Junge Flüchtlinge gedachten des ermordeten Paters Frans van der Lugt

Muslime und Christen aus Syrien pilgern gemeinsam

„Ich bin begeistert von den Menschen, die zu uns gekommen sind“, sagt Bernd Weber aus Rheine. Er ist Kirchenvorstandsmitglied in St. Antonius und Mitglied im Lenkungskreis „Flüchtlingsarbeit Kirchen/Caritas“ in Rheine.

Mit 140 jungen Menschen aus Syrien – Christen und Muslimen – unternahmen er und weitere Rheinenser eine gut 30 Kilometer lange Pilgerwanderung über den Hermannsweg von Brochterbeck nach Rheine und eine Schleifenwanderung rund um Rheine. Fasziniert war Weber von der Aufbruchstimmung dieser jungen Menschen, die beim Wanderpilgern miteinander diskutierten, wie man Syrien wiederaufbauen kann.

Flucht nach Europa

Sie gehören der Gruppe „Vorwärts Team Europa“ an, die einige junge Syrer nach ihrer Flucht nach Europa im Gedenken an den Jesuitenpater Frans van der Lugt gründeten, der von 1966 bis 2014 in Syrien lebte und sich in vielen Hilfsprojekten engagierte. Unter anderem lud er über Konfessionsgrenzen hinweg zu Pilgerwanderungen ein, um ein Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen.

„In der Pfarrei St. Antonius und in der Stadt Rheine wird der interreligiöse Dialog belebt“, sagt Weber. Im Rahmen dieses Dialogs, zu dem die Stadt Rheine in diesem Frühjahr eingeladen hatte, meldete sich Hussan Yakoob Agha, ein Besucher der Sprachcafés, der der syrischen Aktionsgruppe „Vorwärts Team Europa“ angehört und darüber berichtete.

Interreligiöser Dialog

Und so kam es zu dem viertägigen Pater-Frans-von-der-Lugt-Nachfolgetreffen in Rheine. Agha lud die Gruppe ein, und Weber und weitere Rheinenser halfen bei der Vorbereitung, Finanzierung und Durchführung dieses Treffens, bei dem viele Organisationen und Institutionen mit im Boot waren. Die Reisekosten und einen Übernachtungsanteil trugen die Teilnehmer selbst, die aus Deutschland, Portugal, Österreich, Schweden und Frankreich nach Rheine gekommen waren.

Reisesegen in Brochterbeck

Und wie in Syrien, stand auch in Rheine die Pilgerwanderung und das gesamte Treffen unter einem Thema „Frühling-Aufbruch-Neubeginn“. Zu Beginn der Pilgerwanderung erteilte Pfarrer Abraham Manalil der Gruppe in Brochterbeck den Reisesegen. „Macht Euch zum Werkzeug seines Friedens“, endeten die Fürbitten. Weber beeindruckte die Ernsthaftigkeit, mit der die Syrer geantwortet haben. „Der Pfarrer hat den Nerv der Menschen getroffen“, lobt er.

Fadi Alnezami ist einer der Pilgerwanderer. Er lebt in Kaiserslautern. Von Freunden hatte er damals von dem Pater im syrischen Homs gehört, erzählt er. Er wollte das Pilgerwandern ausprobieren und lernte dabei viele Menschen kennen, mit denen er heute noch befreundet ist.

Wanderungen in Syrien

Die Religionszugehörigkeit sei bei den Wanderungen nicht wichtig gewesen. Pater Frans habe Gottesdienste in der Natur gefeiert, und auch Muslime hätten teilgenommen. Er war fasziniert vom Wissen des Paters und seinen philosophischen Ideen über das Leben, und die Inspirationen, die er an die Menschen weitergegeben hat. Schwer sei es gewesen, ohne Pater Frans wieder anzufangen. „In Syrien waren wir Syrer und wanderten mit ihm. Hier wandern wir ohne ihn und mit Menschen anderer Nationalitäten, die uns aber helfen, das Land und seine Grundgedanken zu verstehen, damit wir uns besser integrieren können.“

Samer Hamati studiert in Portugal. In Lingen wurde er vor 35 Jahren geboren und getauft. Vor 33 Jahren entschied sein Vater, nach Syrien zurückzukehren. Er ist von Portugal angereist, unter anderem, weil das Treffen in der Nähe seines Geburtsortes stattfand. Er habe Frans von der Lugt durch seine Schwester kennen gelernt, die er zunächst auf einer Pilgerwanderung begleitet habe, erzählt er. Dann sei er aus eigenem Antrieb mitgewandert, wenn die Zeit neben Studium und Beruf es zugelassen habe. „Bevor ich jemand anderen akzeptieren kann, muss ich mich selbst akzeptieren“, sagt er.

Respekt vor anderen Religionen

Bei den Wanderungen mit dem Pater habe er „er selbst“ sein können. Er habe Menschen aus anderen Regionen, mit anderen Dialekten getroffen. Das hat ihm gefallen, ebenso, dass Pater Frans nicht den Christen, nicht den Muslim, sondern den Menschen gesehen habe. „Für mich bedeutet es: Wir sind in erster Linie Menschen, dann Syrer, und dann kommt erst die Religionszugehörigkeit.“

Die Schleifenwanderung am vorletzten Tag des Treffens endete in der Josef-Pieper-Schule in Rheine-Bentlage, wo die Gruppe vom stellvertretenden Bürgermeister Udo Bonk (CDU) empfangen wurde. „Ich freue mich über die Initiative zu diesem Treffen aus einem Umfeld, das sich für den interreligiösen Dialog einsetzt, nämlich aus dem Bereich der Pfarrei St. Antonius und dem dortigen Sprachcafé“, sagte Bonk.

Empfang in Rheine

Er machte darauf aufmerksam, dass Pilgerwandern die Menschen schon seit Jahrhungerten bewegt und heute nach wie vor aktuell ist. „Ich bin beeindruckt von dem, was Pater van der Lugt zu seinen Lebzeiten auf die Beine gestellt hat. Ich bin beeindruckt, dass die jungen Syrer das so intensiv weiterführen. Und ich bin beeindruckt, was sie damit auch hier bei uns in Rheine bewegen konnten.“

Am letzten Abend bedankten sich die Syrer mit einem Kulturprogramm für Gastgeber und Gäste.

Pater Frans von der Lugt
Einem Infoblatt über Frans von der Lugt anlässlich dieses Treffens ist unter anderem zu entnehmen, dass der niederländische Pater nach dem Ausbruch des Krieges in Syrien die „Jesuiten-Kommunität“ in der Altstadt von Homs für christliche und muslimische Flüchtlingsfamilien gründete. „Er gab ihnen Unterkunft und teilte mit ihnen seine letzten Vorräte, um die Belagerung zu überstehen“, heißt es dort. Und weiter: „Ihm war es ein Herzensanliegen, Syrer verschiedener Religionen, Lebenswirklichkeiten und Hintergründe zusammenzubringen. Er ließ sich von keiner Seite politisch vereinnahmen. ›Ich sehe keine Moslems oder Christen. Ich sehe Menschen‹, sagte Frans von der Lugt.“ Weiter heißt es dort, dass der Pater am 7. April 2014 vor der Ordensniederlassung in Homs von einem nicht identifizierten Schützen der al-Nusra-Front geschlagen und dann mit zwei Kopfschüssen getötet wurde.