autor
Egbert SchlotmannEgbert Schlotmann ist Insel-Pfarrer von St. Willehad auf Wangerooge. | Foto: Michael Rottmann

„Ich müsste doch eigentlich längst damit durch sein“, erzählte mir vor einem Jahr eine Urlauberin. Ihr Mann war zwei Jahre zuvor an Krebs verstorben. Immer wieder traten bei ihr Trauerphasen auf, in denen sie viel um ihren Mann und ihre vom Tod beendete Beziehung weinte. Ihre Verwandten drängten sie dazu, sich wieder dem Leben zuzuwenden. Das konnte die Witwe so noch nicht.

Eher wünschte sie sich, von jemandem die Erlaubnis zugesprochen zu bekommen, trauern und klagen zu dürfen. Ich ermutigte sie dazu, sich ihrer eigenen Trauer zu stellen und ihre eigene Art des Trauerns zu finden. So entschied sie sich, die Urlaubsorte zu bereisen, die sie in ihrer Ehe mit ihrem Mann aufgesucht hatte. „Ein schmerzhafter Prozess, der gleichzeitig auch viele Erinnerungen und wunderbare Erlebnisse wach ruft“, schrieb diese Frau mir vor kurzem.

Neue Perspektive am Grab

Der Weg in den Westen dauert seine Zeit. Jeder geht ihn ganz individuell. So auch die Jünger und Jüngerinnen, die unterschiedlich schnell am Grab ankommen. Damit zunächst zu einer Erfahrung der Vergangenheit. Es braucht eine Ostererfahrung, die nicht die Vergangenheit, sondern das Leben feiert. Die Jünger Jesu sind an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens angekommen: Neues ist entstanden, Unerwartetes ist aufgebrochen, Leben ist spürbar.

Am Grab, und hier ist nicht nur der Ort des Begräbnisses gemeint, gibt es ein Weiter- und Vorwärtskommen. Am Grab findet ein Perspektivwechsel statt: Von der Trauer zur Freude, vom Blick in die Tiefe zum Blick in den Himmel, von der Sprachlosigkeit zum Gespräch, vom Wunsch nach Einbalsamierung zum Glauben an das Da-Sein Jesu, vom Leichnam zum Auferstandenen, vom Tod zum Leben. Der Blick in das leere Grab, der Blick, der nicht mehr den Tod vor Augen hat, wendet sich nun dem Leben zu. Die Wende hat stattgefunden. Auferstehung ist in Sicht.

Letzte Gelegenheit

Der Schriftsteller Heinrich Böll hat einmal formuliert, dass wir, solange wir hier auf Erden sind, nie ganz zu Hause sind, dass das, was wir leben und erleben, nicht alles sein kann und dass wir uns hüten sollten, dieses eine Leben so zu behandeln, als wäre es die letzte Gelegenheit.

Sich dem Osten zuwenden und aus Ostern leben heißt genau das: Wir sind mit einem langen Atem unterwegs, mit einem Blickwechsel, der Neues findet und entdeckt. Wir haben das gesamte Leben im Blick – auch das Leben nach dem Tod. Und wir sind mit einer tiefen Hoffnung auf dem Weg, die Ausschau hält nach Lebensfülle und Auferstehung.

Mit dem Blick auf die aufgehende Sonne in all ihrer ganzen Farbigkeit halten wir Frühaufsteher in den Sommerteam-Zeiten inne. Dieser Moment ist heilig. Schweigen ist nun angesagt. Erst nach einer gewissen Zeit gehen wir unseren Weg wieder zurück – anders, als wir ihn gekommen sind: die stärkende und wärmende Sonne scheint in unserem Rücken.

Sämtliche Texte des Lesungen vom Ostersonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.