Gottesdienstteilnehmer verließen protestierend die Heilig-Geist-Kirche

Eklat bei Predigt über Missbrauch und Vergebung in Münster

Zu einem Eklat hat eine Predigt über Vergebung und Missbrauch in der Münsteraner Kirche Heilig Geist geführt. Während der Ausführungen des emeritierten Pfarrers Ulrich Zurkuhlen (79) verließen zunächst ein Teil des Chores, später rund 70 Gottesdienstteilnehmer unter lautem Protest die Kirche.

Was war geschehen? Nach Auskunft von Teilnehmern des Gottesdienstes hatte Zurkuhlen in seiner Predigt zunächst von zwei Frauen erzählt, deren Gespräch er zufällig mitbekommen habe. Sie hätten unablässig von sich und ihren Befindlichkeiten gesprochen und sich schließlich massiv abfällig über ihre verflossenen Ehemänner geäußert. Zurkuhlen warb dafür, einander auch vergeben zu können und bezog diese Äußerung auf Priester, die als Täter Minderjährige sexuell missbraucht haben. Auch ihnen müsse vergeben werden. Im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“ bestätigte Zurkuhlen diese Darstellung.

Das sagt eine Gottesdienst-Teilnehmerin

„Ich höre ihn eigentlich gern predigen“, sagt eine Frau, die schon seit Jahrzehnten in der Pfarrei aktiv ist. „Als er aber bei dem Thema Vergebung plötzlich den Bogen zum Missbrauch in der Kirche zog, habe ich gedacht, ich hätte mich verhört.“ Ulrich Zurkuhlen habe über einen befreundeten Priester berichtet, der als Täter beschuldigt werde. Es müsse an der Zeit sein, ihm zu vergeben.

Einige Gottesdienstbesucher hätten die Predigt von Zurkuhlen unterbrochen und mit ihm diskutiert. „Es wurde laut und hektisch im Altarbereich – das ging überhaupt nicht mehr.“ Der Pfarrer habe seine Predigt dann nicht zu Ende geführt. Ein Großteil der Gemeinde habe sich auf dem Kirchplatz versammelt und diskutiert. Der Tenor sei deutlich gewesen: „So etwas geht gar nicht.“

Das sagt Pfarrer Ulrich Zurkuhlen

„Das war ein echter Schock“, sagt auch Zurkuhlen im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“. „So etwas habe ich in den 54 Jahren meines Lebens als Priester noch nicht erlebt.“ Er sei mit seiner Stimme nicht gegen „den schreienden Mob“ angekommen, habe seinen Standpunkt und vor allem die biblisch so wichtige Bedeutung von Vergebung nicht darlegen können. So habe etwa Jesus der Ehebrecherin und der barmherzige Vater dem verlorenen Sohn vergeben. Das sei ein Vorbild für jeden: „Wir beten ja nicht umsonst im Vaterunser: Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Zurkuhlen beklagte im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“, dass sogar Bischöfe von Priester-Tätern als „Verbrecher“ sprächen, obwohl diese durchaus auch gute Seelsorger gewesen seien. „Niemand ist nur abgründig böse“, sagte Zurkuhlen, „oft verbinden sich Güte und Schuld miteinander oder stehen ohne Berührung nebeneinander.“ Es sei „allmählich Zeit, dass die kirchlichen Hierarchen nach langer Zeit auch mal ein Wort der Vergebung sagen können.“

Gegen das „kollektive Protestgeschrei“ in der Heilig-Geist-Kirche sei er nicht angekommen. Er hätte kein Problem damit gehabt, „wenn Leute während der Predigt gesagt hätten: Das finde ich bescheuert, was Sie da sagen.“ Das habe er bei Jugendgottesdiensten immer wieder erlebt und begrüße er. „Aber das war ja jetzt gar nicht möglich.“

Das sagt der leitende Pfarrer Stefan Rau

Stefan Rau bedauerte als leitender Pfarrer der Pfarrei St. Joseph, zu der die Heilig-Geist-Kirche gehört, das Geschehen. „Ich versuche immer, meinen Kollegen im Pastoralteam den Rücken zu stärken“, sagte er im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“. „Aber das hier ging gar nicht.“ Die Predigt-Analogie von lästernden Frauen und dem Opfer-Täter-Verhältnis sei „mehr als unbedacht“: „Das Thema Vergebung ist keine Bringepflicht der Opfer. Dieser Eindruck ist wohl entstanden – und das dürfen wir nicht so stehen lassen.“ Aus diesem Grund hat die Gemeinde zu einem öffentlichen Gespräch am Montag, 8. Juli, 19.30 Uhr im Gemeindetreff Heilig Geist über die Predigt von Pfarrer Zurkuhlen eingeladen.

Disziplinarische Folgen werde die Predigt zunächst nicht haben, sagte Rau. Er hat über die Predigt und die Reaktionen auch mit dem Interventionsbeauftragten des Bistums Münster, Peter Frings, gesprochen. „Es gab bereits ein Gespräch mit dem betroffenen Priester und dem gesamten Seelsorgerteam, und es wird ein weiteres Gespräch geben.“ Rau zeigte sich auch deshalb betroffen, „weil wir eine der ersten Pfarreien im Bistum waren, die ein Präventionskonzept verfasst und eingeführt haben. Dazu gehört auch, die Perspektive der von Missbrauch Betroffenen einzunehmen und sie zu ermutigen, sich beim Bistum Münster zu melden.“

Besonders schlimm sei: „Wir wissen, dass von Missbrauch Betroffene in dem besagten Gottesdienst waren.“ Mit diesem Fakt konfrontiert, sagte Pfarrer Zurkuhlen im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“: „Das war mir nicht bewusst.“

Das sagt das Bistum Münster

Das Bistum Münster begrüßte die Gesprächsankündigung. Dies sei „das richtige Signal“, sagte Bistumssprecher Stephan Kronenburg der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Da die Predigt frei gehalten worden sei und nicht schriftlich vorliege, könne sich das Bistum zum Inhalt nicht äußern. Jedoch sollten bei allen Bemühungen zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs „zunächst die Opfer im Mittelpunkt stehen und nicht die Täter“.

Update 15.43 Uhr: Reaktion des Bistums Münster (KNA)