Bastian Rütten aus Kevelaer fragt sich: Wieviel Gott ist in der Kirche?

Auslegung der Lesungen vom 2. Sonntag der Osterzeit (C)

Geht es in der Kirche wirklich noch um Gott? Können Menschen ihn dort erfahren? Auch der Apostel Thomas hat Zweifel, ob der, der vor ihm steht, wirklich Jesus, der Gottessohn ist. Gedanken von Bastian Rütten aus Kevelaer.

„Die Kirche hat ein Glaubwürdigkeitsproblem!“ So konnten und können wir es derzeit immer wieder hören und lesen. Ob man uns noch Vertrauen schenkt oder nicht, ob man uns noch Gehör schenkt oder nicht, ob man uns überhaupt noch ernst nimmt oder nicht – das hängt zunehmend daran, ob wir glaubwürdig sind, echt und wahrhaftig. Durch die zahlreichen Skandale hat sich gezeigt: Unser Handeln und unser Selbstverständnis als Kirche war oftmals alles andere als glaubhaft und edel.

Die Theologin Dorothe Sölle erzählt in einem ihrer Bücher von einem Ausflug mit ihrem Enkelkind. Zusammen hatten sie auch eine Kirche besucht, die am Wegrand zufällig offen war. Als die beiden den Kirchraum verlassen hatten, sagte die kleine Enkeltochter damals: „Ist kein Gott drin!“

Predigen wir uns selbst?

Die Lesungen des 2. Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Diese Erzählung blieb mir in Erinnerung und sie stößt in meinem Alltag manchmal plötzlich auf. Hier und da fragt sie mich an: Ist in dem, was wir tun und wie wir es tun, tatsächlich „Gott drin“? Kann erkennbar werden, dass wir nicht uns selber predigen, sondern diesen Jesus von Nazareth, den Menschenfreund und Gottessohn? Scheint etwas von dem durch, was das Besondere an unserer Botschaft ist?

Wir dienen dem Leben, weil es für uns Menschen ewig währt. All das wird man uns nur schwer bis gar nicht glauben, wenn unsere Form den Inhalt verdeckt. Wo eine Kirche mit ihr anvertrauten Mitteln herumspekuliert und Misswirtschaft betreibt, da muss uns die Aussage nicht wundern: „Ist kein Gott drin!“ Wo die Rechte von Menschen und deren Achtung und Wertschätzung eingeschränkt werden, da darf uns das Fazit nicht erschrecken: „Ist kein Gott drin!“

Knallharte Fragen von außen

Wo Menschen unter dem missbräuchlichen Verhalten lebenslang leiden und zerbrechen, da gilt das gleiche: „Kein Gott drin!“ Wo wir den Zeitgeist der Gegenwart als vermeintlichen Feind geradezu bekämpfen, ohne mit Paulus erst einmal alles zu prüfen und dann das Gute zu behalten: Kein Gott. Seit jeher hat es Menschen gebraucht, die von außen und ohne Kontakt zum System knallhart die richtigen und angebrachten Fragen stellen.

Denken Sie an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Die Illusion, der sich alle bewusst sind, geht so lange gut, bis ein Kind herausschreit: Der Kaiser ist nackt! Viele hatten es gewusst, aber sich nicht eingestehen wollen. Einige haben am Ende vielleicht sogar selber geglaubt, es seien die edelsten Stoffe. Dabei war es ganz sachlich gesehen so: Da war nichts!

Wer Thomas heute ist

Im heutigen Evangelium begegnet uns Thomas. Von ihm sagt der Volksmund, er sei der „Ungläubige“. Warum das so ist, scheint klar. Er sagt es knallhart und unverfroren heraus: „Wenn ich nicht sehe, glaube ich nicht, nicht, überhaupt nichts!“ Er kann sich vom Hörensagen eben nicht überzeugen lassen. Zu viel hat er erlebt. Vielleicht ist sein Vertrauen zu oft ausgenutzt, sein Zweifel seine Überlebensstrategie geworden. Vielleicht wurde ihm im Leben schon zu oft, zu hart mitgespielt; wurde seine Liebe mit Hass, seine Treue mit Untreue, seine Freigiebigkeit und Ehrlichkeit mit kühlem Kalkül belohnt.

Der Autor
Bastian Rütten.
Bastian Rütten ist
Theologischer Referent
im Wallfahrtsort Kevelaer. | Foto: privat

Es gibt solche Menschen, auch heute. Ich habe Respekt vor ihnen und ihrer Geschichte. Aus diesen Erfahrungen heraus tun sie unserer Gesellschaft und unserer Kirche gut. Wir brauchen sie, unbedingt und auf jeden Fall. Der Thomas von heute ist Mann oder Frau, Kind oder Jugendlicher. Er oder sie gibt sich nicht mit Traditionen und Konventionen zufrieden. Der Thomas von heute hakt nach, ist kritisch, bohrt in die offene Wunde hinein.

Unbequem und knallhart

Der Thomas von heute traut nur dem, was er gesehen und gefühlt hat. Er verlässt sich nicht allein auf ein rührseliges Bauchgefühl. Aber wenn der Kopf „Ja“ sagt, kommt sein Bauchgefühl schnell hinterher. „Mein Herr und mein Gott!“, antwortet der Thomas im Evangelium und ist für mich darum nicht der Ungläubige, sondern der Gläubige. Ich persönlich wünsche mir manchmal Thomas-Gene. Immer dann, wenn ich zum Beispiel in den Modus des „Business as usual“ verfalle.

Ich brauche ein wenig Thomas, wenn ich aus dem Blick verliere, dass die Menschen um mich herum mit ihren Sorgen und Nöten nicht ernst genommen werden. Dann braucht es einen Thomas. Unbequem, ehrlich, knallhart. Lassen wir uns öfter mal den Finger in unsere Wunden legen und probieren wir es selber aus. Ich möchte nämlich, dass man zu Recht sagt: „Bei uns, da ist Gott drin!“    

Sämtliche Texte der Lesungen des 2. Ostersonntags (Lesejahr C) finden Sie hier.