Der frühere Limburger Bischof wird 85 – Würdigung von Pfarrer Kurt Weigel

Franz Kamphaus – ein Westfale im rheinischen Ruhestand

War es der Sprung ins kalte Wasser, als Bischof Franz 2007 ins St.-Vincenzstift in Aulhausen zog? Der Umzug in das ehemalige Zisterzienserkloster in der Nähe von Rüdesheim war seine erste Wahl, nachdem Papst Johannes Paul II. sein Gesuch angenommen hatte, sein Amt als Diözesanbischof von Limburg niederzulegen. Etwa 90 Kilometer ließ der den Bischofssitz hinter sich und suchte die Nähe zu den Menschen mit Behinderung, die in dem Stift leben.

Wirklich kalt wurde es für Kamphaus aber nicht. Schon allein, weil er den Warmbadetag im stiftseigenen Schwimmbad seither intensiv nutzt. Aber auch Wind und Wetter halten ihn nicht davon ab, seine täglichen Runden auf dem weitläufigen Areal der Stiftung zu drehen – zünftig, mit Nordic-Walking-Stöcken und Pudelmütze. Für ihn ist das ein Muss. Und ein westfälischer Dickschädel, den der gebürtige Lüdinghausener hat, lässt ich davon nicht abhalten. Das tut ihm doppelt gut. Die frische Luft sorgt für einen klaren Kopf. Und seine Wege auf dem Aral bringen ihm viele Begegnungen. Die sind dann alles andere als kalt, sie sind erwärmend.

„Bischof, wie geht’s?“, heißt es dann oft. Er kann jedem antworten, weil er alle Bewohner und Mitarbeiter beim Namen kennt. Es ist eine alte Stärke von ihm. Er ist der Hirte, der seine Schafe kennt. Alle, gerade auch die Menschen mit Behinderung, die in ihrer offenen Art häufig für Verblüffung und Heiterkeit sorgen. Etwa, wenn es dem Bischof mal nicht gut geht, ein Husten ihn quält, er nur langsam und gebückt seine Runden dreht. Dann nimmt ihn auch mal jemand einfach in den Arm: „Wir zwei alten Hasen – der Bischof ist mein Freund!“

Keine Berührungsängste

„Kommunikation geht nur über Beziehung“, hat er einmal gesagt. Und wer ihn kennt, weiß, dass dies keine Worthülse für ihn ist. Seitdem er im Stift lebt, pflegt er eine direkte Nähe zu den dortigen Bewohnern. Da kennt er keine Berührungsängste. Er lässt es zu, dass sie die Distanz zu ihm durchbrechen. 2002 hatte Kamphaus als Limburger Diözesanbischof in einem offenen Brief zur österlichen Bußzeit über die Würde behinderter Menschen geschrieben: „Die Fähigkeiten, ein behindertes Kind anzunehmen, hängt wesentlich davon ab, wie wir mit unseren eigenen Einschränkungen fertig werden.“

Buchtipp
Franz Kamphaus: „Tastender Glaube – Inspirationen zum Matthäus-Jahr“, 192 Seiten, 17,99 Euro, Verlag Patmos, ISBN 978-3-8436-0782-7

Vor diesem Hintergrund war das Wasser, in das er beim Umzug ins St.-Vincenzstift stiegt, nicht wirklich kalt. Auch wenn sein Alltag sich radikal änderte. Bis dahin hatten Pontifikalämter, programmatische Predigten und die vielen Entscheidungen eines Diözesanbischofs sein Leben gefüllt. Plötzlich stand er vor Menschen, die mit ihren Behinderungen neue Herausforderungen brachten. Gute Zuhörer waren sie. Für den Homiletikprofessor, der das Predigen lehrte und berühmt war für seine eigenen Auslegungen, war das nicht selten eine bereichernde Erfahrung.

Der Ton, den er dabei finden musste, war ein neuer. Und auch an einige Formen der Liturgie musste er sich gewöhnen. Etwa an die Schriftlesung in einfacher Sprache oder an die Verkündigung, die mehr durch Zeichen, Symbole und Spiel als durch Worte wirkt.
In einer seiner ersten Predigten im Vincenzstift begann er, wie er es immer tat, mit einem bedachten Satz: „Die Jugend ist schlecht!“ Danach folgte eine jener rhetorischen Pausen, die er so gern macht. Und eine prompte Reaktion eines Bewohners: „Das ist nicht wahr! Das stimmt doch gar nicht“! Erst danach führte Kamphaus seinen Satz zu Ende: „Das sagen manchmal die alten Leute!“

Bodenständig

So etwas wäre ihm im Limburger Dom nicht passiert. Dort hätte man sich gewundert, aber nicht lautstark reagiert. Im Stift muss er immer damit rechnen – aktive Teilnahme am Gottesdienst und ungewöhnliche Reaktionen sind jederzeit möglich. Das passt zu Franz Kamphaus. Nicht allein was er tut, ist wichtig, sondern dass er es mit den Menschen tut.
15 Jahre ist seine Geschichte im Vincenzstift nun schon alt. „Sein Humor und seine Bodenständigkeit haben ihm immer geholfen, dass er im unmittelbaren Kontakt zu den Menschen geblieben ist, die seine Hilfe suchen oder auf die er zugeht“, sagt Dagmar Bickmann, Seelsorgerin im Stift. „Er kennt keine Berührungsängste, im Gegenteil: Er liebt diese Beziehung – das lässt ihn auch einen manchmal derben, aber lieb gemeinten Klaps auf die Schulter ertragen.“

Obwohl Kamphaus aus Gesundheitsgründen nicht mehr selbst schreiben kann, hat er 2016 noch ein neues Buch herausgegeben: „Tastender Glaube – Inspirationen zum Matthäusevangelium“. Er ist Theologe geblieben, Spezialist für die Worte der Predigt, das seine Wissenschaft geblieben ist. „Den Armen das Evangelium verkünden“, ist sein Wahlspruch als Bischof. Das hat für ihn seine Gültigkeit nicht verloren – egal, wem er begegnet. „Ich gehe an den Rand“, sagte er damals, als er von Limburg nach Aulhausen zog. Das hat er getan. Aber er ist nicht am Rand angekommen, sondern mitten im Leben.

Bischof em. Franz Kamphaus wurde 1932 in Lüdinghausen geboren. Er wuchs auf dem elterlichen Bauernhof auf, bevor er das bischöfliche Gymnasium Gaesdonck am Niederrhein besuchte. Nach seinem Studium der Philosophie und der Theologie in Münster und München wurde er am 21. Februar 1959 von Bischof Michael Keller zum Priester geweiht.
Nach seinen Kaplansjahren in der Heilig-Geist-Gemeinde in Münster und in St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus promovierte er an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Das Thema seiner Dissertation „Von der Exegese zur Predigt“ war ein Schwerpunkt vieler seiner Arbeiten. Lange Zeit war er für die Predigtausbildung der Priester im Bistum Münster zuständig. Er lehrte als Professor für Pastoraltheologie und Homiletik (Predigtlehre) an der Westfälischen-Wilhelms-Universität. 1973 wurde er Regens des Priesterseminars  in  Münster.
1982 wurde er von Kardinal Joseph Höffner im Limburger Dom zum Bischof geweiht. Ein Stück Münsterland nahm Kamphaus damals mit: Seinen Hirtenstab und auch sein Brustkreuz ließ er aus einem Eichenbalken des elterlichen Bauernhofes schnitzen. Während seiner Amtszeit übernahm er viele  Ämtern und Funktionen in der Deutschen Bischofskonferenz. Unter anderem war er fünf Jahre Vorsitzender der Jugendkommission. Seit seiner Emeritierung im Jahr 2007 lebt er als Seelsorger im Vincenzstift, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Aulhausen bei Rüdesheim.