Ulrich Hagemann über ein großes Glaubens-Hindernis: das Kreuz

Auslegung der Lesungen vom 4. Fastensonntag (B)

Wer schon einmal so richtig über beide Ohren verliebt war, der weiß, was das bedeutet: Man kann an nichts anderes mehr denken. Verliebt-Sein ist nicht einfach nur ein Zustand, sondern hat Folgen: Liebe will sich dem Geliebten mitteilen, ob per Liebesbrief oder per WhatsApp-Nachricht. Man möchte mit diesem Menschen zusammen sein, überrascht ihn mit kleinen Geschenken, einfach, um seine Zuneigung zu zeigen.

Das Evangelium vom 4. Fastensonntag (Lesejahr B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

Gott geht es genauso: Er ist verliebt in uns Menschen. Auch das hat Folgen. Von Anfang an wollte er uns zeigen, wie groß seine Liebe ist. Er sandte Propheten, um uns durch sie zu sagen, wie wichtig wir ihm sind. Die Menschen haben das oft nicht verstanden und nicht darauf geantwortet.

Da schickte Gott seinen Sohn. In Jesus lebte Gott als Mensch unter Menschen; so hat er uns gezeigt, wie groß seine Sehnsucht nach uns ist: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“ Diese Liebe ging sogar bis in den Tod am Kreuz. Durch seine Auferstehung haben wir Anteil am ewigen Leben. Jesus Christus ist die sichtbare Folge der Liebe Gottes – leibhaftig und aus Fleisch und Blut.

Folter und Zärtlichkeit?

Lange haben sich Menschen Gott als strengen Richter vorgestellt, der kommt, um mit ihnen abzurechnen. Jesus hingegen spricht ganz anders von Gott, fast sogar zärtlich. Das Kreuz als grausames Folterwerkzeug behält seinen Schrecken, aber es ist nun auch Zeichen der Liebe Gottes, der durch Jesus alle retten will und sich nicht einmal von den Grausamkeiten der Menschen davon abhalten lässt. Jesus bleibt seinem Vater treu: Selbst die Ablehnung der Menschen bringt ihn nicht von seiner Sendung ab.

Der Autor
Ulrich HagemannUlrich Hagemann ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Laurentius in Warendorf. | Foto: privat

Mit Nikodemus tritt Jesus ein angesehener Pharisäer gegenüber, ein Jude von hohem Rang, der sich sehr gut im eigenen Glauben auskennt. Wie die Jüngerinnen und Jünger ringt er mit der absurden Idee, dass es Gottes Plan mit dem Kreuz sein könnte und das dadurch etwas Gutes bewirkt wird.

Das Kreuz ist ein großes Hindernis für die Annahme des christlichen Glaubens: Wie geht das, an einen Gott zu glauben, der gekreuzigt wurde? Jesus Christus erinnert an die alte Geschichte der bronzenen Schlange, die, auf einem Balken erhöht, viele Israeliten vor dem tödlichen Schlangenbiss gerettet hat. Die frühe Kirche sah in dieser erhöhten Schlange ein Vorausbild auf das Kreuz Jesu. Das Kreuz bleibt ein grausames Folterwerkzeug, aber Gott macht aus ihm ein Instrument der Erhöhung und Verherrlichung Jesu.

Hunderte Entscheidungen jeden Tag

So wie Mose die Bronzeschlange in der Wüste aufgerichtet hat und jeder, der sie anschaute, gerettet war, so bekommt jeder, der die Augen des Glaubens auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus richtet, das ewige Leben geschenkt. Der Appell Jesu im Evangelium ist eindringlich: Gleich fünf Mal ruft er zum Glauben auf. Der Glaube an Gott vollzieht sich für Christen über den Glauben an Jesus, der am Kreuz für uns gestorben ist. Jesu Worte haben Nikodemus wohl überzeugt: Er ist es, der den toten Leichnam später einbalsamiert (Joh 19,39).

Das Leben ist voller Entscheidungen, jeden Tag verlangt es hunderte, große und kleine. Eine dieser Entscheidungen ist, welchen Platz der Glaube an Gott in meinem Leben einnimmt. Der Evangelist Johannes malt keine Bilder von Himmel und Hölle. Es geht ihm um die Wahl zwischen einem Leben mit Gott oder ohne ihn. Jesus, wie der Evangelist Johannes ihn beschreibt, nimmt die Menschen ernst in ihrer Entscheidung für oder gegen den Glauben. Jeder Mensch ist zum Glauben eingeladen – aber niemand wird gezwungen. „Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet“: Wenn wir ja sagen, brauchen wir keine Angst zu haben, denn durch Jesus Christus haben wir schon den Zugang zum Himmel gefunden.

Vorfreude auf Ostern

„Aus Gnade hat Gott uns gerettet“, sagt der Epheserbrief in der zweiten Lesung. „Aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft.“ Natürlich ist die Annahme des Glaubens zuerst Geschenk und Gnade, aber dennoch sind wir in unserer Entscheidung immer wieder neu herausgefordert, diesen Glauben für uns selbst zu wählen. Sich zum Glauben an Jesus Christus, vielleicht nach außen sichtbar im Engagement für die Kirche, zu bekennen, wird von außen immer mehr angefragt. Wie gehen wir damit um?

Der vierte Sonntag in der Fastenzeit trägt den Namen „Laetare“ – Freue dich! Die Vorfreude auf Ostern darf schon ein bisschen durchblitzen. Freuen wir uns über das Geschenk des Glaubens, in dem Zweifel ganz normal sind – und entscheiden wir uns neu dafür, Ja zu sagen zu unserem Glauben und zu dem, was Jesus für uns getan hat – aus Liebe.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 4. Fastensonntag (Lesejahr B) finden Sie hier.