Pfarrer Jan Kröger und „Mutti Milbrodt“, eine besondere Wegbereiterin des Herrn

Auslegung der Lesungen zum 2. Adventssonntag (B)

„Mutti Milbrodt“ ist längst im Ruhestand. Aber fast täglich kommt die ehemalige Küsterin mit dem Rollator und schaut in der Kirche nach dem Rechten. Für Pfarrer Jan Kröger aus Oldenburg ist sie eine klassische Advents-Figur. Wie ein anderer Wegbereiter auch.

In unserer Pfarrei im Norden der Stadt Oldenburg lebt ganz in der Nähe der Pfarrkirche die ehemalige Küsterin. Von allen wird sie stets „Mutti Milbrodt“ genannt. Und obwohl sie schon seit Jahren im Ruhestand ist, geht oft nichts ohne sie: Fast täglich kommt sie mit dem Rollator und schaut in der Kirche nach dem Rechten, schließt auf, schließt ab, kocht Kaffee für den Frühschoppen im Pfarrheim.

Aber nicht nur das: Mutti Milbrodt kennt fast alles und jeden in unserer Pfarrei, und natürlich kennt fast jeder sie, die Seele unserer Gemeinde. Sie ist eine wandelnde Pfarrchronik. Fast alle meine Vorgänger hat sie als Pfarrer erlebt und kennt von daher unsere Berufsgruppe recht gut. Eigentlich müsste man ihr einen Job in der Priesterausbildung geben, denn sie weiß, worauf es ankommt in der Gemeinde. Auf ihre ganz eigene Art und Weise ist sie immer präsent und besitzt eine beeindruckende Autorität gegenüber Alt und Jung.

Wie ein Ritterschlag

Seit über zwei Jahren bin ich nun Pfarrer unserer Gemeinde und habe in dieser Zeit natürlich viele Menschen kennengelernt und viele schöne Momente erleben dürfen. Aber ganz ehrlich: Quasi der Ritterschlag war der Moment, als mir Mutti Milbrodt vor einiger Zeit gewissermaßen im Vorbeigehen sagte: „Pfarrer, Sie machen das schon ganz gut alles hier.“

Das Evangelium vom 2. Adventssonntag (B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

An Mutti Milbrodt musste ich spontan denken, als ich die Bibeltexte des heutigen zweiten Adventssonntags gelesen habe. Nicht, dass sie im Kamelhaar-Gewand mit ihrem Rollator daherkommt. Auch bin ich mir ziemlich sicher, dass ihr ein ordentliches Stück Fleisch lieber ist als Heuschrecken und wilder Honig. Und doch haben Mutti Milbrodt und der Täufer Johannes, von dem heute das Markus-Evangelium berichtet, viel gemeinsam: Beide sind Wegbereiter im besten Sinne.

In unserer Pfarrei – wie in vielen anderen – gibt es immer wieder gute Ideen, neue Initiativen und Projekte. Es wird inhaltlich gut gearbeitet und geplant, jedoch für die praktische Durchführung oft Wichtiges vernachlässigt: Wer baut auf, wer baut ab, wer holt den Schlüssel ...?

Damit der Laden läuft

Hier kommt Mutti Milbrodt ins Spiel. Oftmals ohne dass sie überhaupt jemand gefragt hätte, ist sie plötzlich da und hat die entscheidenden praktischen Dinge bedacht und geregelt. Eine Wegbereiterin des Herrn in der oft steinigen Wüste einer säkularen Stadt wie Oldenburg.

Der Autor
Jan Kröger ist Pfarrer in St. Marien, Oldenburg.Jan Kröger ist Pfarrer in St. Marien, Oldenburg. | Foto: privat

Und noch ein Zweites: Mutti Milbrodt verbindet uns alle mit ihren 81 Jahren immer wieder mit den Anfängen unserer Pfarrei. Der „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ wird uns an diesem zweiten  Advent verkündet. Einen Anfang kann man dabei zeitlich – als Beginn von etwas – verstehen. Anfang kann aber zugleich auch so etwas wie Grund oder Ursprung bedeuten.

Ich freue mich immer, wenn mir Mutti Milbrodt von den früheren Zeiten in unserer Pfarrei erzählt. Sie blickt dabei nämlich nicht wehmütig zurück, sondern hat durchaus ein Gespür dafür, dass eben alles seine Zeit hat. Aber in ihrem Erzählen wird mir immer wieder deutlich, worin wir als Gemeinschaft der Christinnen und Christen im Oldenburger Norden unseren Grund und Anfang hatten und haben: Als lebendige Glieder am Leib Christi ihm mit unseren jeweils individuellen Talenten und Fähigkeiten den Weg zu bereiten. Mutti Milbrodt würde das vermutlich etwas deutlicher ausdrücken: Jeder tut das, was er am besten kann, und dann läuft der Laden!

Zurück auf Anfang

Und damit, liebe Leserinnen und Leser, sind nun wir an der Reihe. Gott hat seinen Anfang längst mit uns gemacht, aber wie steigen wir darauf ein? Wie können wir zum Anfangs-Grund unserer Gottesbeziehung kommen? Ich denke erst einmal, indem wir uns bewusst machen, dass dies genau das Gegenteil eines Rückschritts ist. Zum Anfang zurückzukehren bedeutet, aus der Kraft des Ursprungs heraus immer wieder neue Perspektiven für die Zukunft zu suchen und zu finden.

Somit formuliert dieser Evangeliumsanfang des Markus auch eine Einladung für den Advent an uns. Die Heilige Schrift lädt uns ein, in diesem Advent einmal so bewusst wie möglich auf unsere innere Sehnsucht zu hören. Es ist diese innere Sehnsucht, die den Täufer Johannes hinausführt in die Weite, in die Wüste mit ihren einfachsten Lebensverhältnissen.

Für uns hier in Norddeutschland dürfte es schwierig werden, innerhalb der nächsten 14 Tage mit Kamelhaargewand durch eine Wüste zu marschieren. Allerdings können wir daran erkennen, wie auch uns eine Rückkehr zum Anfang unserer Gottesbeziehung in diesem Advent gelingen kann: Hinausgehen in die Weite, Stille wagen und ertragen, meine innere Sehnsucht suchen und bereit sein, so mit Gott (wieder) einen Anfang zu machen.

Sämtliche Texte und Lesungen des 2. Adventssonntags (Lesejahr B) finden Sie hier.