Ulrich Hagemann über einen Gott, der sich nicht kaufen lässt

Auslegung der Lesungen vom 3. Fastensonntag (B)

Von wegen Softie! So kennt man Jesus kaum: Er ist wütend, randaliert, schreit. Und das Ganze im Tempel. Derber kann Kritik an den religiösen Institutionen kaum sein. Ulrich Hagemann aus Warendorf hat eine Ahnung, warum das so anziehend gewirkt hat.

Jesus rastet aus! Er bastelt sich eine Peitsche und randaliert richtig rum. Wow! – So kennen wir Jesus gar nicht, den allzeit barmherzigen, gutmütigen und verständnisvollen Wanderprediger. Jesus von Nazareth: ganz Gott und eben auch ganz Mensch, inklusive Wutanfall. Anscheinend geht es ihm da um etwas Wichtiges. Da passiert offenbar etwas, was ihm richtig weh tut. Weil dort etwas lächerlich gemacht wird, das ihm absolut am Herzen liegt, kostbar und heilig ist.

Das Evangelium vom 3. Fastensonntag (Lesejahr B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Der Tempel ist für Jesus der Ort, an dem sein Vater wohnt. Ein Ort, wo Gott gefeiert wird, ein Ort des Gebets. Da haben die Tierverkäufer, die Opfertiere anbieten, für ihn ebenso wenig verloren wie die Geldwechsler, die Münzen in der „richtigen Währung“ für die Tempelgabe anbieten. Jesus macht deutlich, dass sich Gott nicht durch Opfer kaufen lässt, sondern dass es ihm wahrscheinlich egal ist, ob die Opfertiere die richtigen sind und die Währung stimmt.

Es herrscht ein frommer Betrieb im Tempel, der sich aber auf Äußerlichkeiten beschränkt. Jesus zeigt: Beim Glauben kann und darf es eben nicht um Äußerlichkeiten gehen, sondern das Herz ist gefordert! Ein Handeln aus dem Glauben heraus ist gefragt, das Tun aus Liebe. Es ist ihm wohl wichtiger, dass die Menschen nach seinem Wort leben und dieses Wort Konsequenzen für das menschliche Miteinander hat.

Was Jesus anwidert

Da flackert in Jesus die Kultkritik auf, wie bei den Propheten. Vielleicht widerte ihn an, dass der geschäftigen Frömmigkeit das Herz fehlte. Vielleicht spürte er, dass sich manche durch das Opfer frei kaufen oder ihr Gewissen beruhigen wollten. Das Evangelium fragt uns, wie es denn um unser Verhältnis bestellt ist zwischen dem, wie wir uns geben, und unserem Herzen. Tun wir, was man halt so tut, oder ist es uns ein echtes Anliegen?

Jesus hat Menschen angezogen, weil sie spürten, dass er authentisch ist. Er setzt wahrhaftige Zeichen. Er ist echt, stimmig. Sein Reden und sein Tun sind kongruent. Jesus ist glaubwürdig – das überzeugt.

Finden nicht die großen Seligen und Heiligen unserer Zeit – eine Mutter Teresa, Johannes Paul II., Frère Roger oder dieser oder jener andere Mensch – deswegen so viel Zustimmung, weil wir sie als glaubwürdig erlebten? Lebt er, was er sagt? Handelt er so, wie er es von uns erwartet? Oder tut er sonntags fromm, aber alle wissen ganz genau, dass sich zum konkreten Verhalten im Alltag einige Widersprüche auftun?

Alles vom Feinsten?

Jesus will uns nicht überfordern. Wir alle haben unsere Grenzen. Wir dürfen zugeben, dass wir etwas nicht schaffen. Aber wir sollen nicht so tun, als wäre immer alles vom Feinsten, als könnten wir gar nicht verstehen, warum andere damit Schwierigkeiten haben.

Der Autor
Ulrich HagemannUlrich Hagemann ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Laurentius in Warendorf. | Foto: privat

Gott kennt uns. Er kennt unsere Möglichkeiten, er kennt unser Herz. Er weiß, wo wir selbst an uns leiden: an unserem Scheitern, wo wir etwas nicht fertig bringen, wo wir schuldig werden. Und ich bin überzeugt: Er schaut nicht zuerst auf das, was in unserem Leben nicht gelingt, wo wir versagen, wo wir untreu sind, wo wir ihn vergessen. Ich glaube, er schaut zuerst auf unser Herz, unsere Sehnsucht, auf die kleinen und großen Momente der Umkehr, auf unseren Wunsch, ihm Raum zu geben in unserem Leben. Die Zehn Gebote, die uns die erste Lesung aus dem Buch Exodus nennt, können dafür ein Kompass sein.

„Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“, sagt Jesus. Und der Evangelist erklärt gleich dazu, dass Jesus seinen eigenen Tod und seine Auferstehung damit meint. Der Tempel ist der Ort der größtmöglichen Gottesnähe; doch in Jesus von Nazareth kommt Gott auf die Erde, um den Menschen noch viel näher sein zu können als im Tempel. Durch die Beziehung zu Jesus Christus können wir mit Gott Gemeinschaft haben, wie es eben vorher nur im Tempel möglich war. Gottes Gegenwart ist jetzt überall dort, wo wir in Jesu Namen zusammenkommen, nach Gott suchen und fragen, was er mit uns zu tun hat.

Stürmischer Eifer tut gut

Jesus rastet aus. Etwas von diesem stürmischen Eifer tut uns sicher gut, wenn wir Position beziehen sollen für Gott und die Menschen, die uns brauchen. „Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten“ schreibt der Apostel Paulus den Korinthern in der zweiten Lesung, und auch heute sorgen wir dadurch manchmal für Ärgernis oder für Spott.

Und wenn wir dann mal impulsiv oder gar aufbrausend reagieren, werden wir vielleicht genauso angesprochen werden wie Jesus, was uns denn einfällt, und warum wir das tun. Wenn diese Situation eintrifft, dann haben wir einen Ansatzpunkt für das Erzählen von unserem Glauben, von Jesus, und von der Hoffnung auf ein Leben in Fülle.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 3. Fastensonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.