Bibel-Experte Thomas Söding erklärt die Kar- und Ostertage

Fakten-Check Palmsonntag: Wie war das damals wirklich?

In der Karwoche gedenken Christen des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu. Die Bibel erzählt das Geschehen und deutet es zugleich. Aber was ist damals wirklich geschehen? Antworten von Bibel-Experte Thomas Söding aus Münster. Im ersten Teil geht es um Palmsonntag und den Einzug Jesu in Jerusalem, von dem das Neue Testament berichtet (Mt 21,1-11 / Mk 11,1-11 / Lk 19,28-40 / Joh 12,12-19) .

Jetzt mal im Ernst, Professor Söding: Hat wirklich ganz Jerusalem Jesus beim Einzug in die Stadt zugejubelt, Klamotten vor ihm auf der Straße ausgebreitet und mit Palmenzweigen gewedelt? Es gab doch damals zahlreiche „Messiasse“.

Ganz Jerusalem sicher nicht! Ja, der Einzug in Jerusalem war eine Inszenierung, lesen wir in den Evangelien. Aber sie machen Unterschiede. Markus und Matthäus sagen: viele Menschen. Johannes schreibt: eine große Menge. Lukas erzählt nur vom Jubeln seiner Jünger – und davon, dass Pharisäer und eine Menschenmenge die Jünger zum Schweigen bringen wollten. Später hat man dann gerne übertrieben. Es ist aber besser, nüchtern zu bleiben, wie die Bibel. In den neutestamentlichen Erzählungen verdichtet sich das Interesse an Jesus. Der Scheinwerfer ist auf ihn gerichtet. Was ist damals passiert? Selbstverständlich war Jesus nicht unbekannt. Sein Ruf eilte ihm voraus. Die meisten wird er kalt gelassen haben. Bei Matthäus müssen die Leute fragen, um wen da so viel Wirbel gemacht wird.

Sie bekommen allerdings auch eine Antwort: von denen, die ihn kennen. Er ist Jesus. Er kommt aus Nazareth in Galiläa. Er soll ein Prophet sein. Seine Jünger sind überzeugt: Er ist es wirklich. Er verkündet das Reich Gottes, mitten im Volk Gottes. Er zieht nun in die Stadt Gottes ein, nach Jerusalem, um dem Vorort Israels eine Chance zu geben: Auch dort sollen die Menschen umkehren und an das Evangelium glauben.

Jesus bringt Gottes Hilfe

Thomas Söding.
Der Theologe Thomas Söding ist Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum und lebt in Münster.

Was die Evangelien aus der Erinnerung seiner Jünger heraus erzählen, fängt das theologische Momentum ein. Wenn er wirklich der Messias ist, dann kommt er „im Namen des Herrn“. Er ist gesegnet, um Segen zu verbreiten. Auf ihn darf man hoffen, wenn man auf Gott hofft. „Hosanna“ (oder: „Hosianna“) ist Aramäisch: Hilf doch, Gott, ist der Sinn. Jesus bringt Gottes Hilfe – das ist die Glaubensbotschaft des Palmsonntags. Niemand hätte gedacht, wie es bis zum Karfreitag weitergeht – bis auf Jesus, sind die Evangelien überzeugt.

In Jerusalem werden messianische Hoffnungen geschürt. Deshalb wird die Geschichte Davids lebendig: mit der Verheißung, ein Sohn Davids werde eine ewige Herrschaft errichten, die Herrschaft Gottes. Ist diese Verheißung eine falsche Versprechung? Hat Jesus sie erfüllt und damit neue Verheißungen begründet? Das genau ist die Frage, die Jesus mit seiner Person gestellt hat und die nun virulent wird, da er, vor dem Paschafest, Jerusalem betritt, vom Ölberg aus.

Haben viele sich bei Jesu Anblick gefragt, ob er vielleicht der Messias sei? Vielleicht gar nicht besonders viele. Aber seine Jünger gewiss. Und Sympathisanten hat Jesus durchaus auch in Jerusalem gehabt.

Historisch ist ganz unwahrscheinlich, dass Jesus bei denen, die sich für ihn interessiert haben, nicht die Frage gestellt hat, wer er in Gottes Namen sei. Die Zeiten sind unruhig. Immer wieder einmal tauchen Figuren auf, die sich als Messias verstehen. Aber Jesus ist von einem ganz anderen Kaliber.

Das dicke Ende kommt

Dass die Erzählung einen historischen Kern hat, lässt sich schwer bestreiten. Es passt einfach zu viel zusammen, von der Geografie bis zur Theologie Jesu. Wie jedoch das Ereignis durch die Erzählung in Erinnerung gerufen wird? Nicht neutral, sondern engagiert, im Glauben an die Gottessohnschaft Jesu. Dann braucht es die Sprache der Bibel. Es braucht die großen Hoffnungen, die heißen Gebete, die tiefen Erfahrungen Israels, um dem gerecht zu werden, der nach Jerusalem kommt.

Das eigentliche Problem liegt nicht bei denen, die unwirsch oder desinteressiert sind. Es liegt bei denen, die begeistert sind. Das dicke Ende wird kommen. Der Davidssohn wird ans Kreuz genagelt. Dann wird nicht mehr „Hosanna“ gerufen.

Die Jünger ducken sich weg. Die Frauen aus Galiläa halten aus, finden aber keine Worte. Der Spannungsbogen ist extrem. So soll es. Ostern ist eine Geschichte auf Leben und Tod.

Zur Person
Der Theologe Thomas Söding befasst sich mit Themen neutestamentlicher Exegese und Theologie. Seine zentralen Forschungsgebiete liegen bei Markus, Paulus und Johannes. Seit 2017 ist er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Söding ist Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken und Teilnehmer des Synodalen Wegs. Er lebt in Münster.