53-jährige Münsteranerin leistet Friedensdienst in Palästina und Israel

Christiane Berg zwischen den Fronten im Heiligen Land

Christiane Berg, Lehrerin, 53 Jahre alt und kirchlich engagiert in Münster, arbeitet für als Freiwillige des christlichen Begleitprogramms EAPPI in Israel und Palästina.

Sie engagieren sich drei Monate lang in einem Friedensdienst für Israel und Palästina. Warum?

Vor über 30 Jahren habe ich neun Monate für eine deutsche Friedensorganisation in Israel gearbeitet. Damals lernte ich nur die israelische Seite kennen. Wir Volontäre wurden davor gewarnt, in die Westbank zu fahren und Kontakt zu Arabern aufzunehmen. Zehn Jahre später sprach ich im Unterricht meiner neunten Klasse über den Nahost-Konflikt. Zwei palästinensische Schüler, Reza und Jasmin, diskutierten mit mir. Sie meinten: „Frau Berg, Sie müssen da noch mal hin.“ Das tat ich. Ich besuchte Ramallah, Hebron, Bethlehem und das Flüchtlingslager Duheishah-Camp.
Im Lager bekam ich einen Eindruck davon, was es heißt, unter Besatzung zu leben, und ich erzählte Reza und Jasmin davon. Sie waren zufrieden damit, dass ich die Lage ihrer Leute wahrgenommen hatte. Mir reichte das nicht. Ich wollte mehr verstehen.

Sie sind mit EAPPI im Land. Was machen Sie dort?

Das Programm wurde nach einem Hilferuf der christlichen Kirchen in Ost-Jerusalem entwickelt. Unser Auftrag ist, Palästinenser und Israelis bei gewaltlosen Aktionen zu begleiten. Wir beobachten und melden Verstöße gegen Menschenrechte.

Wie sieht das konkret aus?

In meinem Einsatzgebiet, den südlichen Hebron-Bergen (­South Hebron Hills) begleiten wir Schafhirten mit ihren Herden. Sie haben Angst vor Übergriffen jüdischer Siedler. Wir tragen dann Westen mit dem EAPPI-Logo. Sie machen uns als internationale Begleiter kenntlich. Die Palästinenser sagen, dass es zu weniger Übergriffen kommt, wenn wir da sind. Was wir nicht verhindern können, ist das nächtliche Zerstören von Olivenbäumen. Dann werden wir im Nachhinein gerufen, um Bericht zu erstatten.

Demnächst hat der Schafhirte Abu Tarik eine Gerichtsverhandlung, bei der er mit einem jüdischen Siedler um sein Land kämpft. Um in Ramallah zu sein, muss er um 3 Uhr morgens aufbrechen. Abu Tarik hat uns gebeten, in der Nacht bei ihm und seiner Frau zu bleiben und den darauffolgenden Tag auf seiner einsam gelegenen Farm zu verbringen. Er hat Angst vor den Siedlern von Nof Nesher.

Wir begleiten auch Kinder, die an israelischen Siedlungen vorbei zur Schule zu müssen. Das betrifft immer nur ein kleines Stückchen Weg. Die Kinder aus Tuba besuchen zum Beispiel die Schule in At Tuwani. Ihr Weg führt 400 Meter entlang einer Siedlung und eines Außenpostens. Vor 14 Jahren gab es brutale Angriffe auf Schulkinder und ihre freiwilligen Begleiter. Einen Knesset-Abgeordneten hat das so erschüttert, dass er einen Beschluss erwirkte: Seitdem werden Schulkinder von der israelischen Armee an den Siedlungen vorbeieskortiert. Wir sind vor Ort, weil die Armee manchmal nicht kommt oder zu spät ist. Dann rufen wir sie an.

Zudem berichten wir über Zerstörungen durch die israelische Armee. Viele Häuser, Schulen oder Teile der Infrastruktur unterliegen einer „Zerstörungs-Anordnung“ der israelischen Regierung. Die Behörden begründen die Abrisse der palästinensischen Häuser mit fehlenden Baugenehmigungen – ungeachtet dessen, dass solche Genehmigungen für die Bevölkerung kaum zu bekommen sind. Das Gebiet Masafer Yatta wurde zum Beispiel zum militärischen Übungsgebiet erklärt. Zwölf traditionelle arabische Dörfer liegen dort. Sie erhielten schon 1999 vollständige Zerstörungs-Anordnungen. 700 Dorfbewohner wurden damals vertrieben. Seit 2000 gehen einige palästinensische Familien gegen die Anordnungen gerichtlich vor.

Haben Sie selbst Abrisse erlebt?

In Tuba wurden wir zu einer Hauszerstörung gerufen, wir wurden aber von Armeefahrzeugen daran gehindert, rechtzeitig dort zu sein. Als wir ankamen, saß die Familie auf den Trümmern. Diese Menschen leben jetzt in einer nahegelegenen Höhle.

Die Schulen in As Simiya und in Zanuta wurden im vergangenen Jahr abgerissen. Anschließend fand der Unterricht in Zelten statt. Schulen sind nämlich ein Politikum. Sie signalisieren: Dieses Land gehört zu Palästina. Sie helfen den Menschen, dort zu bleiben. Es gibt viele Probleme mit den Siedlern. Sie fotografieren und beschimpfen die Schulkinder oder fahren mit hoher Geschwindigkeit dicht an ihnen vorbei.

Warum sind Siedler aggressiv?

Die Minderheit der Siedler ist aggressiv. Nach einer Umfrage würden über 50 Prozent von ihnen sofort nach Israel ziehen, wenn man ihnen eine gleichwertige Wohnung anbieten würde. Solche Siedler leben aus rein ökonomischen Gründen in der Westbank, weil es billig ist. 

Problematisch ist das Verhalten einiger religiöser oder ideologischer Siedler. Sie nehmen die Bibel als eine Art Grundbuch wörtlich. Aus ihrer Sicht haben sie das Recht, in der Westbank zu leben. Diese Siedlungen und auch die von der israelischen Regierung errichteten dienen der Expandierung in der Westbank. Sie befinden sich auf den Spitzen von Hügeln und Bergen. Von dort aus breiten sie sich über den gesamten Berg aus, um die dort lebenden palästinensischen Familien zu verdrängen.

Wie reagieren die Palästinenser?

Gewalt von Seiten der Palästinenser habe ich nicht erlebt. Auch bei Zerstörungen verhalten sie sich ruhig, da sie wissen, dass sie sofort verhaftet würden. Von anderen Freiwilligen aus Jerusalem erfahre ich aber, dass es auch Provokationen durch Paläs­tinenser gibt. So wurden nach einer Schulzerstörung Molotowcocktails geworfen.

Wie  geht es Ihnen damit, all das zu sehen?

Wenn ich eine Familie auf den Trümmern ihres Hauses sehe, fühle ich mich ausschließlich hilflos. Was muss das für die Kinder bedeuten? Niemand konnte sie davor beschützen. Wenn ich sehe, dass Wasserleitungen zerstört werden, mit der Absicht, das Leben so zu erschweren, dass Menschen ihr Land verlassen, macht mich das wütend. Neutral gegenüber der israelischen Siedlungspolitik kann ich nicht sein.

Ich sehe die mentale Mauer, die durch eine systematische Politik der Angst zwischen den Menschen auf israelischer und palästinensischer Seite errichtet wird. Sie ist vielleicht noch bedrohlicher als die realen Mauern.  Eine solche Mauer teilt die Menschen auf in „Wir“ und „Die“, in Eingeschlossene und Ausgeschlossene. Die physische Mauer und die Mauer in den Herzen verhindern, sich gegenseitig zu berühren und das Leid der anderen wahrzunehmen. Ich hoffe, dass Palästinenser und Israelis die Kraft finden, aus der Totenstarre der Verhärtung und Abschottung aufzuwachen. Macht persönliche Begegnungen möglich, entdeckt euch als Menschen!

Wo leben Sie gerade?

Wir sind in Yatta, einer konservativ muslimischen Stadt neun Kilometer südlich von Hebron. Mein Team setzt sich aus einem englischen Quäker, einer norwegischen Humanistin, einer schwedischen Lutheranerin und mir deutschen Katholikin zusammen.

Haben Sie Kontakt zu Israelis?

Zum Programm gehört auch ein Halbzeitseminar. Diese acht Tage verbrachten wir in Israel. Dabei waren wir zu Gast in einer jüdischen Gemeinde, haben den Gottesdienst mitgefeiert und waren zum Shabbatmahl eingeladen. Dabei habe ich mich mit der Israelin Alona angefreundet.

Wie haben Sie EAPPI gefunden?

Ich habe EAPPI auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin kennengelernt. Beim Katholikentag in Münster gab es auch einen Stand. Aussendeorganisationen in Deutschland sind Pax Christi und das Berliner Missionswerk. Ein kirchlicher Hintergrund ist erwünscht, aber nicht notwendig. Auch Konfessionslose können teilnehmen. Jeder zwischen 25 bis 70 Jahren kann sich bewerben. Eine Voraussetzung besteht darin, mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen auf engem Raum zusammenleben zu können. Die Teams leben in Wohngemeinschaften, verpflegen sich selbst und schlafen in Doppelzimmern.

Was ist EAPPI?
Das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) unterstützt lokale und internationale Anstrengungen, die israelische Besatzung zu beenden und zu einer Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts beizutragen. Die Aktivitäten orientieren sich am Völkerrecht und UN-Resolutionen. Die Freiwilligen im Alter von 25 bis 70 Jahren begleiten Palästinenser und Israelis bei gewaltlosen Aktionen. Mehr Infos: www.eappi-netzwerk.de.