„War Dreikönig noch kein Winter, folgt auch keiner mehr dahinter“

Was der „Bauernregelpapst“ über den Winter voraussagt

Winter in Sicht. Für die kommende Woche erwarten die Meteorologen Dauerfrost. Jurik Müller nimmt das hin: Der pensionierte Agrarmeteorologe zählt zu den bekanntesten „Wetterfröschen“ Ostdeutschlands – auch weil der 68-Jährige sich über Jahrzehnte einen Namen als „Bauernregel-Papst“ gemacht und mehrere Bücher mit Überschriften wie „Die 444 besten Bauernregeln“ veröffentlicht hat.

Als Liebhaber von Bauernregeln dürfte er über den aktuellen Wettertrend allerdings nicht zufrieden sein. Denn die vermeintliche Volksweisheit lässt eigentlich mildes Winterwetter erwarten: „War bis Dreikönig noch kein Winter, so folgt auch keiner mehr dahinter“, heißt nämlich die Bauernregel, die nach Einschätzung Müllers einen hohen Prognosewert hat. „Nur in zwei von zehn Fällen gibt es einen strengen Restwinter, wenn es bis zum Dreikönigstag mild war“, hat der frühere Leiter der Außenstelle Agrarmeteorologie beim Deutschen Wetterdienst in Leipzig ermittelt. Aber es gibt halt immer Ausnahmen von der Regel.

Bauernregeln, die keine wurden
Lange pflegte die „Kirche+Leben“-Redaktion ihren „Gießbert“: einen Wetterfrosch in der Bistumszeitung, der nur bedingt schlüssige Prognosen mit dem Kirchenjahr verband. Hier eine kleine Auswahl:
Schneit es auf Sankt Marius, geht’s zur Andacht mit dem Bus (19. Januar).
Ist's zu Lichtmess hell und klar, ist es zweiter Februar.
Kommt ein leichter Regenguss, kratzt's im Hals trotz Blasius (3. Februar).
Schneit es heftig zu Matthias, wird der Diakon zum Ski-Ass (24. Februar).
Wenn's am Aschermittwoch schneit, ist die Fastenzeit nicht weit.
Sitzt der Mönch im März im Garten, kann man lauen Lenz erwarten.
Regnet es ins Osternest, wird’s ein feuchtes Osterfest.

„Wissenschaftliche Arroganz“

Wissenschaft oder Erfahrungswissen? Der promovierte Meteorologe sammelt seit über 35 Jahren Wetterregeln und testet sie. Viele Regeln, insgesamt 4.000, hat der Meteo-Lyriker, wie er sich selbstironisch bezeichnet, auch selbst gedichtet – mit hohem Wahrheitsgehalt, wie er beteuert. Müller weiß, dass viele Berufskollegen die Bauernregeln eher mit Spott betrachten. „Das zeugt von wissenschaftlicher Arroganz.“ Denn schließlich gibt es wissenschaftliche Wettervorhersagen erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch schon seit Jahrtausenden beobachten die Menschen das Wetter und stellen Regeln auf, die bei Aussaat und Ernte helfen.

Seit dem Mittelalter, berichtet Müller, hätten Mönche die lange mündlich weiter gegebenen Weisheiten auch aufgezeichnet. Seitdem sind viele Volksweisheiten auch mit dem christlichen Heiligenkalender verbunden. Mehr als 90 sogenannte Wetter-Lostage gibt es, hat Müller festgestellt: Das sind Tage, die nach dem Volksglauben einen Hinweis auf die Wetterentwicklung der folgenden Wochen oder Monate geben. Bekannteste Beispiele sind Mariä Lichtmess am 2. Februar oder Siebenschläfer am 27. Juni.

Heilige und Hochdruckwetter

Natürlich ist der Januar ein spannender Monat, weil Frühling und Aussaat anstehen. „Wenn zu Antoni die Luft ist klar, gibt's bestimmt ein trocknes Jahr“, zitiert Müller eine Regel zum Festtag des heiligen Antonius am 17. Januar. In 70 Prozent stimme dieser Zusammenhang, beteuert der Meteorologe und verweist auf beständige östliche Luftströmungen, die wenig Feuchtigkeit mit sich tragen.

Auch der Tag der Heiligen Fabian und Sebastian am 20. Januar hat Bedeutung: „Schütten Fabian und Sebastian viel Schnee aufs Dach, wird vor Matthias (24.02.) der Frühling nicht wach“, heißt es. Tatsächlich herrsche in 80 Prozent der Jahre während der Zeit vom 16. bis 26. Januar überwiegend niederschlagsarmes, frostiges Hochdruckwetter vor. Dass die Saaten bei harter Winterkälte dann unter tiefem Schnee bestens aufgehoben sind, unterstreicht der Reim: „Verschließt tiefer Schnee zu Sebastian die Saaten, wird unser täglich Brot gut geraten.“

Kalenderreform und Klimawandel

Zugleich mahnt der Meteorologe zu einem kritischen Blick auf die Lostagsregeln. Etliche von ihnen stammen aus der Zeit vor der von Papst Gregor VIII. angeordneten Kalenderreform von 1582, bei der einfach zehn Tage gestrichen wurden. Schwierigkeiten beim Erkennen von Wettergesetzmäßigkeiten dürfte auch der Klimawandel hervorrufen. Die Trefferquote mancher Bauernregeln dürfte sich verringern, anderer sich aber verbessern, vermutet Müller. Aber auch, wenn manche Regel nicht mehr brauchbar scheine, gehöre sie doch zum Kulturgut.

Nicht zu bestreiten ist, dass die Tage bald wieder deutlich länger werden. Eine anschauliche Regel gibt es auch dafür. Sie beschreibt, wie die Tage nach der Wintersonnenwende am 22. Dezember länger werden: „Weihnachten um ein' Mückenschritt, Silvester um ein' Hahnentritt, Dreikönig um ein' Hirschensprung und Lichtmess um ein' ganze Stund.“