Eine Liebeserklärung ohne Worte

Auslegung der Lesungen vom Palmsonntag (Lesejahr A)

Kreuz Foto: pixabay

Mit dem Palmsonntag beginnt die Heilige Woche des Leidens und Sterbens Jesu. Warum Johanna Eickholt, Pastoralreferentin in Stadtlohn, in diesem Geschehen eine große Liebeserklärung sieht, sagt sie in ihrer Auslegung.

Liebe(r) [dein Name], willst du mit mir gehen? Kreuze an: • Ja • Nein • Vielleicht. Dein Jesus“

Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal einen Liebesbrief bekommen haben. Ob Sie überhaupt schon einmal so einen Liebesbrief in Ihrem Fach neben den Turnschläppchen oder dem Wasserfarbmalkasten gefunden haben. Nach meinem Empfinden sind die heutigen biblischen Lesungen letztlich so ein Liebesbrief. Jesus macht uns Menschen in seiner Passion eine große Liebeserklärung.

Endlose Fragen

Die Lesungen vom Palmsonntag (Lesejahr A) zum Hören finden Sie hier.

Die biblischen Texte und der Jesus, der uns darin begegnet, lösen die Frage nach dem Warum aus. Warum sollte er nicht einfach der galiläische Zimmermannssohn bleiben? Warum nicht einfach das kleine zufriedene Leben führen? Warum dieser radikale Weg zwischen den Polen eines grandiosen königlichen Einzugs in Jerusalem und des beschämenden Todes am Kreuz? Mit Menschen auf der einen Seite, die einen feiern und lieben, und Menschen auf der anderen Seite, die einen verurteilen und hassen? Warum das alles? Fragen, die sich mit einem „Damit sich die Schrift erfüllte“ nicht befriedigend klären lassen. Wem würde das als Selbstzweck schon nützen?

Paulus deutet die Schande des Kreuzes als bewusste Erniedrigung: Scheinbar scheitert Jesus, aber er geht gehorsam seinen Weg. Das ist sein Dienst an den Menschen; als Resultat daraus wird er von Gott erhöht und zur Rettung für die Menschen. In der abgrundtiefen Schande entdecken wir das Göttliche.

Gehe ich seinen Weg mit?

Fakt ist, dass sich Jesus bewusst entscheidet, den Weg nach Jerusalem zu gehen. Das Kreuz passiert nicht aus Versehen. Jesus irritiert die Menschen: Sein ganzes Wirken ist eine einzige Herausforderung, sich zu positionieren, sich zu verhalten. Gehe ich seinen Weg mit? Stehe ich zu dem, was ich als gut und wahrhaftig erkannt habe? Auch wenn andere, selbst Menschen, die ich schätze, das Ganze anders sehen? Trete ich für meine Überzeugungen ein? Letztlich steht dahinter die große Frage: Lohnt sich das alles eigentlich? Das Kreuz zwingt mich, Stellung zu beziehen.

Jesus macht uns eine Liebeserklärung. Wo er vorher über das Reich Gottes und seine Liebe in großartigen Gleichnissen gesprochen hat, lässt er jetzt Taten sprechen: Die Fußwaschung, das gemeinsame Mahl mit seinen Jüngern, sein friedvolles Verhalten bei seiner Verhaftung und letzten Endes der Weg, sein Weg durch die Passion, ein Weg, den er trotz der Angst, die er hat, bewusst annimmt.

Wozu setze ich alles aufs Spiel?

Johanna Eickholt.
Johanna Eickholt ist Pastoralreferentin in St. Otger, Stadtlohn. | Foto: privat

Die Jünger fordern Jesus immer wieder durch ihr Verhalten und ihre Nachfragen heraus. So viel und so ungewisse Dinge passieren an diesem einem Abend und dem darauffolgenden Tag, dass die Jünger noch nicht sofort alles einordnen und deuten können. Sie hätten bestimmt gerne von Jesus verständliche Erklärungen bekommen.

Dahinter steht das vollkommen menschliche Bedürfnis: Erkläre mir das. Ich will das verstehen. Wozu setze ich, bitte, alles aufs Spiel? Ich will spüren, dass sich der Fleiß, das Mühen, der Schweiß lohnen. Gib mir etwas, das mich überzeugt. Ich muss wissen, dass es sich auszahlt, für meine Überzeugungen einzustehen. Jesus erklärt seine Liebe. Wir erhalten eine Antwort. Nicht mehr mit vielen Worten über das Reich Gottes und die unendliche Liebe Gottes. Jesus antwortet nicht mehr mit Worten. Vielleicht, weil man Liebe nicht abschließend mit Worten erklären kann. Wir bekommen stattdessen einen gelebten, in der Tat gelebten Liebesbrief.

Bewusste Entscheidung

Jesus entscheidet sich bewusst, diesen Weg zu gehen. Einen leidvollen Weg. Aber damit gibt er eine Antwort auf die Frage der Jünger, auch auf unsere Frage, nach einer Erklärung seiner Liebe. Wozu das Ganze? Der Weg, den Jesus bewusst wählt, buchstabiert seine Liebe bis zum Ende durch. Er geht diesen Weg in buchstäblicher Leidenschaft und bedingungsloser Liebe, mit dem Vertrauen und mit der Hoffnung, dass Gott größer ist als der Tod.

Der Prophet Jesaja malt diesen Leidensweg in der ersten Lesung näher aus. Er macht die Ablehnung und die Schmähungen, das Schicksal eines Propheten, dem nicht geglaubt wird, sehr deutlich. Und diesen zum Trotz ruft er dazu auf, auf Gott zu hören, auf Gott unbedingt zu vertrauen und an sein rettendes Eingreifen zu glauben.

Die Passion Jesu, sein Leiden und Sterben, ist seine Liebeserklärung an die Menschen: „Willst du mit mir gehen? Kreuze an: • Ja • Nein. Dein Jesus.“ Mit Blick auf das Kreuz gibt es für uns kein Vielleicht mehr.

Sämtliche Texte der Lesungen vom Palmsonntag (Lesejahr A) finden Sie hier.