Video: Ruhe. Jetzt! – Dritter Teil

Advent, Zeit der leisen Töne – ohne Lautsprecher

Ein Moment der Ruhe: Schilf in der Morgensonne.Video: Michael Bönte

Wen es umgehauen hat in seinem Leben, der steht schlecht da. Wenn es nach manchem Politiker geht. Doch der Advent kommt da unten erst richtig in Fahrt, Gott sei Dank.

Ich gebe es offen zu: Das ist nicht meine Welt! Wenn Politiker laut einen „Strategiewandel im Umgang mit den Menschen in unserem Land“ fordern und damit meinen, dass vor allem Leistung zählen muss. Dass es angeblich einer „Agenda für die Fleißigen“ bedarf. Dass wer schwach ist, nicht ständig nach dem starken Staat rufen soll. Dass es vor allem wichtig ist, der Erste, Beste, Reichste, Erfolgreichste zu sein.

Nicht nur jenseits des Atlantiks laufen gerade eine ganze Reihe von (meistens) Männern herum, deren übermäßige Testosteronproduktion sich in aufgeblasenen Brustkörben und massiver Selbstüberschätzung zu manifestieren scheint.

Innere Stärke statt Lautstärke

Wie gesagt: Nicht meine Welt. Ich gebe ebenso offen zu: Ein Satz aus der Bewerbungsrede von Annegret Kramp-Karrenbauer zum CDU-Vorsitz hat es mir angetan. Da sagte sie, es komme mehr auf „innere Stärke“ als auf „äußere Lautstärke“ an. „Das muss mal gesagt werden zu all den Lautsprechern da draußen.“ – Ich könnte mir vorstellen, sie hat damit jene Herren mit den aufgeblasenen Brustkörben gemeint, deren Nachnamen merkwürdigerweise oft einsilbig sind.

Wie gut ist es da, dass Advent ist! Wie gut tun da die leiseren Töne, die stillen Zeiten, die trostreichen Botschaften! Dass sie völlig verquer sind zu unserer Zeit und wohl auch deshalb so wertvoll, zeigt sich nicht nur mit Blick auf politische Poltereien und echten oder eingeredeten vorweihnachtlichen Stress und Trubel.

Die Schwachen stehen im Mittelpunkt

Der Advent kommt in jeder Hinsicht anders daher. Alle Lieder und Texte dieser Zeit sprechen eben nicht von den Starken, den Lautsprechern, den Mächtigen. Sondern von den Schwachen, den Leisen, den Macht­losen. Anders ist der Advent, anders ist das Christentum nicht zu haben. Und: Anders kommt Gott nicht zur Welt. Nichts zu machen!

Advent ist eben nicht nur das Flackern der Kerzen und schon gar nicht das Flirren der Lichterketten. Als Erstes geht es um das Dunkel, dann erst um das Licht. Erst um die Not, dann den Erlöser. Erst um das Unheilige, dann um den Heiland. Das tut dieser unser Glaube: Er schaut auf das Dunkle, er lässt das zu. Wendet seinen Blick nicht ab, überstrahlt nicht alles.

Die Gebrochenen werden aufgerichtet

Darum die wunderbaren Not-Wenden: „Blinde schaun zum Licht empor, Stumme werden Hymnen singen, Tauben öffnet sich das Ohr, wie ein Hirsch die Lahmen springen.“ So heißt es in dem schönen Lied „Kündet allen in der Not“ (Gotteslob 221). Wasser fließt aus Wüstensand, Quellen tränken dürres Land.

Und dann erzählt Jesaja, von dem all diese Bilder stammen, vom geknickten Rohr. Ginge es nach den Lautsprechern unserer Zeit, hätte es Pech gehabt: Wer einmal unten liegt, ist selber schuld. Nicht mit Jesaja! „Er schreit nicht und lärmt nicht“, sagt er über den Erwählten Gottes, „und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen.“ Vor allem: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Nein. Er richtet auf. Alle Gebrochenen.

Im Ernst: Wer wollte sich da nicht angesprochen fühlen?