Aufarbeitung von Kirche nach 50 Jahren „Flower Power“

Tagung: „Kirche im Wandel“ soll den „Ball der 68er aufnehmen“

Der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, sieht die katholische Kirche in einem „radikalen Wandel“, in dem sie sich in vielen Bereichen gleichzeitig verändern müsse. „Wir haben gar keine Zeit, erst das eine und dann das andere zu machen“, sagte er am Wochenende in Mülheim bei einer Tagung zur Wirkung der 1968er Jahre auf die Kirche von heute.

Aus Sicht der Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Claudia Lücking-Michel, haben die kirchlichen Verantwortlichen noch nicht alle „Hausaufgaben“ aus dieser Zeit gemacht: 50 Jahre nach den Umbrüchen der „68er“ und dem von diesen Umbrüchen geprägten Essener Katholikentag müsse die Kirche „den Ball der 68er aufnehmen“ und sich Themen wie Frauen, Demokratisierung und Mitbeteiligung sowie synodalen Strukturen annehmen, um zukunftsfähig zu sein. Nur bei echter Mitbestimmung seien die Kirchenmitglieder auch künftig bereit, die Kirche mitzufinanzieren, sagte sie mit Blick auf das Thema Kirchenaustritte.

Püttmann: 68er wollten Lebensbedingungen verbessern

„Letztlich ging es den 68ern um eine Verbesserung der Lebensbedingung der Menschen“, betonte der Publizist Andreas Püttmann. Aus dieser Motivation heraus gehe es darum, „die Menschenverächter von heute in die Schranken zu weisen: Jahrelang hat man in Deutschland gegen einen Faschismus gekämpft, der keiner war - jetzt ist er da und es heißt: Alle Mann an Deck“, so Püttmann.

Hier seien „beide großen Kirchen echte Bastionen gegen die Dehumanisierung.“ Allerdings sollten sich gerade die Bischöfe noch klarer und wahrnehmbarer äußern, „wenn in der öffentlichen Debatte gegen die Menschwürde argumentiert wird“. Lücking-Michel verwies auf das kirchliche Engagement in der Flüchtlingshilfe und der Entwicklungspolitik und sagte: „Gut, dass wir da von den 68ern auf den richtigen Weg gebracht worden sind.“

Nocke: Es gab immer schon Inseln des Glaubens

Franz-Josef Nocke, emeritierter Theologie-Professor und im Kontext der Reformbewegungen der 68er Mitbegründer des „Essener Kreises“, sieht in der Gesellschaft nach wie vor „einen großen Bedarf am Evangelium“. Die Menschen kämen heute weniger in die Kirchen, „aber es gibt immer noch so viele Menschen, die darauf warten, persönlich bejaht, ernst genommen und geliebt zu werden. Das ist für uns der Kern des Evangeliums.“

Auch Nocke glaubt nicht, „dass die Gemeinden den aktuellen Schrumpfungsprozess stoppen können“. Die Kirche werde künftig „nicht mehr so groß sein, aber das ist auch nicht so schlimm“, sagt der 85-jährige Priester aus der Duisburger Karmel-Gemeinde. Aus der 68er-Bewegung hätten sich in der Kirche viele kleine Gruppen entwickelt, in denen sich die Katholiken „gegenseitig in ihrem Glauben vergewissern“. Solche kleinen Gruppen als „vernetzte Inseln des Glaubens“, sieht Nocke auch als eine Basis für die Kirche der Zukunft.

Weisner: Wir müssen uns nicht wundern, wenn niemand mehr kommt

Für Christian Weisner aus dem Bundesteam von „Wir sind Kirche“, ist der Geist der 68er und des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) zumindest in den kirchlichen Reformgruppen bis heute präsent. Nun sei es die „Verpflichtung der ,Generation Konzil‘, diesen Geist weiterzugeben“. Kontraproduktiv seien da Entwicklungen wir der aktuelle Streit um die gemeinsame Kommunion für katholische und evangelische Ehepartner: „Wenn wir als Kirche Verbots- statt Willkommensschilder aufstellen, müssen wir uns auch nicht wundern, wenn niemand mehr kommt“, sagte Weisner.