Palmsonntags-Gedanken über peinliche Siegertypen und einen König im Straßenstaub

Warum Christen Anhänger eines Loser-Kults sind

Die Karwoche: ein Fest im Straßenstaub. Sie beten kniend einen Gott an, der vor lauter Schwäche nicht mehr kann, dessen Erniedrigung hoch am Kreuz der ganzen Welt hingehalten wird. Das muss man aushalten können als Christ. Kein Platz für Sieger.

Donald Trump hat es gemacht, Barack Obama und Hillary Clinton ebenso: Das Siegeszeichen, bei dem Zeige- und Mittelfinger ein V bilden und das englische Wort »victory« für »Sieg« symbolisieren. Besonders gern nutzte es auch der frühere iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, genauso sein Nachfolger Hassan Ruhani. Nicht minder der pakistanische Ministerpräsident Nawaz Sharif, die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff, sogar Martin Schulz – obwohl die Karrieren dieser drei Politiker wenig siegreich endeten. Nicht zu vergessen der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der das Zeichen als Angeklagter zu Beginn des »Mannesmann-Prozesses« 2004 machte und damit den Ruf des typischen, arroganten Bankers weg hatte.

Wer das Siegeszeichen verwendet, strotzt nur so von Selbstbewusstsein und der Gewissheit, dass es keinen Größeren, Mächtigeren, Erfolgreicheren neben ihm gibt. Mir persönlich sind solche Menschen eher suspekt, wie mir ohnehin Siegertypen schlichtweg unsympathisch sind. Der Ruf nach dem starken Mann, der aufräumt und für Ordnung sorgt, der angeblich alles kann und darum auch alles darf, dem deshalb bereitwillig und wie blind nahezu uneingeschränkte Macht gegeben wird wie gerade wieder in Russland und China – mich erfüllt das eher mit Sorge. Denn: Wo es Sieger gibt, gibt es immer auch Besiegte. Denen zeigen die Sieger ihr V mit ganz eigener Bedeutung: V wie »Versager!«.

Verhöhnung statt Krönung

Auf wessen Seite Jesus steht, ist so klar wie unbequem. Er gesellt sich zu den Kleinen und Geringsten, zu den Schweigenden und zum Schweigen Gebrachten. Das verstört heute wie damals. Selbst die Apostel haben offenkundig an einen anderen Sieg geglaubt, als Jesus an Palmsonntag in Jerusalem einritt. Aber es kam ganz anders: Verhaftung statt Machtergreifung, Verhöhnung statt Krönung, und gestürzt wurden nicht die verhassten Römer, dafür stürzt vielmehr der angebliche Messias – gleich dreimal.

Die Enttäuschung muss gewaltig gewesen sein: Kein Wunder, dass der eine ihn verrät, der andere ihn verleugnet und die meisten abhauen. Blamage statt Sieg. Wer will schon freiwillig zu einer solchen Verlierertruppe gehören? Wer einen »König« verehren, dessen Krone nicht golden glänzt, sondern dornig den Kopf blutig kratzt?

Was Christen aushalten müssen

Darüber sollten sich Christen im Klaren sein: Sie sind definitiv Anhänger eines Loser-Kults. Jedenfalls nach den Maßstäben der Trumps, Putins oder Ackermänner. Oder eines Judas, Petrus und diverser anderer heiliger Apostel. Christen begehen in diesen Tagen voller Überzeugung ein Fest im Straßenstaub. Sie beten kniend einen Gott an, der vor lauter Schwäche nicht mehr kann, dessen Erniedrigung hoch am Kreuz der ganzen Welt hingehalten wird. Das muss man aushalten können als Christ. Das muss man aushalten als Kirche.

Und darf nicht zu früh sich darauf freuen, dass ja am Ende alles gut wird. Dass am Ende ja doch der Triumph steht. Dass der Tote am Ende ja doch »siegreich aufersteht«. Auch wenn das natürlich alles stimmt und der immer schwer zu glaubende Kern unseres Glauben ist. Auch wenn mit Jesus – wie man so sagt – der Tod gestorben und dem Bösen das letzte Wort genommen ist.

Es ist nicht alles gut

Denn es ist nicht alles gut und die Geschichte der meisten Menschen dieser Welt eben keine Siegesgeschichte: die der Millionen Hungernden, medizinisch Unterversorgten, ungerecht Behandelten; die derjenigen auch bei uns, die seit Generationen auf keinen grünen Zweig kommen; kurz: die Geschichte der ohnmächtigsten Großmacht – der Verlierer. Ihnen mit einem Platz auf dem Siegertreppchen in einer anderen Welt zu kommen, verhöhnte ihr Leiden in dieser Welt.

Und doch gibt es einen Sieg. Es gibt den Sieg der Verlierer. Dafür steht diese Karwoche. Für eine Ohnmacht voll mit Liebe. Die Schwachen werden das verstehen. Hoch die Finger V! Zum V wie Vertrauen.