Klaus Nelißen zu den Härten im Alltag

Karneval erinnert uns immer wieder: Macht euch mal locker!

Anzeige

Karneval kann uns lehren, dass wir alle uns immer wieder mal lockern sollten. Denn die Härten im Alltag sind durch Lockerungsübungen für zwischendurch besser zu ertragen, erklärt Journalist und Pastoralreferent Klaus Nelißen in seinem Gast-Kommentar.

Ich weiß, es gibt drängenderes, als einen Kommentar über Lockerungsübungen zu schreiben. Und Sie zu duzen, das ist auch kein Stil. Aber: Es ist Karneval. Und zumindest in Köln, wo ich lebe, sind derzeit gefühlt alle per Du. Und wenn man so will, ist der Karneval eine kollektive Lockerungsübung.

Ich bin der festen Überzeugung: Das brauchen wir alle mal. Die Dreisterne-Generalin ebenso wie der Genderstern-Kämpfer. Die Klimakleber könnten sich auch mal lockern. Und der Papst? Nun, der ist mittlerweile auch schon 86, hat Knie. Franziskus war auch schon mal lockerer. Unsere Kirche wird nun mal geleitet von alten Herren. Von denen erwarte ich meist gar nicht mehr Lockerheit. Aber: Dass auch die junge Generation schon teils ziemlich verhärtet erscheint, das macht mir Sorge. Ob in Fragen der „Wokeness“, des Klimaschutzes, bei Krieg und Frieden, aber auch in Bezug auf die eigene Lebensplanung: überall sehe ich Härten.

Singen macht ungemein locker

Der Autor
Klaus Nelißen ist stellvertretender Rundfunkbeauftragter der NRW-Bistümer beim WDR. Darüber hinaus wirkte der Pastoralreferent des Bistums Münster und ausgebildete Journalist bis Frühjahr 2019 für die katholischen ARD-Beauftragten bei „funk“, dem Online-Medienangebot für Jugendliche und junge Erwachsene.

Das ist auf Dauer nicht gesund. Das weiß ich aus Erfahrung. Wenn Sie das hier lesen, bin ich für ein paar Wochen in Reha. Werde also nicht Karneval feiern. Und wenn ich ehrlich zu mir bin: Es ist schon lange her, dass ich richtig ausgelassen Karneval gefeiert habe. Ich bin über die Jahre auch härter geworden, hab nur noch wenig Zugang zu meinen Emotionen, habe dann zum Teil die falschen Wege gesucht, mich locker zu machen. Vielleicht wäre es nicht dazu gekommen, wenn ich lockerer umgegangen wäre: mit mir, mit den Umständen, mit meiner Kirche.

Und ich hoffe sehr, dass ich im nächsten Jahr wieder locker mitfeiern kann im Karneval, dem großem Gleichmacher, dem Fest der Anarchie und des Gemüts. Singen macht ja ungemein locker. Die Kölner haben eh die schönsten „Leedcher“. Aber das mit dem Singen gilt nicht nur im Karneval. Je mehr ich mich mit meinem Gemüt befasst habe, umso mehr weiß ich, was ich daran habe, am Sonntag in der Messe laut zu singen. Jenseits des geistlichen Inhalts der Lieder ist das eine meiner wöchentlichen Lockerungsübungen.

Wolf Biermann bringt es auf den Punkt

Am besten bringt daher auch ein Lied das Thema auf den Punkt. Keine Sorge, es ist kein Karnevalslied und auch kein Choral. Es ist ein 68er-Song, von Wolf Biermann: „Du, lass dich nicht verhärten/ In dieser harten Zeit /Die allzu hart sind, brechen/ Die allzu spitz sind, stechen / Und brechen ab sogleich.“ Wenn das alle Identitären, alle Retterinnen dieser Welt und auch der Kardinal von Köln, Arm in Arm mit Maria 2.0, mitsingen würden, das wäre ein Karneval! Das wäre: locker.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.