Große Unterschiede, kleine Gemeinsamkeiten?

Donald Trump besucht Papst Franziskus am Mittwoch

Ein gut gemeinter Tipp, den Donald Trump vor seinem ersten Treffen mit Papst Franziskus bekam. Mehrere einstige US-Botschafter am Heiligen Stuhl rieten dem Präsidenten zu einer für ihn ungewohnten Tugend: Demut. Trumps übliche Prahlerei werde bei Franziskus, den er am Mittwoch im Vatikan trifft, nicht gut ankommen, sagte Ken Hackett, Vatikanbotschafter unter Barack Obama, der Zeitschrift „National Catholic Reporter“. Er würde stattdessen gutes Zuhören vorschlagen.

Die „Huffington Post“ tippt auf eine ziemlich unangenehme Begegnung. Und der Chefredakteur des „National Catholic Reporter“, Dennis Coday, wünscht sich: „Wenn Trump Franziskus trifft, wäre ich gerne eine Fliege an der Wand.“ Wenn sich die Tür im Apostolischen Palast am Morgen des 24. Mai um halb neun hinter dem vielleicht mächtigsten Staatsführer und dem wohl einflussreichsten geistlichen Führer der Welt schließt, halten die Medien den Atem an.

„Showdown“ im Vatikan

Das von Trump ersuchte und vom Papst gewährte Treffen umweht der Hauch eines „Showdown“. Hier der Argentinier Franziskus, ein „Progressiver“ aus einem kriselnden Land. Ein Mann, der Frieden predigt und Dialog fördert. Dort der Milliardär aus dem reichsten Staat der Welt - den der US-Vatikankenner John Allen als „feurigen Apostel des America First“ charakterisiert.

In der Sache trennen die beiden Welten, ob Einwanderung, Armutsbekämpfung oder Klimawandel. Auch in der Anwendung der Mittel gibt es, freundlich gesagt, Kontraste. Franziskus erwähnte Trump nicht mal beim Namen, als er auf dem Rückflug von Ägypten eine friedensbetonte Nordkorea-Diplomatie einforderte. Die Adresse war dennoch eindeutig: Diplomatie, so der Papst, solle auf der „Kraft des Gesetzes“ beruhen, nicht auf dem „Gesetz der Kraft“.

Papst der Barmherzigkeit trifft Präsident der Egomanie

Trump seinerseits wird sicher nicht zur Beichte nach Rom fliegen. Es geht ihm darum, seine Positionen zu Politik, Wirtschaft und Menschenrechten zu erklären - immer interessant - und Gemeinsamkeiten zu betonen.

Der Papst der Barmherzigkeit und der Präsident der Egomanie und des Bombasts: Beide setzen sich für den Schutz ungeborenen Lebens ein, für Aspekte der Religionsfreiheit und für die Verteidigung der Christen im Mittleren Osten. Die Bekämpfung des Terrorismus hatte Trump erst am Sonntag bei seiner Rede vor Dutzenden arabischen Staats- und Regierungschefs in Riad in religiösen Kategorien beschrieben: als „Kampf zwischen Gut und Böse“.

Gegenseitige verbale Spitzen

Jenseits dieser überschaubaren Schnittmenge haben sich Trump und Franziskus verbal heftiger beharkt, als es der diplomatische Kodex eigentlich vorsieht. „Eine sehr politische Person“ nannte Trump den Papst, weil der bei seiner Mexiko-Reise im Februar 2016 mit einer Messe auf der mexikanischen Seite der Grenze ein unübersehbares Zeichen der Verbundenheit mit den Einwanderern setzte.

Franziskus' Kommentar zu Trumps geplantem Mauerbau war eindeutiger. Wer Mauern baue, handele nicht christlich, ließ er wissen. Die Retourkutsche: Der Papst könne im Fall eines IS-Angriffs auf den Vatikan nur beten, dass er, Trump, dann Präsident sein werde.

Keine Konfrontationen mit Trumps Vorgängern

Konfrontationen solcher Art waren Trumps Vorgänger Obama fremd, als er 2014 und 2015 mit Franziskus zusammentraf, einmal im Vatikan und einmal in Washington. 2009 begegneten sich Obama und Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. Auch dort prägten Respekt und gegenseitige Wertschätzung das Treffen.

Die ungewöhnlich unverblümte wechselseitige Kritik verrät einiges über den Werdegang der beiden mächtigen Männer vom amerikanischen Kontinent. Beide ziehen ihre Energie aus ihrem Volk. Und beide schrecken nicht davor zurück, sich mit den Eliten anzulegen: Trump mit dem republikanischen Partei-Establishment und den liberalen Medien, Franziskus mit den konservativen Kräften der Beharrung in der Kirchenhierarchie - und Geldleuten wie Trump.

„Schritt für Schritt vorangehen“

Papst Franziskus sprach sich vor dem Treffen mit Trump für Offenheit aus. „Er wird sagen, was er denkt, und ich werde sagen, was ich denke.“ Es gebe „immer Türen, die nicht ganz zu sind“. Man müsse stets über Gemeinsamkeiten sprechen und „Schritt für Schritt vorangehen“. Frieden sei „eine Handwerkskunst“.

Das Treffen steht unter extremen Sicherheitsvorkehrungen. Insgesamt fünf „rote Zonen“ mit Straßensperren und verschärften Kontrollen werden eingerichtet. Luftverkehr über der Stadt ist untersagt.