Kommentar von „Kirche+Leben“-Redakteur Jens Joest

War der KZ-Vergleich des Papstes richtig?

Viele Aufnahmezentren für Flüchtlinge, etwa auf den griechischen Inseln, seien wie „Konzentrationslager, durch die Menge der Menschen, die sie dort drinnen lassen“. Ein heikler Vergleich des Papstes. Schießt er über das Ziel hinaus?

Wer ein aktuelles Geschehen mit der Zeit des Nationalsozialismus vergleicht, der muss mit Kritik rechnen. Vor allem in Deutschland sind solche Parallelen heikel. Sind nun also, wie Papst Franziskus kritisiert, viele Aufnahmelager für Flüchtlinge in Europa „Konzentrationslager“, und zwar „durch die Menge der Menschen, die sie dort drinnen lassen“?

Zunächst einmal sind sie es nicht. Die Nationalsozialisten haben in Konzentrationslagern anfangs politische Gegner inhaftiert. Später wurden die Lager Orte des staatlich geplanten Massenmords an Millionen Juden und anderen Menschen, die die Nazis für minderwertig hielten. Das alles sind Flüchtlingslager nicht. Flüchtlinge sind keine politischen Häftlinge, die Lager in Griechenland und Italien sind keine Mordfabriken.

Franziskus bleibt seiner Linie treu

Dass der Papst den Vergleich trotzdem zieht, hat zwei Gründe. Der erste: Er hat die Zustände auf Lesbos selbst gesehen, sie haben ihn tief getroffen – und er bleibt seiner Linie treu, Skandalöses mit deutlichen Worten anzuprangern.

Der zweite: Auch wenn das Verbrechen, das Deutsche in KZs begingen, ohne jeden Vergleich ist – der Begriff „Konzentrationslager“ ist keine deutsche Erfindung. Das britische Militär zum Beispiel hat ihn für Lager im Zweiten Burenkrieg (1899-1902) in Südafrika verwendet.

Er meint nicht die deutschen Mordfabriken

Wenn der Papst also von Konzentrationslagern spricht, muss er nicht die deutschen Mordfabriken meinen. Das ist gut so. Denn inhaltlich hat Franziskus mit seiner Kritik vollkommen Recht.

Selbst ein Spitzenvertreter des Internationalen Auschwitz-Komitees hält den Vergleich für „legitim“. Der Papst habe überzeichnet, um die Herzen anzurühren.

Abkommen wichtiger als Menschenrechte

Flüchtlinge müssen in Aufnahmelagern in Griechenland und Italien unter unwürdigen Bedingungen ausharren, bis über ihren Weg entschieden ist. Der Papst klagt, im Umgang mit Flüchtlingen schienen internationale Abkommen wichtiger zu sein als die Menschenrechte.

Grenz-Abriegelungen und Verteilquoten statt Hilfe für Notleidende in Lagern – an diesen Zustand haben sich die Gesellschaften und Politiker in einer Europäischen Union gewöhnt, die mit dem Friedensnobelpreis dekoriert ist. Es sagt viel, wenn es eines KZ-Vergleichs bedarf, damit die Öffentlichkeit bekanntes Unrecht neu in den Blick nimmt.