Zu klein für unsere Ansprüche?

Der „Ich-bin-da“ ist da – der Kern von Weihnachten

Nach Wochen der Stille, der Sehnsucht, der Suche nach dem Glück ist es endlich soweit. Gott kommt zur Welt. Und was ändert sich dadurch?

Viel ist es nicht, was Weihnachten zu bieten hat. Ein Baby, zwei ärmliche Eltern und eine Notunterkunft. Von Anfang an war das offenbar so wenig, dass man viel drumherum bauen musste. Erst nur einen Engel und dann viele, ein himmlisches Heer, einen wandernden Stern sogar, dem weise Wissenschaftler auf tagelangen Märschen folgten.

Nordmanntannen in Palästina-Szenerie

Im Lauf der Zeit wurde es immer mehr, was zu dem Wenigen von Weihnachten hinzukam: Aus der Notunterkunft wurde ein Stall, das Baby lag – beäugt von Ochs und Esel – in einem Futtertrog, die Weisen wurden Könige.

Und noch später setzte man Nordmanntannen in die Palästina-Szenerie, erfand speziell duftende Backwaren und besondere Musiken, in denen Blockflöten und Glöckchen nicht fehlen dürfen. Ohne Zimt und Gans kein Weihnachten, ohne klassische Konzerte und rotweiß bebommelte Mitarbeiterfeiern kein Frohes Fest.

Der Kern des Festes ist unspektakulär

Natürlich: Das alles hat im Großen und Ganzen mit der Freude darüber zu tun, dass Gott Mensch geworden ist. Das mit Liedern zu besingen, mit gutem Essen und liebevollen Geschenken in herzlicher Gemeinschaft zu feiern – was sollte es Schöneres und Sinnvolleres geben?

Aber der Kern des Festes, das Körnchen im großen Weihnachtswald – ist doch unscheinbar, unspektakulär, unaufgeregt: der große Gott ein kleines Kind, der Schöpfer der Welt ein Säugling im Futtertrog, der Allmächtige hilfsbedürftig wie ein Baby. Als ein Baby. Der Name ein Allerweltsname: Jehoschua. Dessen Wortsinn aber schon ein Lebenssinn: Gott rettet.

Diese Verheißung hat sich an Weihnachten erfüllt

Der große Name dahinter aber bleibt auf den Feldern vor Bethlehem im Dunkel, wird hier und da aus der Vergangenheit gehoben, aus den Schriften des Ersten Testaments: Emmanuel, das heißt „Gott mit uns“.

So unscheinbar ist Weihnachten, dass es die Deutung aus den alten Überlieferungen braucht. Der Fingerzeig der Propheten: „Der Herr selbst wird euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“ Will sagen: Diese Verheißung hat sich an Weihnachten erfüllt.

Gewachsen und erwartet

Auf einmal also ist das neugeborene Kind etwas Besonderes, das besonderer nicht sein könnte: Dieses Kind ist Gott. – Das stimmt. Aber eigentlich ist es andersherum richtig: Der Besondere schlechthin, Gott, wird ein Kind. So besonders wie jedes Neugeborene, aber auch so „normal“ wie jedes Menschenkind. Über neun Monate im Mutterleib gewachsen und gereift, mit Freude und Sorge erwartet – und dann ist es da.

Ist Gott da. Denn das ist sein eigenster Name, so hat er sich dem Volk Israel vorgestellt: „Ich bin der Ich-bin-da.“ All die anderen Namen – Allmächtiger, Friedensfürst, Barmherziger, König, Christkind – haben Menschen ihm gegeben. Vielleicht, weil „Ich bin da“ etwas dünn klingt für ein Weihnachtsfest, das immerhin rund um den Globus gefeiert wird. Zu klein für all die Wünsche und Ansprüche, die wir an ihn haben. Zu wenig für einen Glauben, der ein ganzes Leben tragen soll. Vielleicht sogar zu harmlos für eine Gemeinschaft, die als Kirche die ganze Welt erreichen und prägen will.

Der eigentliche Name Gottes

Doch „Ich bin da“ ist und bleibt Gottes eigentlicher Name, der in „Jehoschua“ unhörbar mitklingt. Gott ist immerdar, und kommt doch an Weihnachten zu uns. Er ist nicht irgendwo und schwer erreichbar, er lässt sich weder bitten noch herunterbeten, er erscheint nicht mit Pauken und Trompeten, mit Dreinschlagen und Ordnungschaffen, mit ausgeklügelter PR-Kampagne und großen Schlagzeilen auf den Titelseiten.
Nein. Er ist da.

Bei Licht besehen ist es nicht viel, was darauf hindeutet. Sicher, der Großteil der Menschen glaubt an ihn, hat sich organisiert in Religionen – aber selbst sie sprechen mitunter anderen ihre Daseins-Berechtigung ab. Andere erliegen dem Reiz, die Sache mit Gott lieber selbst in die Hand zu nehmen, die Welt mit Machtkämpfen zu demütigen, mit Krieg und Hass, Ausbeutung und Egoismus.

Und doch: Ich bin da

Darum ist in Weihnachtsliedern, den echten jedenfalls, immer so oft vom Sehen und Hingehen die Rede: Weil sie auf die Frage „Wo ist Gott?“  in vielen „Da-Strophen“ antworten: „Zu Bethlehem geboren“ (Gotteslob 239,1), „da findet ihr das Kind gelegt“ (237,5), „in Armut liegt er auf Stroh gebettet“ (241,4). Darum: „Lasst nach Bethlehem uns ziehen“ (250,5), „Ihr Kinderlein, kommet“ (248,1), „da liegt es, das Kindlein“ (248,2) – und schließlich: „Christ, der Retter ist da“ (249,2).

„Da“ ist in unserer Sprache ein einzigartiges Wort. Es weist auf einen Ort – es meint aber auch völlige Offenheit, die zu hingebungsvoller Nähe wird, sobald das kleine Wort „für“ dazu kommt: Der „Ich-bin-da“ ist der „Ich-bin-für-dich-da“, Emmanuel, Gott an unserer Seite, immer und ewig. Wie schön, dass die Menschen in Amazonien – wie Bischof Erwin Kräutler von dort erzählt – auf den Gottesdienst-Zuruf „Der Herr sei mit euch“ nicht „Und mit deinem Geiste“ antworten, sondern: „Er ist in unserer Mitte.“

An Weihnachten hat Gott diesem Satz Fleisch und Blut und Knochen gegeben. Damit wir es endlich glauben und darauf vertrauen, dass er da ist. Der Retter. Das ist alles.