Jan Loffeld über 153 Fische, drei Fragen an Petrus und innere Freiheit

Auslegung der Lesungen vom 3. Sonntag der Osterzeit (C)

Das Evangelium dieses Sonntags erzählt gleich mehrere Begegnungen der Jünger mit dem auferstandenen Jesus. Was sie für uns Christen heute bedeuten, sagt Jan Loffeld, Priester des Bistums Münster und Professor in Utrecht.

Inmitten von historischen Grachten und „gezelligen terrasjes“ steht in Utrecht auf hohem Sockel eine Statue des heiligen Willibrord. Er kam im 8. Jahrhundert als Mönch und Missionar aus dem späteren England und gilt bis heute als „Apostel der Niederlande“. In Willibrords Missionsschule unweit der heutigen theologischen Fakultät sind der aus Utrecht gebürtige heiligen Liudger sowie zeitweise auch der heiligen Bonifatius ausgebildet worden.

Die Lesungen des 3. Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Während des Protestes gegen den Papstbesuch in den Niederlanden 1985 wollte man Willibrord von seinem Sockel stürzen. Heute, wo Glaube und Kirche kaum noch die Mühe des Widerstands wert sind, steht er immer noch da. Die niederländische Kirche erlebt gewissermaßen das Evangelium des heutigen Sonntags in umgekehrter Reihenfolge: Fast nirgends war das kirchliche Leben vor dem Konzil so reich, und beinahe nirgendwo ist es binnen weniger Jahrzehnte so umfassend zusammengebrochen. Vermutlich hat das „Trendland Holland“ dabei jedoch nur Prozesse vorweggenommen, die unter einer institutionell-kirchlichen Abdeckung inzwischen überall in Europa sichtbar sind.

Wofür stehen die 153 Fische?

Die 153 Fische im Evangelium sind hingegen ein Bild für die kirchliche Fülle. Sie stehen für alle seinerzeit bekannten Nationen. Das Evangelium ist universal ausgerichtet. Zugleich hat Gott als großes Geschenk die Freiheit in die Schöpfung hineingelegt, und diese zeigt sich zunehmend in einer Freiheit von seinen Zu- und Ansprüchen. Vor diesem Hintergrund ist dies Evangelium gerade in seiner Langfassung faszinierend komponiert: Nach der Fülle des Fischfangs geht es sozusagen vom Kollektiv zur Person.

Das Christentum wurzelt in erster Linie im persönlichen Angesprochensein durch den Auferstandenen und die freie Antwort darauf. Das nimmt uns kein Milieu mehr ab – Gott sei Dank. Deshalb ist diese Weise des Christseins die vielleicht ehrlichste und freieste, die es seit der Antike gab. Es zeigt sich darin womöglich eine neue Weise, wie es nach dem Abschmelzen der Milieukappen gehen könnte: Jesus bietet seinen Blick der liebenden Aufmerksamkeit, der Petrus sogar die Schuld des Verrats verzeiht, jedem Menschen an.

Tragfähiges Lebensprogramm

Dafür stehen die dreifache Frage Jesu sowie vorher das Kohlenfeuer, das bei Johannes nur hier und in der Verratsszene vorkommt. Von daher ereignet sich alles Weitere. Diese Weise des Christseins erlebe ich bei unseren Studierenden. Statt eines volkskirchlichen oder pfarrlichen Hintergrunds haben beinahe alle eine Geschichte von Konversion oder Bekehrung, einige sind sogar konfessionslos.

Allesamt sind sie jedoch junge Leute, die sehr wiss- und erfahrungsbegierig nach einem tragfähigen Lebensprogramm inmitten einer nachchristlichen Gesellschaft sind. Es könnte lauten: „Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt“ und: „Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich (versuche zu) liebe(n).“ Wir stehen in einer Situation, die diese Texte in einem ganz anderen Resonanzraum hören lassen als Generationen vor uns.

Der Autor
Jan LoffeldJan Loffeld ist Priester des Bistums Münster und Professor für Praktische Theologie in Utrecht (Niederlande). | Foto: privat

Die Begegnung mit dem Auferstandenen besaß offenbar für Petrus eine dermaßen starke Veränderungskraft, dass seine Angst des Karfreitags völlig passé war, weder vor politischen Mächten, noch vor Verfolgung oder Missachtung seiner Botschaft: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Gerade an der Figur des Petrus lässt sich ablesen, wie stark diese Begegnung damals gewesen sein muss, wie groß die innere Freiheit, die sie schenkt. Und wenn es stimmt, dass Jesus lebt, besitzt die Begegnung mit ihm diese Kraft auch heute.

Der Missionserfolg der ersten Christen und der späteren Missionare lässt sich historisch unter anderem so erklären, dass es in ihrem Leben etwas gegeben hat, das sie gegen vieles andere immunisierte und sogar das Leiden für den Herrn als Ehre empfinden ließ. Zugleich war es die Perspektive auf das Ende, die nur im Glauben zu haben war: dass es jenes „Lamm“ sein werde, das letzte Gerechtigkeit schafft.

Was Willibrord und Liudger aufbrechen ließ

Die Kirche unserer Tage steht in ganz Europa vor drängenden Fragen, bei der sie von Petrus, aber auch von Willibrord, Bonifatius und Liudger lernen kann. Denn für sie alle war es keine Frage, welches das eigentliche „Kapital“ war, das sie aufbrechen und verkündigen ließ. Gesellschaftliche Privilegien, kirchliche Deutungs- und Kontrollmacht oder eine kulturprägende Geschichte waren es nicht, die sie stark machten. Auch noch kein reicher Fischfang im Sinn eines nachhaltigen Missionserfolges. Es war vermutlich jene Erfahrung des Anfangs, dass Er lebt und wirkt, und die Perspektive auf ein Ende, das lauten wird: „Es ist der Herr!“

Sämtliche Texte der Lesungen des 3. Ostersonntags (Lesejahr C) finden Sie hier.