Wallfahrtssaison startet am 1. Mai mit Bischof Peter Kohlgraf

Wallfahrt in Kevelaer: Seelsorger wollen „vor die Tür der Kirche“

Der Leitgedanke für die Wallfahrtssaison 2019, die am 1. Mai beginnt, kommt für Wallfahrtsrektor Gregor Kauling zur rechten Zeit. „Wohin sollen wir gehen?“, lautet das Motto und ist dem Johannesevangelium (6,68) entnommen. Für ihn trifft es das Lebensgefühl vieler Menschen. Innerhalb und außerhalb der Kirche. „Viele sind erschüttert“, sagt er. „Zu dieser Ratlosigkeit mischen sich Enttäuschung und Wut.“

Kauling weiß aus zahlreichen Gesprächen rund um den Kapellenplatz, dass sich viele Menschen mit der Frage quälen, ob es nicht besser sei, einfach wegzugehen, alles hinter sich zu lassen, was mit Glaube und Kirche zu tun hat. Zu tief sitze manch bittere Erfahrung, die mit dem Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch kirchliche Amtsträger zu tun habe.

Wenn Menschen reden wollen

Der Pastor weiß auch, dass man gerade in Kevelaer Menschen trifft, die offen reden wollen. Sicher, meist seien solche Begegnungen nur Momentaufnahmen, „doch für genau diese Momente sind die Menschen hier“, betont der Wallfahrtsrektor. Seine Aufgabe und die der anderen Seelsorger sei es deshalb, die Pilger bei der Begegnung mit Gott zu unterstützen.

Das Seelsorgeteam wird also in Zukunft noch viel präsenter auf dem Platz sein als bisher. „Draußen, vor der Tür der Kirche, können wir von den Menschen lernen, wenn wir bereit sind, ihnen zuzuhören. Wir müssen alle in den Blick nehmen, die mittendrin sind in der Kirche, aber auch die an den Rändern, die mit uns in Kontakt kommen wollen“, ergänzt Bastian Rütten, theologischer Referent der Wallfahrt.

Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr

„Auf dem Platz bringen die Menschen ihre Anliegen mit. Sie gehen nicht mehr in den Beichtstuhl oder bestellen auch keine Gottesdienste mehr“, sagt Rütten. Das gelte nicht nur für Pilger, sondern auch für die Menschen, die in der Pfarrei St. Marien zuhause seien, sagt er.

Die vermehrte Kontaktaufnahme auf dem Platz ist für die Seelsorger das Plus, das besondere Angebot in der kommenden Wallfahrtszeit. Erste Erfahrungen haben Rütten und Kauling im vergangenen Jahr im Rahmen der Vigilfeier „Lourdes begegnet Kevelaer“ gemacht. „Dort haben wir Impulse für viele neue Elemente gewonnen“, erläutert Kauling. Zum Beispiel die Segensfeier. Viele hätten sich segnen lassen, Frauen, Männer, Ehepaare, Paare, die gerade silberne Hochzeit gefeiert hätten. „Sie waren dankbar, den Segen zu erhalten“, erinnert er sich.

Aussendungsfeier für die Pilger

Oder auch eine Aussendungskultur für die Pilger. „Wir empfangen sie und entlassen sie nach der Wallfahrt wieder in den Alltag“, sagt Kauling. Dieser Aussendung möchte er mehr Gewicht verleihen. Kauling und Rütten sind noch in der gedanklichen Erprobungsphase. Noch sind nicht alle Formate konkret gestaltet.

„Manches wird auch der spontanen Aktion vorbehalten sein“, meint Kauling. Immer wieder kehrt er zum Gespräch auf dem Platz zurück. „Stellen Sie sich vor, ich stehe plötzlich in meiner weißen Albe auf dem Kapellenplatz.“ Eine kleine Fahne mache deutlich, dass es hier ein besonderes Gesprächsangebot gebe. Vielleicht ist ja auch noch ein Becher Kaffee da“, sagt Kauling. Das ist für ihn die Urform der Seelsorge. „Die Leute suchen Trost, sie haben ein Bedürfnis zu sprechen“, weiß er. „Das ist doch wie in einer großen Pilgerherberge.“

Vigil mit Trostbotschaft

Die Vigilfeier, der traditionelle schlichte Nachtgottesdienst mit Weihrauch, Texten und Musik, soll die Botschaft des Trostes in Kevelaer deutlich erfahrbar machen. Eine Oase der Stille wird die Palette der Angebote erweitern. Kauling kann sich außerdem vorstellen, in der Basilika mit der Monstranz zu den Menschen in den Bänken zu gehen, sie zu segnen und so spirituelle Begegnung zu schaffen.

Neben diesen Angeboten auf dem Platz wird es einen weiteren Höhepunkt geben. Zum Beispiel das Projekt „Jauchzet frohlocket“. Chordirektor Romano Giefer und Rütten haben sich etwas Besonderes vorgenommen: „Ziel ist es, eine szenische Musikerzählung von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium zu versuchen“, erläutert Giefer.

Singspiel nach Weihnachten

„Ein traditionelles Angebot in neuer Form“, sagt der 39-jährige Theologe Rütten. Diese inszenierte Aufführung des Weihnachtsgeschehens soll die Botschaft neu erfahrbar machen. „Wir wollen die Tradition erklären. Die Zuhörer sollen erfahren, welche Bedeutung die Botschaft von der Geburt Jesu für den Menschen von heute hat. Wir wollen die Geheimnisse, die in dieser biblischen Botschaft verborgen sind, aufdecken und zeigen, welcher Trost damit verbunden ist“, erklärt Rütten. Die Aufführungen sind am 28. und 29. Dezember in der Marienbasilika.

Wallfahrtsorte sind nach Ansicht der beiden Seelsorger ein Laboratorium für den Glauben der Kirche. In Kevelaer oder an anderen Wallfahrtsorten sei mehr möglich als in einer Pfarrgemeinde, weiß Kauling. „Impulse kommen durch das Tun.“

Zum zweiten Mal „Busmanns Spätschicht“

Hört man den beiden Theologen zu, bekommt man den Eindruck, dass sie die Wallfahrt mehr erden wollen. Neue Formen der Seelsorge jenseits der großen Events, der Jubiläen und Umzüge begründen, das ist ihr Ziel. Wobei Kauling auch immer wieder betont, dass es neben den neuen Formen auch die Angebote aus den früheren Jahren gibt. Zum Beispiel die Wallfahrt der Kommunionkinder, die Radfahrerwallfahrten, die Motorradfahrerwallfahrt und die großen Feiern mit den Bischöfen aus Deutschland und den Niederlanden.

Eine ganz eigene Kevelaerer Form, zum zweiten Mal während der Wallfahrtszeit, ist „Busmanns Spätschicht“. Bummeln, gemütlich shoppen, einkaufen, wenn anderswo die Geschäfts längst geschlossen haben, Livemusik in den Gässchen: Das Angebot geht in die zweite Runde. Im Umfeld des Noah-Brunnens bis zur Kerzenkapelle wird der Feierabendmarkt mit regionalen Produkten aufgebaut. Eine Mischung aus Neuem und Traditionellem wird es wieder werden.

Hendrick Busmann, dem im 17. Jahrhundert ein Stimme gesagt hatte, ein Wegkreuz zu bauen, hätte seine Freude an dem Markt. Der Kaufmann, der die Wallfahrt in gewisser Weise initiiert hat und seine Waren von Haus zu Haus auf der Kiepe transportiert hat, ist der Namenspatron.

Eröffnung am 1. Mai
Der Bischof von Mainz, Peter Kohlgraf, öffnet am 1. Mai um 10 Uhr die Pilgerpforte der Marienbasilika und damit die Wallfahrtssaison in Kevelaer. Anschließend beginnt das Pontifikalamt in der Basilika. Im Anschluss an das Pontifikalamt wird der Rektor der Kevelaer-Wallfahrt, Domkapitular Gregor Kauling, die Pilger im Forum Pax Christi begrüßen.
Der erste Tag der Kevelaerer Wallfahrtszeit ist auch der Pilgertag zahlreicher Kolpingsfamilien aus dem Bistum Münster und darüber hinaus.
In der Wallfahrtszeit 2019 wird es in Kevelaer tägliche, von der Wallfahrtsleitung gestaltete Gottesdienste für alle Pilgergruppen geben, so zum Beispiel das feierliche Pilgeramt mit Predigt um 10 Uhr in der Basilika, die Pilgermesse um 11.30 Uhr in der Kerzenkapelle, die Pilgerandacht mit Predigt um 15 Uhr in der Basilika und  das Marienlob um 18 Uhr in der Kerzenkapelle.