Tag der ehrenamtlichen Caritas-Helfer am Samstag

Eine von neuntausend Nothelfern

Einmal im Monat betritt ein etwa 80-jähriger Herr den Caritas-Laden der Tafel an der Sedanstraße in Herten-Süd. Mühevoll schleppt er einen Karton voller Duschgels, Zahnbürsten, Zahnpasta und weiterer Pflegemittel. Schnell eilt Margarete Nicht dem älteren Spender entgegen. „Es rührt mich wirklich, wie viele Hertener Mitbürger Sachspenden an uns geben, damit es notleidenden Menschen in der Nachbarschaft besser geht“, sagt die 68-Jährige, die seit 15 Jahren eine von heute 123 ehrenamtlichen Helfern in den beiden Hertener Läden der Tafel ist.

Einmal wöchentlich sorgt die ehemalige Verkäuferin im Einzelhandel von 8.30 bis 15 Uhr dafür, dass neu ankommende Waren ordentlich sortiert, gestapelt, gekühlt, verpackt und für die Kunden präsentiert werden. Das Vorbereitungsteam lädt große Boxen mit Gemüse und anderen Waren, die zuvor bei Geschäften eingesammelt worden sind, aus den Wagen.

Ohne Ehrenamtliche nicht zu bewältigen

Helferin Nicht freut sich, diese in ihrer Schicht gemeinsam mit bis zu zehn anderen Ehrenamtlichen für die rund 140 bedürftigen Bürger vorbereiten zu können. Ab 15 Uhr ist es möglich, im Caritas-Laden einzukaufen. „Bei uns kosten die Waren etwa zehn Prozent von dem, was sie im normalen Geschäft kosten würden“, sagt Franziskanerin Schwester Daniela von der St.-Antonius-Gemeinde, die die beiden Caritas-Läden in Süd und Westerholt federführend betreut. Die Ordensfrau weiß nur zu genau, dass die Arbeit in den kleinen Räumlichkeiten ohne das Engagement der Ehrenamtlichen nicht zu bewältigen wäre. „Außerdem wäre es viel zu teuer, bezahlte Fachkräfte mit den Aufgaben zu betrauen“, sagt Margarete Nicht, die selbst früher im Verkauf gearbeitet hat.

Elisabeth-Tag
Am 19. November, dem Gedenktag der heiligen Elisabeth, feiert die Caritas traditionell den Tag des Ehrenamts. „Die Heilige hat die Not der Menschen ihrer Zeit gesehen und so ein herausragendes Beispiel für den Dienst am Nächsten gegeben“, sagt Lena Dirksmeier, Geschäftsführerin des ehrenamtlichen Fachverbandes der Caritas-Konferenzen Deutschland.
Die Schutzheilige habe eine große Bedeutung für die Ehrenamtler im Caritas-Wohlfahrtsverband. So sei man der christlichen Helfertradition verpflichtet. Dirksmeier weist aber auch darauf hin, dass mit dem Blick auf die elisabethanische Tradition heute neue Wege der Freiwilligenarbeit gefunden werden müssten.
Bei der Bundeskonferenz der Caritas-Konferenzen in Münster diskutierten die Teilnehmer solche Neuerungen. „Wir wollen für die ehrenamtliche Hilfe verstärkt die modernen Kommunikationsmöglichkeiten nutzen“, sagt Dirksmeier, die Diözesanreferentin des Fachbereiches Gemeindecaritas ist. Damit meint sie WhatsApp-Gruppen, Facebook und weitere soziale Netzwerke.

Zum Caritas-Laden kam sie, als sie Kleidung ihrer verstorbenen Mutter dort abgeben wollte. „Können Sie uns vielleicht bei der Verteilung helfen?“, fragte Schwester Daniela die potenzielle Ehrenamtliche. Nicht schaute sich in dem kleinen Raum um, der ein wenig an einen Tante-Emma-Laden erinnert, und sagte spontan zu.

„Heute sind Fertiggerichte gefragt“

Im Verlauf der vergangenen Jahre bekam sie so als ehrenamtliche Caritas-Helferin auch die gesellschaftlichen Umstrukturierungen konkret mit: „Früher kamen viele Familien und Menschen, die als Aussiedler nach Deutschland gekommen waren“, erinnert sich Nicht an die ersten Jahre, in denen frisches Gemüse, Fleisch und Kartoffeln gefragt waren, da die Mütter der armen Familien noch selbst kochten. „Heute sind Konserven und Fertiggerichte gefragt“, sagt die zweifache Großmutter mit Blick auf viele alleinstehende Flüchtlinge als Laden-Kunden und die vermehrte Zahl notleidender Senioren, die versorgt werden müssen.

Eine logistische Herausforderung für die Ehrenamtlichen, da die Caritas-Läden nur nach einem strikten System funktionieren können: Es gibt Dienstpläne und Kundenlisten, die Handgriffe aller Mitarbeiter sitzen, die Waren haben ihren festen Platz, und die Bedienung der Kunden erfolgt über ein Ausgabesystem. „Es kommt auch der Menschenwürde unserer Notleidenden entgegen, wenn wir sie über eine Theke hinweg bedienen“, sagt Nicht, die selbst darin ihre ehrenamtliche Lebensaufgabe gefunden hat, die entsprechenden Waren freundlich zu präsentieren und auf deren Unversehrtheit zu achten.

Jüngere zu finden, ist schwer

Mit Argusaugen sieht sich die 68-Jährige die Ablaufdaten an, die nicht mehr als drei Tage überschritten werden dürfen. Zudem achtet sie bei den vielen gespendeten Wurstpaketen darauf, dass diese nicht äußerlich beschädigt sind.

Mindestens zehn ehrenamtliche Helfer benötigt Schwester Daniela (rechts) an jedem Tafel-Tag, damit die Waren sortiert und eingeräumt werden können. Mindestens zehn ehrenamtliche Helfer benötigt Schwester Daniela (rechts) an jedem Tafel-Tag, damit die Waren sortiert und eingeräumt werden können. | Foto: Norbert Ortmanns

So sehr sich Schwester Daniela über das Engagement ihrer vielen Ehrenamtlichen freut, so besorgt schaut sie dabei in die Zukunft: „Jüngere Ehrenamtler zu finden, ist sehr schwer“, sagt die Ordensfrau mit Blick auf viele Ehrenamtlichen, die das Rentenalter schon lange erreicht haben.

Rückgang des Engagements

Schwester Daniela beklagt einen grundsätzlichen Rückgang des ehrenamtlichen Engagements auch unter Gemeinde-Angehörigen. Wie Margarete Nicht staunt sie daher nicht schlecht über eine ganz neue Gruppe von Ehrenamtlern: Immer mehr Flüchtlinge, die selbst im Laden einkaufen, opfern Zeit und Muskelkraft, um die Waren aus den Supermärkten abzuholen und die schweren Kisten an den Ort des Geschehens zu bringen.

„Wir helfen gern und lernen so noch besser die deutsche Sprache als in jedem Kursus“, erklären die Flüchtlinge ihr Engagement. Eine Einstellung, die Schwester Daniela sich auch von jüngeren „gut situierten“ Mitgliedern der Gesellschaft wünscht – schließlich sei die Tafel-Arbeit in den Hertener Caritas-Läden ohne Ehrenamtliche völlig undenkbar.

Es gelte immer wieder, neue Wege zu gehen. So die der Ehrenamtlichen, die nun in Herten sogar Waren an alleinstehende Menschen daheim ausliefern und ihnen dabei auch zu Gesprächspartnern werden.