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Bischof schließt ein Scheitern des Reformdialogs aus

Dokumentiert: Wort zur Fastenzeit 2020 von Bischof Felix Genn

In seinem Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2020 geht Bischof Felix Genn auf den Synodalen Weg ein. Dabei nennt der Bischof drei Grundelemente für ein Miteinander in der Kirche. Wir dokumentieren den Text.

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In seinem Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2020 geht Bischof Felix Genn auf den Synodalen Weg ein. Dabei nennt der Bischof drei Grundelemente für ein Miteinander in der Kirche.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Herzlich grüße ich Sie zu Beginn der österlichen Bußzeit, die uns geschenkt ist, um unser christliches Leben zu bedenken, neu Orientierung zu suchen, vor allem aber, uns der Gnade bewusster zu werden, die uns durch die Taufe gegeben worden ist.

So können wir nach einer guten Zeit des Gebetes und des Fastens voll Freude und intensiv Ostern feiern, das Fest der Feste der Christenheit. Gott hat in Seinem Sohn Jesus Christus den Tod besiegt und alles, was es an tödlichen Mächten in unserem Leben gibt, durch das Übermaß seiner Gnade und Liebe überwunden.

Zu den geistlichen Übungen der Fastenzeit gehören klassisch die drei Wirklichkeiten des Gebetes, des Fastens und des Gebens. Das Fasten ist als geistliche Übung weitgehend verschwunden, wenn es auch mehr und mehr an Möglichkeiten gibt, sich im Essen und Trinken einzuschränken, um die eigene Gesundheit und das Aussehen zu fördern. Papst Franziskus hat in seinem Brief „An das pilgernde Gottesvolk in Deutschland“ im vergangenen Jahr auf diese Übung ausdrücklich hingewiesen. Ich greife das gerne heute auf und stelle den Zusammenhang dar, aus dem diese Anregung entstanden ist.

Vertrauen ist gesunken

Liebe Schwestern und Brüder, die Kirche in unserem Land und auch in unserem Bistum befindet sich in einem gewaltigen Umbruch. Durch Missbrauchstaten, auch von Seiten derer, denen die Verkündigung des Evangeliums in besonderer Weise anvertraut ist, hat es viele Wunden und Verletzungen in den Herzen von Menschen gegeben. Das Vertrauen in die Gemeinschaft der Kirche ist gesunken, ja, viele Menschen, bis in den innersten Kern unserer Gemeinden, sind zutiefst verunsichert, enttäuscht und fragen sich, weshalb sie noch „mitmachen“ sollen.

Aus diesen Erfahrungen heraus haben die deutschen Bischöfe – zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern des Gottesvolkes – entschieden, den gemeinsamen „Synodalen Weg“ zu gehen. Dieser soll helfen, Problemfelder anzuschauen und um Lösungen zu ringen, die Antworten sein können auf Fragen, die seit vielen Jahren in der Diskussion sind.

So soll die Frohe Botschaft des Evangeliums wieder glaubwürdiger werden. Viele sind eingeladen, bei diesem „Synodalen Weg“ mitzumachen. Papst Franziskus hat uns in dem eben erwähnten Brief ausdrücklich dazu ermutigt und viele gute geistliche Hinweise gegeben, unter anderem eben auch das Fasten, das als Unterstützung des Gebetes diesen Weg begleiten kann.

Auch wenn Sie selbst nicht an den Synodalversammlungen oder an einem der Foren beteiligt sind, so können Sie sich aktiv einbringen durch Ihre Anregungen, die Sie auf die Homepage zur jeweiligen Thematik schreiben. Vor allem aber habe ich Sie schon mehrfach, und ich wiederhole es heute gerne, darum gebeten, durch Ihr Gebet – unter anderem auch durch das gemeinsame Gebet zum „Synodalen Weg“, das Sie aus Ihren Gemeinden kennen – innerlich mitzutragen, dass alle, die auf diesem Weg eine eigene Verantwortung haben, sich wirklich vom Geist Gottes führen lassen. Wie auch immer das Fasten bei Ihnen ganz persönlich aussieht, wenn es auch nicht immer im Verzicht auf Essen und Trinken bestehen kann, so ist es doch zur Unterstützung dieses Gebetes und zum leibhaften Ausdruck Ihrer inneren Anteilnahme sinnvoll.

Ich möchte Ihnen heute aus den Erfahrungen, die ich selber 2018 in der Jugendsynode in Rom gemacht habe, einige Grundelemente nennen, die für diesen „Synodalen Weg“ und das Miteinander der Kirche in Deutschland von Bedeutung sind. Diese Elemente gehen grundsätzlich von einer festen Überzeugung aus: Der Heilige Geist ist real, wirklich bei diesen Überlegungen anwesend. Er ist nicht eine Größe, die wir uns als Idee vorstellen, mit der wir aber eigentlich gar nicht rechnen, sondern Er wirkt durch die Herzen aller, die Ihn seit Taufe und Firmung in sich tragen.

Bischof Felix Genn richtet sich an die Gläubigen in der Diözese Münster. | Foto: Johannes BernardBischof Felix Genn richtet sich an die Gläubigen in der Diözese Münster. | Foto: Johannes Bernard

Wirkliches Hören

Wenn wir aus der Bereitschaft leben, diesem Geist zuzutrauen, dass Er uns führt und damit auch mit Lösungen überraschen kann, die wir jetzt noch gar nicht erahnen, dann wird dieser „Synodale Weg“ im wahrsten Sinne des Wortes Früchte des Geistes tragen.

1. Hören und Wahr-Nehmen

Die Grundhaltung, die Papst Franziskus für alles synodale Tun immer wieder betont, ist die Bereitschaft, aus sich herauszugehen auf den anderen zu, indem ich wirklich zuhöre und das, was diese Person mir sagt, als wirklich annehme, wahr-nehme im wahrsten Sinne des Wortes. Normalerweise besteht unser Hören oft genug – außer dem physikalischen Vorgang – darin, dass wir beim Hören schon bereits beim Versuch einer Antwort sind, die wir dem anderen geben, oder wir bleiben sogar direkt bei uns selbst und erzählen, wenn der andere ausgeredet hat, von uns.

Ein wirkliches Hören ist aber ein Herausgehen auf den anderen hin, um in der Tiefe zu verstehen, was dieser Mensch mir sagen will. Könnte darin nicht auch etwas Richtiges und Wichtiges anklingen? Dabei werde ich auch aufmerksam sein auf das, was nicht direkt ausgesprochen wird, was aber innerlich mitschwingt, und so werde ich fähiger, angemessen auf das, was der andere mir sagt, zu antworten, vielleicht manchmal nur, indem ich schweigend dabeibleibe.

Sich auf diese Haltung einzulassen, ist eine tatsächliche Übung, die manchen Verzicht erfordert. Vielleicht kann Ihnen in der österlichen Bußzeit allein diese Übung helfen, tiefer hineinzufinden in die Beziehung zu Menschen, bis in den Kreis der eigenen Familie und Freunde.

2. Deuten des Gehörten aus dem Evangelium

Bei der Jugendsynode haben wir nach der ersten Phase des Zuhörens und Wahrnehmens uns bewusst der Frage gestellt: Was ist das Wort des Herrn, das Er uns mit dieser Wirklichkeit sagen will? Wir haben also tatsächlich realisiert, was Jesus heute dem Versucher entgegenhält: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4,4). Wir sind durchaus in der Lage, alle Wirklichkeiten unseres Lebens in Beziehung zu bringen mit dem Wort Gottes. Dazu gehört natürlich auch ein intensives Hören auf das Wort Gottes.

So wie wir auf die anderen Menschen hören, können wir uns auch innerlich ganz dem Wort Gottes, das uns in der Verkündigung in den Texten der Heiligen Schrift entgegenkommt, einlassen. Bringen wir die unterschiedlichen Wirklichkeiten unseres Lebens mit dem Wort Gottes ins Gespräch, so werden wir fähig, sie als Zeichen Gottes in dieser Welt und in dieser Zeit zu deuten.

Blick in die Bibel

Es kann auch sein, dass wir durch die Begegnung mit dem Wort Gottes spüren können, manchmal Wege zu gehen, die nicht Seinem Geist entsprechen, sondern eher in das Böse, in den Unfrieden und die Erfahrung wirklicher Trostlosigkeit hineinzukommen.

Dies könnte eine Fasten­übung sein, nicht direkt auf alle Fragen eine Antwort zu haben, sondern auch einmal sich Zeit zu nehmen, ein Wort der Heiligen Schrift, das wir aus dem Sonntagsgottesdienst mitbringen, oder das wir durch einen Blick in die Bibel aufnehmen, ins Gespräch zu bringen mit einer Wirklichkeit, die uns begegnet.

Vielleicht werden wir dann auch manchmal aushalten müssen, keine Antwort zu finden, ratlos zu bleiben, aber auch in diesem Aushalten und der Bereitschaft, Gott nicht aufzugeben, kann eine Fastenübung bestehen.

3. Unterscheiden zum Handeln

Der dritte Schritt in diesem synodalen Prozess, der sich im Alltag unseres Lebens genauso ereignen kann wie in den Sitzungen unserer Gremien und Räte vor Ort ist die Bereitschaft, das, was sich gezeigt hat aus der Begegnung von Wirklichkeit des Lebens und Wort Gottes, auszuwählen, um zum Handeln zu kommen.

Fähig zum Handeln

Dazu ist eine Gabe des Geistes in ganz besonderer Weise notwendig und bedeutungsvoll, nämlich die Gabe zur Unterscheidung. Oft müssen wir in unserem Leben diese Haltung anwenden: In der Frage der Unterscheidung, ob etwas unserem Leben und dem Leben unserer Familie oder meinem Leben dienlich oder schädlich ist, ob es zerstört oder aufbaut. Wir können dabei wirklich auf die große Quelle zurückgreifen, die uns im Heiligen Geist gegeben worden ist.

Weil diese Gabe der Erkenntnis von Gut und Böse immer wieder durch das Böse getrübt wird, das es in unserem Leben als reale Wirklichkeit gibt, so ist uns doch durch die Erlösung in Jesus Christus der Geist Gottes geschenkt, der in unsere Herzen ausgegossen wurde, wie es der Apostel Paulus ausdrücklich im Römerbrief sagt (vergleiche Röm 5,5).

Dies kann eine Fastenübung sein, bedeutet es doch den Verzicht, unter Druck zu schnellen Lösungen zu kommen. Oft kann das im wahrsten Sinne des Wortes danebengehen. Wir werden erst sehen können, ob eine Entscheidung richtig ist, wenn daraus Friede, Trost, tiefe Ruhe und Zuversicht erwachsen. Nur so werden wir fähig zum Handeln.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir in dieser Haltung den „Synodalen Weg“ gehen, dann ist von vornherein ausgeschlossen, dass diejenigen Recht behalten, die diesen Prozess mit großer Skepsis und mit großen Zweifeln ansehen.

Die einen sind der Überzeugung, dass er nur gelingt, wenn die Lösungen herauskommen, die sie sich wünschen, die anderen glauben, dass er von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil er nicht Friede, sondern Spaltung in die Kirche bringt. Kommen wir aber durch Hören, Deuten aus der Heiligen Schrift und Unterscheiden zum Handeln und zu Lösungen, dann rechnen wir in der Tat mit der Kraft des Geistes, der uns immer wieder neu, wie die Geschichte der Kirche zeigt, überraschen kann.

Vorbereitung auf Ostern

Papst Franziskus spricht von den Überraschungen des Geistes sehr oft in seinen Ansprachen und Predigten. Nehmen wir das Wort des Herrn ernst, nehmen wir es als Ermunterung auf: „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19).

Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie alle sich innerlich beteiligen können an dem, was die Kirche in Deutschland jetzt bewegt und in einem gemeinsamen Tun wagt. Ich bitte Sie um Ihr Gebet, damit nicht der Ungeist, sondern der gute Geist, der Heilige Geist Gottes in unseren Überlegungen und Beratungen die Oberhand behält.

Ihnen allen wünsche ich eine gesegnete österliche Bußzeit und eine tiefe Vorbereitung auf die Freude, die uns Ostern durch den Glauben an den Sieg des Auferstandenen über alle Mächte des Todes schenken will.

So segne Sie, Ihre Familien und Ihre Gemeinden der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Ihr Bischof Felix Genn

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