Jan Loffeld über Scheitern und Optimismus

Auslegung der Lesungen vom 5. Sonntag der Osterzeit (C)

Die Lesungen dieses Sonntags blicken alle nach vorn, sie sind voller Aufbruch und Vermächtnis. Jan Loffeld, Priester des Bistums Münster und Professor in Utrecht, zeigt in seiner Auslegung, wie sie die Kirche heute ermutigen können.

Im Herbst vergangenen Jahres erlebten die Niederlande eine neue Missionsreise: Sechs junge Dominikaner liefen quer durch das Land in die große Hafenstadt Rotterdam, um dort inmitten des „Manhattan an der Maas“, wie Rotterdam im Volksmund heißt, ihr altes Kloster wieder zu beleben. Begleitet wurden die jungen Mönche durch Internet-blogs, Medien und manche, die sich ihnen etappenweise anschlossen.

Die Lesungen des 5. Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

Vor einigen Jahren wollte man die holländische Dominikanerprovinz noch auflösen; derzeit spricht man vorsichtig von „groene bladeren“ (grünen Blättern). Dennoch ist erstaunlich, dass gerade in einem der säkularisiertesten Länder Europas, das Ordensleben in Bewegung zu geraten scheint: Einen ähnlichen Zuwachs erleben einige kontemplative Klöster, die die vatikanische Ordenskongregation während der 1990er Jahre noch schließen wollte. Optimistisch äußerte sich kürzlich der Bischof von Rotterdam: „Laut Statistik dürfte ich keinen Priester oder Diakon mehr weihen, de facto geschieht dies jedoch mindes­­tens einmal pro Jahr.“

Wie öffnet Gott die Tür zum Glauben?

In den Niederlanden, in denen immerhin mittlerweile mehr als 50 Prozent der Einwohner konfessionslos sind, Tendenz unter Städtern und jungen Leuten steigend, weisen nicht nur diese aktuellen kirchlichen Entwicklungen Parallelen zur Apostelgeschichte auf. Es stellt sich vor allem die Frage, wie Gott heute „den Heiden die Tür zum Glauben“ öffnet.

Diese Konfessionslosigkeit ist deshalb so interessant, weil sie nicht Produkt einer jahrzehntelangen kommunistischen Zwangsunterdrückung ist, sondern  Konsequenz moderner Freiheit. Dabei arbeitet man sich in Holland aus historischen Gründen weniger an einer „gefühlten kirchlichen Bedeutsamkeit“ ab, wie es der Sozialpsychologe Harald Welzer einmal nannte. Vielmehr muss man zunehmend realisieren, dass vieles, woran man den Glauben festmachen wollte, wie allzu feste Kirchen- oder Strukturgebäude, auch unbeweglich machen kann. Daher ist die Pilgerreise der Dominikaner vielleicht signifikant für ein neues Kirchenbild in fließenden Zeiten. Sie zeigt an, dass so manches, bislang für kirchlich unverzichtbar Gehaltene sich als Ballast für das Evangelium erweisen könnte.

Aller Visionen müde?

Die Texte des Sonntags regen an, das Heute aus der Perspektive einer verheißungsvollen Zukunft zu betrachten: neuer Himmel, neue Erde, himmlische Jerusalem, Abschaffung allen Leids, den Tod inklusive. Sind wir aber nicht, gerade in der Kirche, aller Visionen müde? Gilt nicht, wie es eine große Zeitung einmal titelte, dass heutzutage nicht Visionen, sondern nur noch Improvisationen weiterhelfen? Und dann noch die nach Sozialromantik oder Frühkommunismus riechende Geschwisterliebe im Evangelium! Erweisen sich nicht diese Träume als endgültig ausgeträumt – zumindest angesichts einer wenig kultivierten Streitkultur zwischen uns Christen, sogar unter Bischöfen?

Der Autor
Jan Loffeld.
Jan Loffeld ist Priester des Bistums Münster und Professor für Praktische Theologie in Utrecht (Niederlande). | Foto: privat

Junge Menschen erwarten, wenn nicht alle Studien irren, vieles von ihrer Zukunft. Manchmal sozialromantisch, das aber ist ihr gutes Recht. Für unsere Verkündigung stellt sich allerdings die Frage, inwieweit wir bereit sind, das Scheitern der großen Kirchen- und bisweilen sogar Liebesvisionen des Christentums einzugestehen und sie so zu wandeln, dass deren kraftvoller Kern erhalten bleibt. Das geschieht vermutlich am besten, wenn man zu unterschieden lernt, was an diesen Visionen eher eigener Wunsch als wirklich Gottes Wille war. Zudem hat es noch nie funktioniert, den eigenen Wunsch zum Maß für alle zu machen.

Was wir uns eingestehen müssen

Wenn wir aber eingestehen, dass Gott allein der Herr der Kirche ist, wird ein gesunder Realismus, mit einer Portion Pragmatismus durchmischt, ein guter Ratgeber sein. Der unausrottbare christliche Optimismus der heutigen Texte kann dazu die innere Haltung angeben.

Die Worte Jesu im Evangelium stammen aus den Abschiedsreden Jesu bei Johannes, bezeichnen also sein Testament. Das Liebesgebot ist absolut unaufgebbar. Es ist christliche DNA, ebenso wie die Gottesliebe. In Rotterdam hat der Bischof dies zum pastoralen Programm gemacht: ein „Netzwerk der Liebe“ im sozialen Brennpunkt im Süden der Stadt. Christen besuchen Menschen in Not mit der Frage nach dem, was ihr Leben jetzt gerade bereichern könnte. Mitte des Engagements ist die regelmäßig gefeierte Eucharistie, damit die innere Kraft und das Zeugnis nicht leerlaufen.

Dies zeigt, dass es sicherlich weiterhin Visionen braucht, aber auch zupackende Menschen, die Visionen im Hier und Jetzt zu realisieren suchen – ohne Angst, (sie) dabei zu verlieren.

Sämtliche Texte der Lesungen des 5. Ostersonntags (Lesejahr C) finden Sie hier.