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Kinder aus radioaktiv belasteter Region erholen sich im Bistum Münster

Hilfe für Tschernobyl-Kinder – das Beispiel Ibbenbüren

  • Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl gründeten sich in ganz Deutschland Initiativen, die Kindern aus Strahlungsgebieten eine unbeschwerte Zeit ermöglichen wollen.
  • In Ibbenbüren organisiert seit 1992 die Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“ Gasteltern für Kinder aus Svensk.
  • 35 Jahre nach der Katastrophe gedachte die Initiative auch der Toten der Katastrophe.
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1986 ist der Sommer der unbespielten Sandkästen und ungegessenen Pilze - die Sorge vor einer Verstrahlung durch die radioaktive Wolke nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist groß. Am 26. April 1986 war Block 4 des Atomkraftwerks durch Überhitzung explodiert. Die Explosion setzte hochradioaktives Material frei.

Acht Jahre später gründete sich die Ibbenbürener Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“. Die Idee: „Mit einer Ferienerholungen die Gesundheit der jungen Gäste zu stärken und gleichzeitig Brücken zwischen beiden Völkern zu bauen“, sagt Reinhard Jansing, der seit 2011 die Ibbenbürener Initiative leitet. Seit 1992 finanziert sie sich ausschließlich aus Spenden und arbeitet von Beginn an ökumenisch. Weitere Vereine gibt es im ganzen Bistum Münster, zum Beispiel in Beckum und Warendorf-Milte.

 

Kontakte nach Svensk

 

Gottesdienste in Kirchen beider Konfessionen, Spendenaktionen, Völkerverständigung und Aufklärung über die Gefahren der Atomkraft sind wichtige Bestandteile. Die Kirchen in Ibbenbüren unterstützen die Ferienerholung finanziell und, indem sie Räume bereitstellen.

1993 gelang es den Ehrenamtlichen erstmals, Kinder aus Svensk zur Erholung nach Ibbenbüren zu holen. Das belarussische Dorf liegt in einer Region, die von der Explosion in Tschernobyl stark betroffen war. Der Gesundheitszustand der Menschen in der Region verschlechterte sich zusehends, durch Zwangsumsiedlungen verloren sie zudem ihre Lebensgrundlage.

 

Gerade Kinder leiden

 

Gerade Kinder sind betroffen und leiden an Krankheiten wie Skoliose, einer Verkrümmung der Wirbelsäule, an mangelndem Zahnschmelz, Diabetes und Schilddrüsenproblemen - Folgen der Verstrahlung und der Mangelernährung in ihrer Heimat. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass Kinder nach einem Ferienaufenthalt im Ausland zwei Jahre „normal“ weiterleben können.

Angelika und Reinhard Jansing nahmen 2008 erstmals als Gasteltern zwei Jungen in ihre Familie auf. „Seitens der Initiative wurden wir gut betreut, sodass der Einstieg leichtfiel“, erzählt Reinhard Jansing. Über mehrere Jahre kamen dieselben Kinder.

 

Gegenseitige Besuche und Freundschaften

 

Durch gegenseitige Besuche der Eltern entstanden Freundschaften und Verbindungen, die über die Ferienerholung hinaus Bestand haben. „Wenn wir nach Svensk kamen, strömte das ganze Dorf zur Begrüßung zusammen“, berichten die Jansings. „Die Sprache spielte natürlich eine Rolle, aber Russischkenntnisse waren nicht nötig“, sagt Angelika Jansing.

„Mit Händen, Füßen, Herz und viel Liebe funktionierte die Verständigung“, berichtet sie. Bei eventuellen Problemen helfen Betreuer weiter, außerdem sind die Kinder überall zu zweit in einer Familie untergebracht. „Wir haben sie in den normalen Alltag einbezogen und ihnen beispielsweise Fahrradfahren beigebracht“, so Angelika Jansing. Allein die gesunde Luft und gute Ernährung stärken ihr Immunsystem. Ihr Gesamtzustand verbessert sich, sie fehlen seltener in der Schule, erfahren die Ibbenbürener von ihren Svensker Freunden.

 

Kirmes als Höhepunkt eines Ferien-Besuchs

 

Normalität, die die Jansings ihren Gästen darüber hinaus durch kindgerechte Aktionen bieten wollten: Besuche im Aaseebad oder im Kletterwald waren sehr beliebt. „Den absoluten Höhepunkt bildete jedoch die Kirmes in Laggenbeck im Jahr 2011, so etwas hatten die Kinder noch nie gesehen“, erinnern sich die Gasteltern.

Ihnen selbst hat die Mitwirkung in der Initiative viel Freude bereitet. „Das Zusammenleben mit Menschen, die ganz andere Erfahrungen mitbringen, ist sehr bereichernd“, ist sich die Familie sicher.

 

Gedenken 35 Jahre nach der Katastrophe

 

Die Schattenseiten der Atomkatastrophe werden nicht ausgeblendet, das ist Reinhard Jansing wichtig: So leuchten vor dem Altar der Ibbenbürener St.-Mauritiuskirche zum 35. Jahrestag des Reaktorunglücks 70 Kerzen. Sie bilden das internationale Warnzeichen für radioaktive Strahlung.

In einem ökumenischen Gottesdienst gedachte die Initiative mit der Pfarrei den „Liquidatoren“. Diese Einsatzkräfte wurden unmittelbar nach der Explosion auf das stark verstrahlte Gelände geschickt - ohne Informationen über die tödliche Gefahr. „Mehr als 100.000 sind schon verstorben, sie werden vergessen“, betonte Reinhard Jansing im Gottesdienst mit dem katholischen Pfarrer Paul Hagemann und dem evangelischen Pfarrer Reinhard Paul.

In diesem Jahr fällt wegen der Corona-Pandemie die Ferienerholung zum zweiten Mal aus. Die Initiatoren hoffen jedoch, 2022 wieder durchstarten zu können.

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