Schreiben über „Heiligkeit im Alltag“

Papst holt in neuem Dokument die Heiligkeit vom Sockel

Papst Franziskus hat vor Überheblichkeit und Selbstbezogenheit in der Kirche gewarnt. In einem am Montag im Vatikan veröffentlichten Schreiben betont er, nicht nur herausragende Gläubige und Märtyrer, sondern alle Christen sollten im Alltag nach Heiligkeit streben. In dem päpstlichen Schreiben „Gaudete et exultate“ (Freut euch und jubelt) prangert er diejenigen an, die sich innerhalb der katholischen Kirche zu Richtern über andere Gläubige erheben.

Das Schreiben gibt es hier im Wortlaut auf Deutsch.

„Heilige von nebenan“ seien Eltern, Menschen, die für den täglichen Unterhalt arbeiteten, und Kranke, betont Franziskus in dem Dokument. Die zum Katholizismus konvertierte Jüdin Edith Stein zitiert der Papst mit dem Hinweis, dass innerhalb und außerhalb der Kirche die entscheidenden Wendungen in der Weltgeschichte wesentlich mitbestimmt seien durch Seelen, „von denen kein Geschichtsbuch etwas meldet“.

Heilige Frauen führten zu neuer Dynamik

Gerade in Zeiten, in denen Frauen stark eingeschränkt waren, habe eine weibliche Form der Heiligkeit zu neuer geistlicher Dynamik und wichtigen Reformen in der Kirche geführt, heißt es in dem knapp 50 Seiten umfassenden Schreiben. Darin verweist Franziskus etwa auf Hildegard von Bingen, Birgitta von Schweden und Katharina von Siena.

„Gaudete et exultate“
Bei dem aktuellen Lehrschreiben von Papst Franziskus handelt es sich der Form nach um eine sogenannte apostolische Exhortation (Aufruf, Ermunterung) - wie zuvor bereits seine Schriften „Evangelii gaudium“ (2013) und „Amoris laetitia“ (2016). VaticanNews ordnet das Schreiben als „Demokratisierung des Heiligkeitsbegiffs“ ein. (mth)

Mit Blick auf konservative Kirchenkreise, die ihn wegen seiner Reformen für einen Häretiker halten, nennt Franziskus narzisstisches und autoritäres Elitebewusstsein „subtile Feinde der Heiligkeit“. Das Kirchenoberhaupt warnt davor, die eigenen Theorien zu verabsolutieren und andere zu verpflichten, sich deren Argumentationen zu unterwerfen. Er plädiert für einen gesunden und demütigen Gebrauch der Vernunft beim Umgang mit christlichen Lehren. Dem widerspreche es, „danach zu streben, die Lehre Jesu auf eine kalte und harte Logik zu reduzieren, die alles zu beherrschen sucht“.

Mehr Liebe in der Liturgie statt kalte Logik der Lehre

Durch „wütendes Abladen von Rachegelüsten“ werde die eigene Unzufriedenheit kompensiert. Unter dem Vorwand, Gebote zu verteidigen, werde das „Ansehen anderer gnadenlos zerstört“. Die Rolle gnadenloser Richter einzunehmen, andere für unwürdig zu halten und ständig Belehrungen geben zu wollen, sei eine „subtile Form der Gewalt“, mahnt der Papst. „Wenn jemand Antworten auf alle Fragen hat, zeigt er damit, dass er sich nicht auf einem gesunden Weg befindet.“ In der Kirche gebe es zurecht unterschiedliche Interpretation vieler Aspekte der Lehre und des christlichen Lebens.

Egozentrische und elitäre Selbstgefälligkeit ohne wahre Liebe führe in der Kirche zu „Gesetzeswahn, der Faszination, gesellschaftliche und politische Errungenschaften vorweisen zu können, dem Zurschaustellen der Sorge für die Liturgie, die Lehre und das Ansehen der Kirche“, heißt es in dem neuen Lehrschreiben. Dadurch drohe die Kirche auf ein Museumsstück und zum Eigentum einiger weniger reduziert zu werden.

Wenn Christen darauf vertrauten, durch ihre Taten und nicht durch die Gnade Gottes allein erlöst zu werden, drohe die Kirche zu einer Nichtregierungsorganisation zu werden. Schädlich sei jedoch auch die Haltung derer, die dem sozialem Engagement misstrauten, weil sie dies für oberflächlich, säkularisiert, kommunistisch oder populistisch hielten.