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Erfolgsgeschichte Gemeindepsychiatrisches Zentrum Cloppenburg

Einzigartiges Projekt für psychisch Kranke gibt Patienten Perspektiven

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Jedes Jahr ist etwa ein Viertel der erwachsenen Deutschen von einer psychischen Erkrankung getroffen. 2019 – also im Jahr vor Corona – mussten 780.000 Patienten deswegen ins Krankenhaus. Mehr als 120.000 benötigen anschließend einen der raren Plätze in einer geschützten Wohnform. Ein Caritas-Modellprojekt in Cloppenburg hat dafür ein nach eigenen Angaben bundesweit einzigartiges Konzept entwickelt. Die Nachfrage ist immens – aber manchmal auch die Vorbehalte.

Frank M. (Name geändert) hatte schon als Jugendlicher gespürt: Etwas stimmt nicht mit mir. Er spricht von mehreren Schicksalsschlägen, Ängsten, Depressionen und einer Akut-Behandlung im damaligen Landeskrankenhaus für Psychiatrie (heute „Karl-Jaspers-Klinik“) in Wehnen bei Oldenburg. Schnell war klar: Frank M. benötigt zu seinem Schutz ein besonderes Umfeld. Ohne Hilfe würde er nicht leben können. Die Frage war nur: wo dann?

Früher kamen für psychisch kranke Menschen aus dem Raum Weser-Ems nur die damaligen Landeskrankenhäuser in Osnabrück oder Oldenburg infrage, oft weit entfernt vom gewohnten Umfeld und nicht gerade ideal. Dietmar Petersen war in den 1980er Jahren Krankenpfleger in Wehnen und erinnert sich: „Wir waren damals zum Bersten voll mit Patienten. Aber es gab einfach keine anderen Wohnangebote.“

Erfolgsgeschichten sprechen für sich

Boris Gramling
Boris Gramling leitet das Gemeindepsychiatrische Zentrum Cloppenburg. | Foto: Michael Rottmann

Heute weiß der Krankenpfleger, dass es auch ganz anders geht. In Cloppenburg leitet er das „Haus Soestenstraße“ des vor 25 Jahren gegründeten Caritas-Modellprojekts Gemeindepsychiatrisches Zentrum (GPZ). Zunächst fand dort auch Frank M. einen Platz für ein strukturiertes und geschütztes Leben. Zuerst in der geschlossenen Wohnform, mittlerweile in einer Außenwohngruppe. „Mir geht es besser“, sagt der Enddreißiger, „ich habe mich stabilisiert.“ Vielleicht wird er sogar einmal umziehen können in eine eigene Wohnung mit ambulanter Betreuung. Mal sehen.

Es ist nur eine von mehreren Erfolgsgeschichten, von der das Team um Einrichtungsleiter Boris Gramling berichten kann und die zu tun haben mit dem besonderen Konzept des GPZ. Bei dem geht es darum, Struktur und Sicherheit zu bieten, aber in möglichst vielen Fällen auch darum, Menschen auf ihrem Weg in ein weitgehend selbständiges Leben immer wieder anzustoßen, sie zu fördern und zu begleiten.

Betroffene aufs Leben vorbereiten

Irina Belecki
Irina Belecki leitet das Team der ambulanten Wohnassistenz beim GPZ. | Foto: Michael Rottmann

„Wir versuchen immer wieder neu, unsere Bewohner aufs Leben vorzubereiten“, sagt GPZ-Leiter Boris Gramling, der vor seinem Gerontologie-Studium Altenpflege gelernt hat. Deshalb setze das GPZ in enger Absprache mit den Betreuern der Bewohner gezielt darauf, im Rahmen von Stufenplänen immer wieder rauszugehen und sie Dinge ausprobieren und trainieren zu lassen, um zu sehen, was geht.

So wie den jungen Mann, von dem Irina Belecki berichtet. Sie kümmert sich mit ihrem Team für die sogenannte ambulante Assistenz des GPZ um Menschen, die selbständig wohnen. „Der Herr war zunächst in die geschlossene Unterbringung ins GPZ gekommen, konnte später in eine Außenwohngruppe umziehen und benötigt seit drei Jahren nur noch eine ambulante Hilfe in seiner eigenen Wohnung.“ Seitdem besuchen Sie und die anderen Kolleginnen und Kollegen ihn regelmäßig.

„Wohnortnah“ war von Beginn an wichtig

Jürgen Fiswick
Jürgen Fiswick leitet den GPZ-Standort in Emstek. | Foto: Michael Rottmann

Möglichst wohnortnahe Versorgung – die zählte von Anfang an zu den wichtigen Prinzipien des 1996 maßgeblich vom mittlerweile verstorbenen Cloppenburger Pfarrer Alfons Kühling gegründeten GPZ. Damit die Wege nicht so weit sind, ob Wochenendfahrten zur Familie oder Treffen mit Angehörigen vor Ort in der Einrichtung. „Die Wohnortnähe vereinfacht vieles“, sagt Jürgen Fiswick, der den GPZ-Wohnheimstandort im nahen Emstek leitet. „Weil man für ein Treffen mit der Familie nicht gleich einen Tagesausflug machen muss.“

Wohnortnähe – das bedeutet für das GPZ auch, zentrale Standorte zu suchen. „Das ist ein großer Unterschied zu vielen anderen Einrichtungen für psychisch kranke Menschen“, betont GPZ-Leiter Boris Gramling. „Die befinden sich oft am Stadtrand oder weit außerhalb.“ In Cloppenburg dagegen sind es nur wenige Gehminuten in die Fußgängerzone der Innenstadt. Mittendrin zu leben – das mache den GPZ-Bewohnern die Teilhabe am öffentlichen Leben leichter.

„Wieso ausgerechnet bei uns?“

Dietmar Petersen
Dietmar Petersen leitet das Haus Soestenstraße des GPZ. | Foto: Michael Rottmann

Allerdings – und das verschweigen die GPZ-Verantwortlichen nicht: Die Suche nach solchen Standorten ist nicht immer einfach. Oft genug stößt so eine zentrale Lage auf Widerstände. Einwohner scheuen – meist aus Unwissenheit – die Nähe psychisch kranker Menschen in ihrem Viertel. Dietmar Petersen kann sich gut an Versammlungen mit Anwohnern erinnern, bei denen es hoch herging, wenn in der Nachbarschaft eine Außenwohngruppe für psychisch kranke Menschen entstehen sollte. „Wieso ausgerechnet bei uns?“, hieß es dann. Seine Erfahrung: „Man muss da im Vorfeld viel Überzeugungsarbeit leisten! Nur dann kann es funktionieren.“

„Inklusion ist in unserer Gesellschaft eben immer noch nicht ganz angekommen“, bedauert Boris Gramling die Lage mit Blick auf solche Erfahrungen. „Psychische Erkrankungen sind leider noch ein großes Tabuthema.“ Deshalb wüssten die meisten zu wenig darüber und empfänden die Betroffenen oftmals als Bedrohung.

Die Nachfrage nach Plätzen ist hoch

Doch er sieht auch positive Entwicklungen. So etwa im Nachbarlandkreis Oldenburg, wo das GPZ eine neue Tagesstätte plant, direkt neben einem Kindergarten. Der erwartete Aufschrei der Eltern blieb dort aus – zu Gramlings Überraschung. „Der Kindergartenbeirat war sogar begeistert von unserer Idee und aufgeschlossen. Sie haben gesagt: Sie freuen sich schon auf ein gemeinsames Sommerfest.“

Auch wenn Wohnortnähe zu den Stärken des GPZ zählt, leben hier mittlerweile Bewohner aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Nachfrage ist seit Jahren größer als das Angebot. Schon im Verlauf dieses Jahres zählte Leiter Boris Gramling bisher allein 400 Anfragen um einen Platz in einem Wohnheim. Ein Grund liege darin, dass es in manchen anderen Bundesländern immer noch an vergleichbaren Einrichtungen für die Unterbringung psychisch kranker Menschen fehle.

Einzigartig in Deutschland

Ehemaliges Krankenhaus in Emstek
Im ehemaligen Krankenhaus in Emstek bei Cloppenburg unterhält das GPZ mehrere Wohngruppen. | Foto: Timo Lutz Werbefotografie

Hinzu komme der Ruf, den die katholische Einrichtung genieße. Das Cloppenburger GPZ verfüge mit seinem Konzept aus Wohnheimen, internen und Außen-Wohngruppen, ambulanter Wohnassistenz sowie zwei Tagesstätten zudem ein Alleinstellungsmerkmal. Damit, so hatte der im Sommer in den Ruhestand verabschiedete langjährige Leiter Clemens Rottinghaus gesagt, sei das Cloppenburger GPZ bisher landes- und bundesweit immer noch einzigartig.

Frank M. ist einer von den Menschen, die genau davon profitieren. „Ich habe lange gebraucht, um wieder Lebensfreude zurückzufinden“, meint der Mittdreißiger. „Ich habe in den letzten Jahren eine Entwicklung mitgemacht. Und jetzt bleibe ich am Ball.“

Das GPZ Cloppenburg
Vor 25 Jahren entstand maßgeblich auf Initiative des mittlerweile verstorbenen damaligen Cloppenburger Pfarrers Alfons Kühling das Gemeindepsychiatrische Zentrum (GPZ) in Cloppenburg. Es sollte Menschen mit einer psychischen Erkrankung eine wohnortnahe Wohn- und Lebensperspektive bieten. Anfangs lebten 15 Betroffene in einem Übergangs- und 30 weitere in einem Langzeitwohnheim. Dazu kam eine Tagesstätte. Mittlerweile kümmert sich ein 60-köpfiges Team aus sozialpädagogischen, ergotherapeutischen und pflegerischen Fachkräften um 250 Menschen, die in zwei geschlossenen Wohneinrichtungen, in weiteren Wohngruppen oder – mit ambulanter Assistenz – weitgehend selbständig zu Hause wohnen. Außerdem unterhält das GPZ zwei Tagesstätten in Cloppenburg und Friesoythe. Nach dem Grundsatz der gemeindenahen Versorgung werden vorrangig Bewerber aus dem Landkreis Cloppenburg und den angrenzenden Landkreisen aufgenommen. Mittlerweile haben aber Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet hier eine neue Heimat gefunden.

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