„Elbekrebs“ Claus-Rainer Wolter als Flusspilger unterwegs

70-Jähriger schwimmt 95 Kilometer zum Kirchentag

„Ich brauche nur Bananen!“ Bevor Claus-Rainer Wolter in den kalten Fluss steigt, isst er mindestens drei davon. In der Banane, erklärt der 70-Jährige, ist nämlich alles drin, was sein Körper benötigt, um über längere Distanzen schwimmen zu können. Nach 15 Kilometern ein weiterer Bananen-Stopp, Mineralwasser für die Flüssigkeit und noch mal eine Portion Melkfett auf Haut und Muskelpartien. Das soll Wolter vor dem Auskühlen bewahren. 30, 45, selbst 65 Kilometer an einem Tag sind für ihn kein Problem, sagt der passionierte Fluss- und Extremschwimmer, der sich selbst Elbekrebs nennt.

Wenn Claus-Rainer Wolter am kommenden Sonntag im sächsischen Kreinitz in die Elbe springt, um 95 Kilometer flussabwärts bis Wittenberg zu schwimmen, dann wird das mehr sein als nur Schwimmen. Er nennt es Flusspilgern. Aber warum das alles? Wolter erklärt es so: Erzählt er jemandem, wie schädlich der Ausbau der Elbe für den Fluss und das Auenwaldgebiet entlang der Elbe ist, dann interessiert das keinen.

„Bewahrung der Schöpfung“ mit politischer Botschaft

Sagt er aber, dass er die Elbe zur „Bewahrung der Schöpfung“ abschwimmt, setze bei den Zuhörern ein Denkprozess ein, sagt er. Dann kann er mit ihnen über die Gefahr sprechen, dass der Grundwasserspiegel sinkt, je mehr sich der Fluss vertieft und infolgedessen Tiere und Pflanzen sterben. Und Wolter kennt den Fluss sehr gut. Seit Jahren steigt der 70-Jährige aus Coswig regelmäßig in die Elbe und wirbt mit seinen spektakulären Schwimmtouren für den Schutz des Flusses.

Manchmal dreht sich Wolter beim Schwimmen in der Elbe auf den Rücken, sieht in den Himmel und hält für einen Moment inne. „Es ist der Wahnsinn, welchen Tieren du da begegnest“, sagt er. Da sind der Fischadler und der Eisvogel und dort der Reiher. „Eine beeindruckende Natur!“ Wenn Wolter früh am Morgen oder im Mondschein schwimmt, entdeckt er auch mal einen Biber auf den Buhnen, erzählt er. Angst brauche man vor dem Fluss keine haben, aber Respekt und Vorsicht bei Verwirbelungen an Brückenpfeilern oder Buhnen.

„Nass wirst du sowieso“

Von Dresden aus ist Wolter schon in das 20 Kilometer entfernte Meißen zum fünften Elbe-Kirchentag 2012 geschwommen. Oder ein Jahr zuvor aus dem tschechischen Decin 70 Kilometer flussabwärts zum 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag nach Dresden. Ein anderes Mal 200 Kilometer von Dresden nach Dessau-Roßlau.

Zum 36. Kirchentag in diesem Jubiläumsjahr des 500. Reformationsgedenkens steigt er bei Flusskilometer 119,3 ins Wasser. „Größtenteils bin ich vom Wetter unabhängig“, sagt Wolter. „Nass wirst du ja sowieso.“ Für seine Aktion zum Kirchentag hat er dennoch zwei Varianten ausgearbeitet. Bei gutem Wetter will er die Strecke in zwei Etappen bewältigen. Wenn es die Umstände nicht zulassen, sagt er, dann eben an drei Tagen. Für welche Variante er sich entscheidet, macht er von dem Fluss abhängig.

Mitschwimmer willkommen

Bei längeren Schönwetterphasen und wenn die Luft sich erwärmt, zieht auch die Wassertemperatur nach zwei oder drei Tagen nach. Zwei Wochen vor Beginn des Kirchentages liegt die Wassertemperatur der Elbe im Raum Wittenberg bei rund zwölf Grad. Das sind etwa vier Grad weniger als im Vorjahr. Es wird also wahrscheinlich die Strecke mit mehreren Unterbrechungen. Tag eins bis Torgau: 35,9 Kilometer. Tag zwei bis Pretzsch: 29,6 Kilometer.

Wer will, darf Wolter die letzten Meter vor dem Ziel schwimmend begleiten. Am Dienstag dann die Ankunft nach weiteren 29,5 Kilometern in der Wittenberger Marina. Auf die Kommastelle genau 95 Kilometer – für jede These des Reformators Martin Luther (1483-1546) einer. Am Folgetag beginnt der Kirchentag in Berlin und sechs mitteldeutschen Städten. Ursprünglich wollte Wolter genau am 28. Mai in Wittenberg anlanden, wenn auf den Elbwiesen vor der Stadt der große Abschlussgottesdienst des Kirchentags stattfindet. Aber die Sicherheitsbestimmungen sind so hoch, dass dann niemand mehr anschwimmen darf.

Und wo wartet die nächste Herausforderung auf den Rentner? „Der Ärmelkanal war mal mein Traum, aber da musst du auch Realist sein“, sagt Wolter. In der Meerenge zwischen Dover und Calais seien so viele Schiffe, dass man sich als Schwimmer vorher anmelden muss. Man brauche einen Begleitarzt, müsse die Strömungen gut kennen. „Mir fehlen noch die Elbestücke Hitzacker-Geesthacht und Magdeburg-Wittenberge, die nehme ich bald in Angriff“, sagt Wolter. Dann kennt der Elbekrebs aber wirklich jeden Meter seines Flusses. 

Stichwort: Deutscher Evangelischer Kirchentag
Der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) ist eine Großveranstaltung protestantischer Laien. Sie laden alle zwei Jahre in eine andere Stadt ein. Dort stehen insbesondere Gottesdienste, Bibelarbeiten, Diskussionen, Konzerte und Feste auf dem Programm.
Der erste DEKT fand 1949 in Hannover statt. Seit 1959 wechseln sich die Treffen im Zweijahres-Rhythmus mit den Katholikentagen ab. Rechtsträger ist der „Verein zur Förderung des Deutschen Evangelischen Kirchentages“ mit Sitz in Fulda. An der Spitze steht Generalsekretärin Ellen Ueberschär. Präsidentin des Kirchentags ist die schweizerische Theologin Christina Aus der Au.
Der nächste DEKT findet vom 24. bis 28. Mai in Berlin und Wittenberg statt. Unter anderen wollen Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der frühere US-Präsident Barack Obama kommen. Das Motto des Treffens lautet „Du siehst mich“. Die Worte stammen aus der Geschichte der Sklavin Hagar im 1. Buch Mose im Alten Testament.
Evangelische Kirchentage und Katholikentage wechseln sich für gewöhnlich jahrweise ab. Der nächste Katholikentag findet vom 9. bis 13. Mai 2018 in Münster statt.
Ökumenische Kirchentage gab es 2003 in Berlin und 2010 in München. Das nächste gemeinsame Treffen von katholischen und evangelischen Christen soll 2021 in Frankfurt stattfinden. | KNA, mn