Bestseller-Autor schreibt Buch zum Konklave

Historiker Hubert Wolf: Papstwahl ist ein faszinierendes Erlebnis

Für den Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf ist die Wahl eines neuen Papstes ein faszinierendes Erlebnis. Der Bestseller-Autor hat ein Buch über das Konklave und Geheimnisse der Papstwahl geschrieben und äußert sich dazu im Interview.

„Kirche+Leben“: Herr Prof. Wolf, warum haben Sie über das Konklave ein Buch geschrieben?

Professor Wolf: Es gibt weltweit keine Amtseinsetzung irgendeines Mächtigen, die die Menschen so sehr fasziniert wie die Amtseinsetzung eines Papstes. Wahrscheinlich ist es die einzig geheime Wahl, die es gibt. Es ist die Inszenierung des Geheimen: Wir stehen auf dem Petersplatz, die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle kommunizieren mit uns nur über Rauchzeichen. Das ist sowohl für die Gläubigen als auch für die Nicht-Gläubigen ein faszinierendes Erlebnis.

Ist also eine Papstwahl in erster Linie eine Inszenierung?

Einerseits, auch, weil wir in unserer katholischen Tradition immer Wert auf Symbole und Rituale legen. Die sprechen viel mehr als Worte. Andererseits wird der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden gewählt, der Identitätspunkt der katholischen Kirche schlechthin.

Ist es eine demokratische Wahl?

Nein. Dann müsste man zur altkirchlichen Praxis zurückkehren, dass der Bischof von Rom, also der Papst, von Klerus und Volk gewählt wird.

Aber man kann sie ja als repräsentative Wahl verstehen.

Nur, wenn es im Kardinalskollegium kein Übergewicht der Italiener beziehungsweise der Europäer gäbe. Horst Fuhrmann, der große evangelische Historiker, hat mal gesagt, das Konklave sei ein Produkt historischer Vernunft. Das stimmt. Die Papstwahl ist ja nicht von Jesus Christus durch das Konklave eingesetzt worden. Wir haben eine lange Geschichte mit vielen Erfahrungen – mit guten und vielen schlechten. Die Einführung des ersten Konklaves in der Stadt Viterbo war nichts anderes als eine Beugehaft für unbotmäßige Kardinäle.

Bestseller-Autor Hubert WolfBestseller-Autor Hubert Wolf
lehrt Kirchengeschichte in Münster. Mehrere Bücher des Theologen, darunter „Die Nonnen von Sant‘ Ambrogio“ standen auf den Bestseller-Listen. Wolff wurde 2003 mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet. Sein neues Buch „Konklave. Die Geheimnisse der Papstwahl“ erscheint am 27. Januar. | Foto: Christof Haverkamp

Wieso?

Die Kardinäle wählten drei Jahre lang und kamen zu keinem Ergebnis, weil sie sagten: „Solange wir keinen Papst wählen, gehören uns alle Einkünfte.“ Man sperrte sie ein, sie bekamen nichts mehr zu essen und zu trinken – und am Schluss deckte man das Dach ab, die brennende Sonne schien rein, um die Kardinäle zu zwingen, zu einem Ergebnis zu kommen. So entstand das Konklave. Im Laufe der Zeit hat es sich bewährt, die Wahl von allen äußeren Einflussmöglichkeiten abzuschotten. Auch die Zwei-Drittel-Mehrheit bei der Papstwahl ist ein Ergebnis historischer Erfahrung. Deshalb halte ich die Abschaffung der Zwei-Drittel-Mehrheit durch Johannes Paul II. nach 34 Wahlgängen für äußerst problematisch.

Warum?

Die Kardinäle müssen sich auf einen Kompromisskandidaten einigen können. Zwei-Drittel-Mehrheit heißt: Nach einer Reihe von Wahlgängen weiß man schon: Es wird keiner der bisherigen Kandidaten die Zwei-Drittel-Mehrheit erreichen. Also müssen wir uns überlegen, was wir machen.

Aber nochmal: Was ist so schlimm an der Regelung, nach 34 Wahlgängen mit absoluter Mehrheit entscheiden zu können?

Man weiß doch schon im zweiten Wahlgang: Wenn ein Kandidat dort 50 Prozent der Stimmen auf sich vereint, muss man das nur bis zum elften Tag aussitzen und damit ist es gelaufen. Deshalb hat Benedikt XVI. diese Vorschrift geändert. Aber so, dass es nicht funktionieren kann. Er sagt: Wenn bis zum 34. Wahlgang keine Wahl erfolgt ist, bleiben nur die beiden Bestplatzierten im Rennen, sie dürfen aber nicht mehr mitwählen. Die anderen müssen so lange wählen, bis einer eine Zwei-Drittel-Mehrheit kriegt. Wie soll das funktionieren, wenn eine Gruppe einen Kandidaten ablehnt? Damit würde dieses Verfahren in einer Sackgasse enden.

Was schlagen Sie vor?

Ich bin dafür, die 800-jährige Tradition wiederherzustellen: Ein Papst wird gewählt mit Zwei-Drittel der Stimmen plus einer.

Sie haben im Buch ein Szenario einer Papstwahl im Jahr 2059 entworfen.

Ich wollte eine andere Form der Darstellung haben. Der Historiker ist kein Prophet, kann aber den Schatz unserer Tradition befragen. Ich finde, es muss ein anderer Ort als die Sixtinische Kapelle für die Papstwahl möglich sein. Stellen wir uns vor, es gibt ein Erdbeben, und Rom stürzt ein. Das sieht das Verfahren bisher nicht vor. Es muss möglich sein, das Kardinalskollegium anders zusammenzusetzen. Der Rücktritt und die Beerdigung eines zurückgetretenen Papstes sind zu regeln. Und es muss möglich sein, dass die Rolle der Lateran-Basilika wieder aufgewertet wird.

Die Lateran-Basilika ist die Bischofskirche des Papstes.Die Rolle der Lateran-Basilika sollte nach Ansicht von Hubert Wolf aufgewertet werden. | Foto: Christof Haverkamp

Können Sie das näher erläutern?

Da es das Papstamt als Sakrament nun einmal nicht gibt, kann der Papst historisch und theologisch nur Papst sein als Bischof von Rom. Das kann er aber nach dem Kirchenrecht nur werden, indem er Besitz ergreift von seiner Bischofskirche. Und das ist die Lateran-Basilika. Der Petersdom ist eigentlich nur eine Grabeskirche.

Die Papstwahl ist geheim. Lässt sich das in Zukunft durchhalten?

Das Schreiben von Johannes Paul II. zur Papstwahl ist hier sehr präzise: Es müssen alle technischen Abwehrmaßnahmen getroffen werden. Man muss Störsender einbauen, damit Abhören unmöglich ist und technische Geräte nicht benutzbar sind. Die Kardinäle werden durchsucht, wenn sie das Konklave betreten, damit sie nichts mitnehmen. Durch die Ausweitung des Konklave-Bereichs ins Gästehaus Santa Marta und den Weg um die Petersbasilika zur Sixtinischen Kapelle wird es schwieriger. Ich hoffe, es bleibt die geheimste aller Wahlen.

Ein Kardinal, der über Interna der Papstwahl berichtet, dem droht die Exkommunikation. Dennoch ist später immer wieder etwas durchgedrungen.

Kardinäle sind auch nur Menschen. Sie sind manchmal eitel und mitteilungsbedürftig. Es dringt mitunter schon etwas nach außen. Aber während des Wahlaktes selbst ist nie etwas nach außen gedrungen.

Es wird immer wieder behauptet, es habe im Mittelalter eine Päpstin gegeben. Was ist da dran?

Es ist nichts anderes als eine schöne Legende. Man kann Filme darüber drehen und tolle Thriller schreiben, aber es hat mit der Geschichte nichts zu tun. Insbesondere evangelische Kirchenhistoriker haben in den letzten 20 Jahren überzeugend nachgewiesen, dass es die Päpstin nicht gegeben hat.

Hubert Wolf: „Konklave: Die Geheimnisse der Papstwahl“, 224 Seiten, Verlag C.H. Beck, 19,95 Euro.