Projekt in Altenberge und Nordwalde

Flüchtlings-Paten: Familie Fischer hilft Familie Hassan

Die riesige Puppe hat es Renad Hassan angetan. Das 14 Monate alte Mädchen schleppt sie im Wohnzimmer der Familie Fischer hin und her. Auch die Holzente, die klackernd über schräge Bretter wackelt, gehört bei ihren Besuchen bei Rudolf und Hedwig Fischer zu ihren Favoriten. Ihr fünf Jahre alter Bruder spielt lieber mit einem Stoffschlange. Vater, Mutter und Onkel sitzen auf dem Sofa. Tee wird serviert, es gibt Selbsgebackenes.

Die Flüchtlingsfamilie aus Syrien und die Fischers gehören zusammen. Seit etwa einem Jahr. „Patenschaften“ nennt sich das System in Altenberge und Nordwalde, bei dem Asylsuchenden direkte, dauerhafte Ansprechpartner vermittelt wurden. Dieser gemeinsame Nachmittag gehört genauso zu den Aufgaben, wie die Unterstützung bei Behördengängen oder beim Einkauf.

Bürokratie-Spezialist

„Ich bin Spezialist in Sachen Bürokratie jeglicher Art“, sagt Rudolf Fischer. Der 72-jährige Pensionär spricht von einem „Profil“, das jede Patenschaft ausmacht. Etwa 100 gibt es in den beiden Dörfern derzeit. Und jede hat eine eigene Ausprägung. Er kniet sich gern in den Kampf mit dem Papierkram, setzt sich für die vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung ein, kümmert sich um Beglaubigungen von Dokumenten, verhandelt mit Dolmetschern und Notaren.

Seine Frau, sagt er, ist mehr der Gefühlsmensch. „Sie spielt mit den Kindern, spricht mit den Eltern, fragt nach praktischen, alltäglichen Hilfen.“ Und die pensionierte Lehrerin bringt sich in Sprachkurse ein: „Keine leichte, aber so wichtige Aufgabe, weil sie die Basis für die weiteren Perspektiven der Flüchtlinge ist.“

"Oma und Opa", sagen die Syrer

Wie intensiv sich die Patenschaft in den vergangenen Monaten entwickelt hat, zeigt sich am Wohnzimmertisch. „Oma und Opa“, sagen die Syrer zu den Fischers. „Wir sind sehr glücklich, dass es hier solche Menschen gibt“, sagt Azad Hassan. „Ohne sie hätten wir nicht das Gefühl entwickelt, hier angekommen zu können.“ Nicht allein die Hilfe bei der Übersetzung ihres Stammbuchs sei dafür verantwortlich, sagt der Vater. Vielmehr sind es die kleinen Dinge, in denen die Fischers die Syrer im für sie fremden Nordwalde begleiten.

Sie haben schon gemeinsam gekocht und gegessen. „Gefüllte Weinblätter“, erzählt Rudolf Fischer, „Köstlich.“ Und morgen geht es mit der Familie auf die Post. Fischer will ihnen zeigen, wie das Brief-System in Deutschland funktioniert. „Sie müssen wissen, wie man etwas verschickt, welche Briefmarken wir brauchen, an welchen Schalter sie gehen müssen.“ Es geht ihnen um Alltagswissen, das kein offizieller Integrationskurs vermitteln kann.

Suche nach Arbeit

Bei allem Einsatz: Die Fischers wissen, dass sie die Familie, die vor gut einem Jahr aus Aleppo geflohen ist, damit nicht glücklich machen können. „Auch wenn sie es immer behaupten“, sagt Rudolf Fischer. „Höchstens mittelglücklich.“ Denn um die Hassans in ein wirklich geregeltes Leben in Deutschland bringen zu können, fehlt es noch an vielem. „Passender Wohnraum und Arbeit.“ Das sind die zwei wichtigsten Baustellen. Im Moment bewegen sie sich mit dem vorübergehenden Bleiberecht in einem „Teufelskreis“, sagt er. „Dadurch ist es schwierig einen Job zu finden. Ohne Job gibt es aber keine eigene Wohnung.“

Deshalb ist auch die Bleibe der Hassans in Nordwalde vorerst noch eine vorübergehende
Notunterkunft. Rudolf Fischer verspricht aber, am Ball zu bleiben. Er weiß, wo er ansetzen muss. Azad ist Mechaniker. Seine Qualifikation soll in irgendeiner Form beglaubigt werden. Und eine Arbeitserlaubnis muss her. Dann sieht Fischer kaum noch Probleme. „Ich habe selten eine Familie erlebt, die so bereit ist, sich auf Herausforderungen einzulassen.“ Und: „Es gibt viele Unternehmen hier in Nordwalde, die Arbeitskräfte suchen.“

"Es geht immer irgendwie voran"

Ihr Einsatz ist keine Pflichtaufgabe für die Fischers. Das ist aus jedem ihrer Sätze herauszuhören. Sie haben sich mit großer Energie in ihre persönliche Integrationsaufgabe gestürzt. Das haben sie auch schon zu Zeiten des Jugoslawienkriegs, als sie einen albanischen Flüchtling bei sich aufnahmen.

Ein Helfersyndrom? „Nein, eher Dankbarkeit“, sagen sie. „Weil wir in unserem Leben so viel Gutes erleben durften.“ Die Hassans sehen sie im Schnitt alle zwei Tage. In ihrem Engagement sehen sie sich jedes Mal bestärkt. „Wir haben mit ihnen noch keinen Reinfall erlebt, es ging immer irgendwie voran.“

Das alles würde nicht gelingen, wenn der Rahmen nicht gegeben wäre. Die Unterstützung der Kommune aber passt, sagt Rudolf Fischer. „Wir haben für alle Fragen Ansprechpartner.“ Gestern war er im Rathaus. Er hatte drei Anliegen und musste damit in drei verschiedene Büros. „Keine der Türen war verschlossen.“ So entsteht eine Gewinn-Sitution für alle: die Kommune bekommt ehrenamtliche Unterstützung, die Helfer stehen mit ihren Fragen nicht allein da und die Flüchtlinge erleben eine Hilfe, die so intensiv sonst nicht möglich wäre.