Pater Daniel Hörnemann über Karriereträume und zwei Platzverweise

Auslegung der Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis (B)

Das Evangelium dieses Sonntags scheint wie gemacht für diese Zeit: Es geht um Karriedenken und Machtstreben. Nicht bei irgenwem, sondern bei den Jüngern. Was Jesus ihnen zu sagen hat, klingt in diesen Tagen besonders aktuell, zeigt Pater Daniel Hörnemann.

Der Papst im Zirkus? Vielleicht mag er sich im Vatikan manchmal wie in einem solchen vorkommen. Nein, er war de facto im größten Zirkus des antiken Rom persönlich anwesend. Der Circo Massimo mit einer Gesamtlänge von 600 Metern und einer Breite von 140 Metern bot einst für ca. 250.000 Menschen Platz und wurde bis ins sechste Jahrhundert für Wagenrennen genutzt.

Das Evangelium vom 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Im August 2018 begegnete Papst Franziskus vor dieser Kulisse etwa 70.000 italienischen Jugendlichen. Sie hatten kritische Fragen an das Kirchenoberhaupt mitgebracht. Zahlreiche Skandale und meist überflüssiger Prunk machten die Kirche für viele junge Menschen unglaubwürdig. Franziskus antwortete mit klaren Worten: Selbstbezogenheit und Klerikalismus seien die Ursache vieler Probleme in der katholischen Kirche. Wenn der Glaube nicht in alltäglicher Praxis gelebt werde, verkomme Jesu Botschaft zu „Schall und Rauch“. Um Gottes Reich Wirklichkeit werden zu lassen, müsse man sich von Trugbildern und Allmachtswahn verabschieden.

Ein dunkles Kapitel

Bereits im heutigen Evangelium ist von Skandal die Rede. Da haben wir es, das unselige Wort vom Missbrauch. Zigmal in den Medien wiederholt, sodass viele es gar nicht mehr hören können oder wollen. Und dennoch darf niemand vor der schrecklichen Wirklichkeit die Augen verschließen und so tun, als gäbe es diese dunklen Kapitel nicht.

Diesmal kommt das Wort vom Missbrauch nicht aus der Zeitung oder dem Internet, sondern aus dem Mund Jesu. An die Jünger Jesu und alle seine „Lehrlinge“ gerichtet, also alle Christen, aber zuvorderst diejenigen, die führende Stellungen in der Kirche inne haben: „Bei euch aber soll es nicht so sein!“

Jesus Christus gab den Zebedäussöhnen Jakobus und Johannes den Beinamen „Donnersöhne“. Dieser Namenszusatz begründet sich aus dem ungestümen Feuereifer, mit dem die beiden Brüder für Jesus eintraten und predigten. Anscheinend leiteten sie daraus ihr Ansinnen ab, in direkter Nähe bei ihrem Meister sitzen zu dürfen. Als sie diesen Anspruch bei Jesus anmelden, erhalten sie die Abfuhr ihres Lebens.

Auf Entschuldigung müssen Taten folgen

Zusätzlich zum Platzverweis ziehen sie den Unmut ihrer Apostelkollegen auf sich. Wobei man sich fragen mag, ob diese ihren gerechten Zorn äußern oder sich ärgerten, dass sie selbst nicht auf den Gedanken gekommen waren, bei Jesus solche Ansprüche anzumelden. Die Versuchung steckt damals wie heute wohl in jedem Menschen, Macht zu erlangen und darüber hinaus sie auch noch zu missbrauchen.

Der Autor
Pater Daniel HörnemannPater Daniel Hörnemann ist Subprior der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Wenn dergleichen endlich ans Licht kommt, reicht es nicht aus, Entschuldigungsworte an die Opfer zu richten. So ernst sie gemeint sein mögen, ihnen müssen Taten und Haltungsänderungen folgen. Dazu gehört eine Politik der Nulltoleranz. Papst Franziskus warnt eindrücklich und deutlich vor Autoritätsdünkel und gemeinschaftszersetzendem Klerikalismus und fordert zugleich ein absolutes Nein gegen jegliche Form von Missbrauch.

Nachfolge ist nicht fürs Prestige gedacht

Was solches Verhalten begünstigt, davon muss man sich dringend verabschieden, von jeder Art von Machtmissbrauch und fehlgeleiteter Einflussnahme. Bischof Felix Genn folgert da­raus: „Es gibt kein Verhalten, durch das Vertrauen schändlicher zerstört wird als durch sexuellen Missbrauch und dadurch, dass dieses widerwärtige Verbrechen auch von kirchlichen Verantwortlichen zu leicht übergangen und auch vertuscht wurde und wird.“

Die Nachfolge Jesu und die Dienstämter in der Kirche sind nicht für das Prestige, den Eigennutz und die Karriere der Amtsträger gedacht. Jesus fragt die beiden Donnersöhne eingehend, ob sie bereit seien, Leben und Schicksal des Gottesknechtes zu teilen, dem es nicht um Ruhm, Prestige, Geltungsdrang und Machtstreben zu tun ist. Sie antworten ungestüm und naiv: „Wir können es.“ Er macht ihnen unmissverständlich deutlich, dass es bei ihm nicht um gute Plätze und erfüllte Machtträume geht. Denn wahre Macht hat nichts mit Geld, Größe und Gewalt zu tun.

Jesu Kirche ist kein Machtapparat

Ausgerechnet in dem, der nach menschlichem Ermessen als zerschlagen, verachtet und machtlos gilt, wird der Plan Gottes gelingen (Jes 53,10). Nur durch den einen, der Mensch wurde, der mitfühlen kann mit unserer Schwäche und durch Versuchungen geführt wurde, ihnen aber nicht erlag (Hebr 4,15). Gerade durch den, der trotz Scheitern und Untergang noch den wahren Mächtigen im Auge behält, seine Lebenskraft und seine Menschenliebe.

Jesu Kirche ist kein Machtapparat, sondern eine Bewegung, durch die das Zeugnis für den lebendigen Gott in dieser Welt wachsen soll. Zu ihm dürfen wir voll Zuversicht hingehen, damit wir in all unserer Schwäche seine Bestärkung, Zuneigung und Hilfe finden.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.