Gregor Stratmann wollte immer zurück in die Diaspora

Pfarrer von Brake mag Herausforderung der wenigen Katholiken

Gregor Stratmann stellt den Jugendlichen eine einfache Frage: „Wovor hast Du Angst?“ Mädchen und Jungen aus Delmenhorst, 14 oder 15 Jahre, in der Vorbereitung auf die Firmung. Viele antworten dem Pfarrer: vor Einsamkeit.

Aber direkt danach sagen sie: „vor Algorithmen“, den unbestimmten mathematischen Prozessen, die im Hintergrund die Welt der Computer beherrschen. Und für einen gläsernen Menschen sorgen können. Stratmann ist ganz aufgeregt. „Stellen Sie sich vor: Da kam nicht der Klimawandel oder der Tod! Da kam sehr schnell: den Rechnern ausgeliefert sein.“

Er will wissen, was Menschen fühlen

Er habe dann auch gefragt: „Was ist für dich schön?“ Die meisten Antworten waren: „Wenn Oma kocht.“ Stratmann ist geradezu begeistert: „ Oma gegen Algorithmus – eine tolle Spannung!“ Für ihn zeigt sie: „Das ist Liebe, das ist tiefes Vertrauen.“

Aber warum hat der Pastor gefragt? „Wir in der Kirche müssen wissen, wie Menschen sich fühlen, wo ihre Ängste sind.“ Deshalb  sei Zuhören so wichtig. „Angst vor Algorithmen – das ist doch gar nicht unsere Grundstimmung als Erwachsene. Aber eben bei der Jugend. Und das bekommen wir ohne Fragen und Hören nicht heraus.“

Er hat sich gezielt beworben

Für ihn ist klar: „Wir müssen in der Kirche lernen, den Menschen zuzuhören. Noch besser: ihnen zu lauschen.“ Nur dann werde klar, „welche Gefühle und Ängste Menschen umtreiben“.

Delmenhorst war nur eine Zwischenstation für Gregor Stratmann, inzwischen ist er als Pfarrer von St. Marien Brake in der Wesermatsch eingeführt. Eine Stelle, für die er sich gezielt beworben hat. Eine kleine Hafenstadt in einem großen Landkreis, wenige Katholiken – vom Anteil her die wenigsten im Bistum.

Brake entsprich seinem Idealbild

Das stört Stratmann überhaupt nicht. „Brake ist geradezu ideal für meine Vorstellung von Kirche. Denn die Wesermarsch zeige „ein ausgezeichnetes Bild der Kirche von morgen“. Er nennt Brake „eine Herausforderung“, genau das habe er gesucht.

Vor Herausforderungen hat Stratmann schon oft gestanden. Zum Beispiel als Lehrer in Südafrika, in seinem alten Beruf: Die Polizei schlug ihn zusammen, weil er gegen Regeln im Apartheid-Staat verstieß, erinnert er sich.

Er hat Konflikte erlebt

Als Pfarrer in Budapest: Damals war Stratmann Seelsorger für deutschsprachige Katholiken und erlebte 2015 den Flüchtlingsstrom am Budapester Bahnhof mit. Der staatliche Geheimdienst überwachte ihn, weil er die ungarische Regierung für ihr abweisendes Verhalten heftig kritisierte. Und so zu einer bekannten Figur in der Hauptstadt wurde.

Augenzwinkernd sagt er: „Mit jeder großen Behörde hatte ich Konflikte, aber die auch mit mir – weil ich eben widerspenstig bin.“

Gebürtig aus dem Kreis Borken

Gregor Stratmann sollte eigentlich das väterliche Geschäft in Vardingholt (Kreis Borken) übernehmen und wurde Industriekaufmann. Doch dann studierte er Soziologie und Theologie und wurde Lehrer.

Bei einem Auslandseinsatz in Südafrika sprach ihn ein befreundeter Priester an: Ob Seelsorger nicht seine Berufung sein könne? Gregor Stratmann wurde nachdenklich und kehrte ins Bistum Münster zurück, meldete sich zur Priesterausbildung.

Er wollte zurück in die Diaspora

Stratmann war später lange Pfarrer in Oldenburg-Bümmerstede. Er habe immer in die Diaspora zurückgewollt, berichtet er. Denn er fürchte sich vor „einer Geborgenheitskultur“ in der Kirche, wie er sie anderswo vermutet. Denn die könne lähmend wirken. Stattdessen müsse die Kirche in Dialog treten mit den großen Veränderungen in der Welt. Für ihn ist klar: „Wir als Kirche können das.“

Beispiel Flüchtlinge. Menschen hätten Angst vor solchen Folgen weltweiten Wandels, gibt er zu. „Aber die Kirche muss das Thema aufnehmen. Sie kann aus ihrer Erfahrung heraus auch Antworten geben. Weil sie sich in der Urkirche selbst friedlich über die Welt verbreitet hat, damals aber auch Flucht und Vertreibung erfahren hat“, sagt Stratmann.