„Suche Frieden – eine Lebensaufgabe“

Dokumentiert: Wort zur Fastenzeit 2019 von Bischof Genn

In seinem Hirtenwort zur österlichen Bußzeit erinnert Bischof Genn an die Erlebnisse des Katholikentag 2018, an die Debatte um die Zulassung nicht-katholischer Christen, die in einer konfessionsverschiedenen Ehe leben, zur Eucharistie und an den Missbrauch in der Kirche.

Sie erinnern sich noch an das schöne und ergreifende Erlebnis des Katholikentages im vergangenen Jahr in unserer Bischofsstadt Münster. Wenn Sie daran nicht teilgenommen haben, konnten Sie das eine oder andere Echo aus den Medien oder aus Erzählungen vernehmen. Es war wahrhaftig ein großes Fest des Glaubens, dem es aber auch nicht an Auseinandersetzungen, ernsthaften Diskussionen und Gesprächen gefehlt hat.

Der kleine Satz „Suche Frieden“ wurde dabei programmatisch in den Vordergrund gestellt. Nun weiß jeder von uns, dass dieses Suchen nicht nur eine Sache von drei Tagen ist, sondern eigentlich eine Lebensaufgabe. Wir sprechen heute gerne von „Nachhaltigkeit“. Dieses Leitwort unseres Katholikentages trägt eine große Nachhaltigkeit in sich. Es heißt doch, tagaus, tagein, den Frieden zu suchen, ja, um mit dem Wort des Psalms fortzufahren, „ihm nachzujagen“ (vgl. Ps 34,15).

Bischöfe haben kein gutes Vorbild gegeben

Sie haben wahrscheinlich gespürt, dass „Frieden zu suchen“ wirklich Arbeit sein kann; und diese Arbeit ist nicht mit einem Mal und erst recht nicht mit einem Vorsatz erledigt. Es bleibt weiterhin die Herausforderung, wie ich den Frieden mit mir selbst finde und auch mit Menschen, die sich mit mir schwer tun, bzw. mit denen ich mich schwer tue. Erst recht kann es sehr mühselig sein, den Frieden zu suchen mit Menschen, mit denen Versöhnung und Heilung kaum möglich erscheint. So muss das Thema des Katholikentages eine große Nachhaltigkeit haben. Es wirkt sich aber auch in den innersten Bereich unserer gottesdienstlichen Feier aus, wenn es darum geht, Gemeinschaft - denn das bedeutet Kommunion - mit Jesus und mit denen zu pflegen, die wie ich mit Ihm verbunden sind.

In die Zeit nach dem Katholikentag fiel die Debatte in der Bischofskonferenz um die Zulassung nicht-katholischer Christen, die in einer konfessionsverschiedenen Ehe leben, zur Eucharistie. Diese Debatte berührt viele Menschen im Innersten. Wir Bischöfe haben dabei kein gutes Vorbild gegeben. Dafür tragen wir Verantwortung und müssen dies ändern. Gerne möchte ich darum dieses Thema mit Ihnen noch etwas tiefer bedenken, weil es weit über die Einzelfrage nach der Zulassung nicht-katholischer Christen zur Eucharistie hinausgeht.

Auf Glaube und Hingabe schauen

In jeder Messe werden wir vor dem Empfang der heiligen Kommunion an ein Jesus-Wort erinnert. Er sagt es im Abendmahlssaal kurz vor Seinem Weg in den Ölgarten. Johannes erzählt, dass Er Seinen Jüngern die Füße gewaschen hat und damit ein Beispiel Seiner Liebe hinterlassen wollte. Aus den vielen kostbaren Worten lesen wir dann auch dieses: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Joh 14, 27).

Wenn ich dieses Wort in der Messe höre, werde ich mir bewusst, wie viel mich von Ihm und voneinander trennt. Deshalb bitten wir Ihn darum, wo wir in die innigste Gemeinschaft mit Ihm eintreten, nicht auf das Trennende zu schauen, sondern auf das, was in jedem Menschenherzen an Glaube und Hingabe vorhanden ist, vor allem aber auch in der gesamten Gemeinschaft der Kirche. Nur dieser Blick macht uns wert und würdig, Ihn in Seinem eigenen Leib zu empfangen. „Darum schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke ihr nach deinem Willen Einheit und Frieden“, so beten wir dann weiter.

Unversöhntheit, Friedlosigkeit und Spaltung

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir in der Eucharistie den Leib Christi empfangen, sind wir mit Ihm auf eine ganz reale und zutiefst persönliche Weise verbunden. Wir sind aber zugleich auch mit all denen verbunden, die ebenfalls in dieser Gemeinschaft mit Ihm Ihn aufnehmen, und mit denen Er sich genauso verbindet wie mit mir.

Allerdings erfahre ich oft genug die schmerzhafte Frage, ob ich dann auch in einer Situation, in der ich Unversöhntheit, Friedlosigkeit und Spaltung in der Beziehung mit einem Menschen und mit vielen anderen erlebe, erst einmal dieses Hindernis aus dem Weg räumen muss, um dann auch in dieser ganz großen geistlichen Tiefe mit dem Herrn neu verbunden zu werden.

Mit Mut aus der Gemeinschaft

Ich persönlich bitte Ihn dann immer darum, dass Er mir hilft, für den anderen, mit dem ich mich schwer tue, und der sich mit mir schwer tut, offen zu bleiben und mich nicht in Bitterkeit zu verhärten. Ich bin nämlich überzeugt, dass das von innen her dazu beitragen kann, den Frieden zu suchen. Ich bin auch überzeugt davon, dass Menschen, die durch große Verwundungen nicht in der Lage sind zu verzeihen, hier einen Weg finden können, der ihnen weiterhilft.

Wir können in der Eucharistie erfahren, dass Gott selbst in Seinem Sohn Jesus Christus mit uns Menschen Beziehung stiftet und Gemeinschaft aufbaut, und Er tut es trotz unseres Versagens und unserer Spaltung und Zerrissenheit. So kann ich aus dieser Gemeinschaft mit neuem Mut das Schlusswort hören: „Gehet hin in Frieden“, mit dem die heilige Messe endet, und mit dem sie uns in unseren Alltag entlässt.

Zum Wohle der Gerechtigkeit

Liebe Schwestern und Brüder, in diesen Zusammenhang möchte ich auch eine Überlegung stellen, die mich in den zurückliegenden Monaten sehr bewegt hat. Immer wieder wurde ich mit den Folgen des Missbrauchs, der durch Amtsträger der Kirche verursacht wurde, konfrontiert.

Ich sehe das unsägliche Leid, das dadurch über Menschen gebracht wurde, die jahrzehntelang an diesen Verwundungen zu tragen haben. Ich sehe auch den Ärger und die Wut vieler, die deshalb, weil Amtsträger ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, die Kirche verlassen haben. Ich kann sehr gut verstehen, dass Menschen sich zu diesem Schritt entscheiden, haben doch diejenigen, die dazu gerufen waren, Beziehung unter den Menschen zu stiften, diese Beziehungen zu ihren eigenen egoistischen Zwecken missbraucht. Hinzu kommt, dass Verantwortungsträger der Kirche nicht das Leid gesehen haben, das dadurch jungen Menschen zugefügt wurde, und dass sie deshalb im Umgang mit den Tätern falsch gehandelt haben. Ich werde dafür Sorge tragen, dass die persönlichen Verantwortlichkeiten aufgearbeitet werden; nicht aus Rache, sondern zum Wohle der Gerechtigkeit.

Herausforderung und Trost

Dennoch möchte ich dafür werben, dass wir als glaubende Christen und Christinnen in der Kirche bleiben und auch diejenigen, die sie verlassen, zu gewinnen suchen. Da wir in der heiligen Kommunion miteinander deshalb verbunden sind, weil Jesus sich mit jedem Einzelnen in Seinem Leib verbindet, dürfen wir mit Recht bekennen: Wir empfangen nicht nur den Leib Christi, sondern wir empfangen, wie es der heilige Augustinus gesagt hat, auch das, was wir selber sind, nämlich Kirche, die zu Recht als Leib Christi bezeichnet wird.

In dieser Verbundenheit zu bleiben, kann mitunter eine große Herausforderung sein, aber auch ein Trost. Es ist die Herausforderung, mit allen Kräften daran zu arbeiten, den Frieden zu suchen und unter den Menschen Beziehungen zu stiften. Es ist auch ein Trost, weil wir entlastet sind von dem, der uns das alles geschenkt hat, weil Er zu Recht als das Lamm Gottes angerufen wird, das alle Schuld der Welt hinwegnimmt.

In Mithaftung genommen

Natürlich tröstet mich dabei auch immer der Gedanke, dass derjenige, der am ehesten Grund hätte, aus dem „Laden der Kirche“ auszusteigen, der Herr selber ist, weil Er immer wieder erfährt, wie diejenigen, die sich nach Ihm nennen, mit der kostbaren Botschaft umgehen. Aber Er bleibt treu, und Er trägt auch dieses Versagen mit. Das gibt mir auch Kraft, in Mithaftung gezogen zu werden für Taten, die ich nicht verursacht habe, und für die ich unmittelbar nicht verantwortlich bin. Und wie viele von Ihnen, besonders wenn Sie sich haupt- und ehrenamtlich in der Kirche engagieren, werden zur Zeit in Mithaftung genommen, obwohl Sie sich nichts vorzuwerfen haben!

Ich möchte allen danken, die die Mitarbeit in der Kirche trotz der furchtbaren Skandale nicht aufgegeben haben. Ich möchte Sie auch einladen, nicht nachzulassen, weiterhin den Frieden zu suchen, wo auch immer Sie es können. Jesus begegnet uns in der Eucharistie als verwundeter Erlöser. Jesus heilt, wozu wir nicht in der Lage sind. Er kann uns durch die Gemeinschaft mit Seinem Leib zusammenführen. Er begegnet uns in unserer Trauer, in unseren Wunden, weil er der Verwundete ist.

Erneuerung braucht Bereitschaft, beim Herrn zu bleiben

Liebe Schwestern und Brüder, ein solches Wort passt meines Erachtens gut in die österliche Bußzeit. Die Aufgaben, die Kirche zu erneuern, sind schwer, und die Verantwortlichen in der Kirche können sie tatsächlich nicht alleine tragen. Wir werden daran arbeiten, Täter und Vertuscher genau zu identifizieren und zu benennen.

Wir brauchen die Mithilfe, auch die innere geistliche Kraft aller. Ich denke, dass wir in einer Kirche wie in einer Gesellschaft, die sich oft als gespalten und zerrissen darstellt, von innen her geheilt werden, weil wir an einer Stelle teilnehmen am Leiden dessen, der gerade durch das Kreuz uns Seinen Frieden schenkt. Ich bin überzeugt davon, dass eine innere Erneuerung der Kirche nicht letzten Endes von Strukturen und Aktionen her kommt, sondern von der inneren Bereitschaft, beim Herrn zu bleiben und möglicherweise auch mit Ihm den Kreuzweg zu gehen.

Beten wir füreinander

In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen auch im Ernst dieser Situation tiefe Freude darüber, dass im Sterben und Auferstehen Jesu Christi Gott uns die entscheidende Tat des Friedens und der Versöhnung geschenkt hat. So segne Sie der Allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Beten wir füreinander in der Feier der Eucharistie, in der Begegnung mit dem Herrn in der Kommunion. Ich grüße Sie herzlich als Ihr Bischof Felix Genn.