„Aus Westfalen in die Südsee“ über christliche Mission Ende des 19. Jahrhunderts

Ausstellung in Münster zeigt Leben von Missionaren und Missionierten

Auf einem Eberkopf steht eine kunstvoll geschnitzte Malangan (Totenkult)-Figur, während ihr drei nicht minder kunstvoll gestaltete fliegende Fische in Ellbogen und Knie beißen. Wer genau hinschaut, entdeckt auf der Wange der Figur ein kleines eisernes Kreuz – markantes Zeugnis dafür, wie Schnitzer aus der Südsee um das Jahr 1900 die europäische und deutsche Bildwelt in ihre Arbeit einbezogen.

Unter dem Titel „Aus Westfalen in die Südsee“ zeigt das Stadtmuseum in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Fotografien aus dem Missionsleben, Tierpräparate und Schnitzfiguren. Die Ausstellung dokumentiert erstmals die katholische Missionsgeschichte in Ozeanien während der deutschen Kolonialzeit am Beispiel der Herz-Jesu-Missionare und der Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu aus Münster-Hiltrup sowie der Rheinisch-Westfälischen Ordensprovinz der Kapuziner.

Ausschließlich Münster-Objekte

„Die Missionsarbeit war zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den 1920er Jahren wesentlich mit Münster und Westfalen verknüpft“, betont die Leiterin des Stadtmuseums, Barbara Rommé. „Deswegen zeigen wir ausschließlich Objekte, die für Münster gesammelt, gemacht und produziert wurden. Das macht das Besondere dieser Ausstellung aus.“

Das preußisch geprägte Kaiserreich habe, nachdem es in Ozeanien zu eigenen Besitzungen gekommen sei, die Gründung von Missionsorden erlaubt, um das Christentum und ein europäisches Kulturverständnis in die Südsee zu bringen.

Aus „Wilden“ sollten „gute Christen“ werden

„Unsere Ausstellung belegt, wie unterschiedlich die Lebenswelten der Missionare und der Missionierten waren“, hebt Professorin Silke Hensel, Lehrstuhlinhaberin für außereuropäische Geschichte, hervor, die die Ausstellung gemeinsam mit Rommé erarbeitet hat. „Sie unterstreicht aber zugleich auch die Verflechtung der beiden Regionen, denn Kolonialismus und Mission haben auch die deutsche Gesellschaft, Münster und Westfalen verändert.“ So seien die Indigenen nicht nur Opfer oder Leidtragende gewesen, sondern hätten ihre eigenen Ziele auch durchaus erfolgreich verfolgt, ergänzt Barbara Rommé.

„Trotzdem wird das kulturelle Überlegenheitsgefühl der Missionare sichtbar, die den Indigenen nicht nur das ‚Seelenheil‘ bringen, sondern sie auch ‚zivilisieren‘ wollten.“ Aus „Wilden“ hätten so „gute Christen“ werden sollen, die die deutschen Lebensgewohnheiten übernahmen. Respekt vor den einheimischen Kulturen sei meist nicht vorhanden gewesen, so die Museumsdirektorin.

100 Jahre alte Tierpräparate

Zahlreiche Leihgaben der Orden, aber auch der Universitäts- und Landesbibliothek veranschaulichen das Leben der Missionare, ihre Aufgaben und wissenschaftlichen Interessen, die Beziehung zur Kolonialregierung sowie zur evangelischen Mission. Dabei lagen die Missionsgebiete in Papua-Neuguinea, dem Bismarck-Archipel, den Karolinen und Marianen-Inseln.

Mehr als 100 Jahre alte Tierpräparate, heute im Besitz des LWL-Museums für Naturkunde in Münster, zeugen nicht nur von der Tierwelt in den Kolonien und den wissenschaftlichen Interessen der Missionare, sondern auch vom wachsenden Interesse der europäischen Bevölkerung an Objekten aus den Missionsgebieten, die man als exotisch und fremdartig empfand.

Ein Mondfisch aus Papua-Neuguinea

Insbesondere Pater Gerhard Peekel, der als bedeutender Botaniker galt, bemühte sich darum, lebende Tiere wie Vögel, Schmetterlinge oder Käfer nach Münster zu bringen.

Sein Nachfolger, Pater Heinrich Fink, erwarb 50 größere Malangan(Totenkult)-Schnitzwerke, brachte sie 1928/29 nach Münster und übergab sie den Hiltruper Missionsschwestern. Darunter waren unter anderem eine wertvolle Wächterfigur und ein herausragender, für den Ahnenkult erstellter Mondfisch aus Papua-Neuguinea. Apropos Hiltruper Missionsschwestern: Auch sie brachen in die fernen Länder auf und spielten dort eine wichtige Rolle, übernahmen hauswirtschaftliche Aufgaben, unterrichteten in Schulen und wirkten als Krankenpflegerinnen. „Von daher darf man sie als Missionarinnen bezeichnen“, erklärt Barbara Rommé.

„Völkerschauen“ in Münsters Zoo

Im Schulwesen waren auch die Kapuziner aktiv und erstellten dabei unter anderem Wörterbücher und Grammatiken. Fotos aus der Kapuzinersammlung zeigen vielfältige Motive wie die Missionare mit Schulklassen oder die lokale Bevölkerung in westlicher Kleidung. „Mit diesen Fotos, die in der Heimat auf Postkarten, in Kolonialzeitungen und Büchern verbreitet wurden, betrieben sie schon damals professionelle Werbearbeit, um Einnahmen für die weitere Mission zu erzielen“, verdeutlicht Silke Hensel.

Ein heikles Produkt der Missionsgeschichte waren nicht zuletzt die sogenannten „Völkerschauen“, bei denen Indigene vor Publikum zur Schau gestellt wurden und als „typisch“ erachtete Tätigkeiten wie Jagen, Tanzen oder Handarbeiten in ihrer vermeintlich „natürlichen“ Umgebung und in „authentischer“ Kleidung vorführen mussten. Wie Museumsdirektorin Rommé ausführt, habe der damalige Zoodirektor Hermann Landois ab 1879 in dieser Weise verschiedene Völkergruppen im Zoo von Münster als „Unterhaltungsprogramm“ präsentiert. „Dabei wurden teilweise ganze Dorfszenen mit bis zu 60 Leuten dargestellt“, weiß Barbara Rommé.