Pfarrer Stefan Jürgens über Taufwasser, das dicker als Blut ist

Auslegung der Lesungen vom 7. Sonntag im Jahreskreis (C)

Was verbindet uns Menschen? Gemeinsame Ideale zum Beispiel. Auf jeden Fall die Verwandtschaft. Stefan Jürgens, Pfarrer in Heilig Kreuz, Münster, zeigt in seiner Auslegung des Sonntags-Evangeliums, welche Verbundenheit sich Jesus vorstellt.

„Blut ist dicker als Wasser“ – bestimmt kennen Sie dieses Sprichwort. Es bedeutet: Verwandtschaft bindet am stärksten. Menschen sind am wenigsten egoistisch, je enger sie miteinander verwandt sind. Beim Erben und Vererben spielt das oft eine Rolle: „Blut ist dicker als Wasser.“

Das Blut ist hier Symbol der Verwandtschaft, das ist klar: Blutsverwandtschaft. Wofür aber steht das Wasser? Mit dem Wasser ist das Taufwasser gemeint, also der Glaube an Gott. Steht das Blut für die Blutsverwandtschaft, so das Wasser für die Geistesverwandtschaft. Auf die kann man sich, wie es scheint, weit weniger verlassen. Denn Blut ist ja dicker als Wasser.

Wichtiger als Verwandtschaft

Lesungen und Evangelium vom 7. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) zum Hören finden Sie hier.

In der Geschichte der Menschheit gibt es dafür viele Beispiele. Immer wieder war die Verwandtschaft wichtiger als der Glaube. Oder, anders gesagt: Das eigene Volk, die Nation, die Familie waren wichtiger als das Christentum. Wie hätte es sonst passieren können, dass Christen gegeneinander in den Krieg ziehen? Doch nur deshalb, weil die eigentliche „Religion“ dieser Menschen ihre Nationalität war – und nicht zuerst ihr Glaube an Gott.

Dabei sollte es gerade andersherum sein: Der Glaube sollte uns mehr verbinden als die Verwandtschaft. Wasser, also Taufwasser, sollte „dicker“ sein als Blut. Jesus sagt: „Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“. Und in der Feldrede nach Lukas: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden.“

Kirche ist nicht national, nicht provinziell

Es gibt also eine Verbundenheit über das Blut hinaus, eine Geistesverwandtschaft. „Blut ist dicker als Wasser“, das wäre mir zu wenig, ja es kommt mir naiv und archaisch vor. „Wasser ist dicker als Blut“, das müsste für uns Christen gelten. Gott verbindet uns mehr als unsere Gene. Denn der Glaube ist universal, er schließt keinen aus. Seine Meisterdisziplin ist die Feindesliebe. Und der Verzicht auf Vergeltung: Durch das Hinhalten der anderen Wange unterbrechen wir die Spirale der Gewalt.

Auch die Kirche ist universal: Eine Kirche aus allen Völkern und Sprachen, über alle Zeiten und Grenzen hinweg. Es geht sogar noch wesentlich weiter. Die Kirche ist nicht nur universal für alle, die getauft sind. Sondern für alle Menschen. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott sowie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Kirchenkonstitution „Lumen Gentium”). Die Einheit der ganzen Menschheit, das ist das Ziel der Kirche! Sie ist nicht national, nicht provinziell, sondern eben universal, für alle.

Manche können ohne Feinde nicht leben

Auch in unseren Tagen ist zu spüren, dass für viele Blut leider immer noch dicker ist als Wasser. Sie haben Angst vor dem Fremden, grenzen sich ab und hoffen, dadurch irgendeine Art von Identität zu gewinnen. Scheinbar müssen sie wissen, wer die Anderen sind, um zu spüren, wer sie selber sind. Häufig können sie ohne Feinde gar nicht leben. Und die „Heimat“, die sie schützen wollen, macht sie dabei nicht sicherer, sondern einfach dumm.

Paulus, dessen Ersten Korintherbrief wir in der Epistel weiterlesen, geht davon aus, dass die Geistesverwandtschaft mit dem „neuen Adam“, also mit Jesus Christus, wichtiger ist als die Blutsverwandtschaft mit dem „alten Adam“, der sich von Gott abgewandt hatte aus Angst und Größenwahn; denn der „alte Adam“ wollte selber sein wie Gott, der „neue Adam“ aber hat uns erlöst und dadurch zu Gott zurück gebracht. Wir sind eine neue Schöpfung „nach dem Bild des Himmlischen“.

Der Autor
Stefan JürgensStefan Jürgens ist Pfarrer der Gemeinde Heilig Kreuz in Münster. | Foto: privat

Praktizierte Feindesliebe

Auch König David zeigt uns, wie wir die Spirale der Gewalt durchbrechen können. Die erste Lesung ist wie immer bewusst im Hinblick auf das Evangelium ausgewählt worden. Saul, der David verfolgt hatte, wird von diesem nicht angegriffen, sondern verschont. Sauls Speer, nun in Davids Hand, dient als Friedenszeichen. Dieser Verzicht auf Vergeltung ist praktizierte Feindesliebe! Der Gegner ist nicht mehr der Fremde, vor dem man Angst hat und an dem man sich rächt, sondern er ist der „Gesalbte des Herrn“.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, lautet die Sinnspitze der Feldrede. In der Parallelstelle, also in der Bergpredigt bei Matthäus, heißt es: „Seid also vollkommen, wie auch euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Gottes Vollkommenheit ist seine Barmherzigkeit! Handeln wir danach, dann ist auch für uns irgendwann „Wasser dicker als Blut“: eine universale Geistesverwandtschaft, die Einheit stiftet und Frieden bringt.

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