Bilanz nach einem Jahr Amtszeit im Bistum Münster

Generalvikar Köster: Gemeinden sollen mehr Geld bekommen

Generalvikar Norbert Köster ist seit dem 1. Juli 2016 im Amt. Ein Jahr später blickt der 50-jährige Verwaltungschef auf die vergangenen Monate zurück und sagt, wo er Schwerpunkte setzen will, wie weit er mit seiner Behörde vertraut ist und was sich für die Kirchengemeinden ändern wird.

„Kirche+Leben“: Herr Generalvikar, Sie sind ein Jahr im Amt. Was waren die wichtigsten Entscheidungen im ersten Jahr?

Generalvikar Norbert Köster: Zum einen, gut strukturiert ins Arbeiten zu kommen. Das Zweite: Arbeitsschwerpunkte zu haben. Ich möchte gerne klar haben, woran wir in diesem Jahr arbeiten und auch am Ende des Jahres sagen können, was wir erreicht haben. Einer der Schwerpunkte ist, die Ergebnisse der Zufriedenheitsstudie aufzuarbeiten.

Worum geht es da?

Es geht unter anderem um die Entwicklung der Marke des Bistums Münster und um die Frage, wie wir die Lebendigkeit der Liturgie im Bistum fördern können. Dazu gibt es einen Arbeitskreis Liturgie und Leben. Die Markenentwicklung ist weit fortgeschritten.

Inwieweit sind die Kirchengemeinden bei den Arbeitsschwerpunkten betroffen?

Wir wollen den Kirchengemeinden mehr Geld zur Verfügung stellen, aber auch sehen, wie das gerecht möglich ist. Wenn wir ihnen alles Geld geben, haben wir nichts mehr für Großprojekte ­– etwa für eine Kirchturmsanierung, die drei Millionen Euro kostet, und das kann eine Gemeinde nicht alleine stemmen. Insofern ist es gut, dass auch für solche Maßnahmen noch Geld vorhanden ist. Wir überlegen, wie wir die Schlüsselzuweisungen an die Kirchengemeinden steuern.

Im Diözesanrat wird über Prioritäten und Posterioritäten gesprochen.

Diesen Prozess haben wir um zwei Jahre verlängert. Da sind wir gut dabei, die Prioritäten festzuschreiben. Danach wollen wir die Posterioritäten klären, also das, was als weniger wichtig angesehen wird. Das wird sicherlich schwieriger sein. Eine weitere Frage ist die Profilentwicklung des priesterlichen Dienstes. Da sind die Bischöfe und Weihbischöfe mit den Priestern im Gespräch. Wir haben ja eine große Vielfalt an Ämtern und wollen schauen, was das Spezifische des priesterlichen Dienstes ist. Wenn wir weiterhin Menschen gewinnen wollen, das Priesteramt zu übernehmen, müssen wir da größere Klarheit haben.

Heißt das auch, der Befürchtung möglicher Neupriester zu begegnen, sehr viel in Gremien sitzen zu müssen und wenig Seelsorge leisten zu können?

Zum Beispiel. Ganz wichtig ist die Klärung des seelsorglichen Dienstes und der spirituellen Aufgaben. Ein weiterer Punkt ist sehr fundamental für unser Bistum: Wir wollen die Leitungsmodelle für unsere Pfarrgemeinden überdenken und Rahmenrichtlinien entwickeln, wo in Zukunft Pfarrgemeinden sagen können: Nach diesem Modell wollen wir uns organisieren. Wir möchten eine Freiheit lassen, denn die Verhältnisse sind sehr unterschiedlich, etwa in Stadt und Land. Mal gibt es sehr viele Ehrenamtliche, die fast alles übernehmen können – mal eine Gemeinde, wo es kaum noch Ehrenamtliche gibt. In einem Arbeitskreis werden diese Leitungsmodelle entwickelt. Ich bin sehr zufrieden, wie weit die einzelnen Arbeitsschritte gekommen sind.

Kennen Sie jetzt jeden Mitarbeiter des Generalvikariates?

Das ist bei 700 Mitarbeitern schwierig. Ich lerne ich immer wieder weitere Mitarbeiter kennen und gehe dazu auch jetzt noch in Kaffeerunden. Und dann gibt es Veranstaltungen wie kürzlich eine Wallfahrt nach Telgte, die ja auch dazu dient, weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu begegnen. Es ist mir ein Anliegen, diese Betriebsgemeinschaft wirklich kennenzulernen.

Ist es nicht schwierig, in einer so großen Behörde schnelle Entscheidungen treffen zu können?

Ich bin erstaunt nach einem Jahr, wie viele Dinge hier im Haus im guten Sinne eingespielt sind und zügig bearbeitet werden. Es dauert immer nur länger, wenn grundsätzliche Fragen entschieden werden müssen. Dann kann es längere Prozesse geben, weil erst gesehen werden muss, wer einbezogen werden muss und wer entscheidet – etwa der Bischof, der Generalvikar oder Gremien im Bistum. Insgesamt arbeitet hier im Haus ein sehr eingespieltes Team. Wir sind jetzt dabei, ein paar Dinge zu optimieren. So haben wir noch relativ viele parallel arbeitende Arbeitsgruppen. Wir möchten jetzt einiges verschlanken und zusammenführen.

Arbeitet ein Generalvikariat heute eigentlich anders als vor 20 Jahren?

Generell nicht. Das Generalvikariat ist nach wie vor als Behörde im Wesentlichen damit beschäftigt, die Pastoral in den Gemeinden zu fördern. Das geschieht, indem Kirchensteuermittel zugeteilt werden, Projekte gefördert werden, pastorales Personal zur Verfügung gestellt wird und Rechtsfragen geklärt werden. Was sich ändert, und daran arbeiten wir, ist die Mentalität: Früher hat es stärker die Mentalität der Aufsichts- und Genehmigungsbehörde gegeben. Wir möchten gerne auf Augenhöhe mit den Kirchengemeinden ins Gespräch kommen und uns stärker als Dienstleister verstehen. Da sind wir im Prozess.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Offizialatsbezirk Oldenburg?

Wir haben zwei Generalvikariate im Bistum, eines in Münster, eines in Vechta. Der Bischof hat zwei Generalvikare, und in Niedersachsen ist vieles rechtlich anders geregelt. Man könnte jetzt nicht von Münster aus mal eben den Offizialatsbezirk mitverwalten. Dennoch wollen wir mehr zusammenführen. Damit haben wir angefangen, etwa im Bereich der IT und der Personalverwaltung. Da wird Stück für Stück eine größere Gemeinschaft entstehen.

Sprechen auch die Pfarreiratswahlen alle an?

Ja. Wir laden Pfarreien ein, bei den Pfarreiratswahlen eine allgemeine Briefwahl durchzuführen. Das heißt: Jedes Kirchenmitglied wird angeschrieben. 35 Gemeinden haben sich dazu entschieden, diese allgemeine Briefwahl durchzuführen. Auch da gehen wir auf Menschen zu. Ein Drittes kann man noch nennen: Unsere Einrichtungen spielen eine wichtige Rolle. Im Bistum Münster gehen jeden Tag 45 000 Kinder in einen kirchlichen Kindergarten. Ähnlich viele Schülerinnen und Schüler gehen in eine katholische Schule. Wir versuchen intensiv, in diesen Einrichtungen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die keine nähere Beziehung zu einer Gemeinde haben.

Sie haben gesagt, die Marke Bistum Münster solle gestärkt werden. Was steckt dahinter?

Das Bischöfliche Generalvikariat
Norbert Köster ist als Generalvikar der Stellvertreter des Bischofs. Der Kirchenhistoriker leitet seit einem Jahr das Bischöfliche Generalvikaria„t, das untergliedert ist in die Hauptabteilung sowie die weiteren Hauptabteilungen Seelsorge, Schule und Erziehung, Caritas und Soziale Dienste (diese Aufgaben übernimmt der Diözesancaritasverband), Seelsorge-Pastoral und Verwaltung. Insgesamt arbeiten im Generalvikariat fast 700 Mitarbeiter. Für den oldenburgischen Teil des Bistums Münster gibt es eine eigene Behörde, das Bischöflich Münstersche Offizialat Vechta. Leiter ist dort der Bischöfliche Offizial, Weihbischof Wilfried Theising.

Die Markenentwicklung hat mit der Zufriedenheitsstudie zu tun, mit einer Befragung von 1000 repräsentativ ausgewählten Katholiken. Da hat sich gezeigt: Viele Menschen wissen überhaupt nicht, welche Einrichtung etwas mit der katholischen Kirche zu tun hat. Die Caritas oder unsere Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen werden nicht unbedingt als Kirche angesehen. Das gilt auch für unsere Schulen. Für viele Außenstehende ist längst nicht klar, dass auch das Kirche ist. Deshalb wollen wir, dass die einzelnen Einrichtungen, auch die Kirchengemeinden, deutlich machen: Katholische Kirche im Bistum Münster ist ein Dach, zu dem ganz viel gehört. Dann können wir besser erklären, wo Kirchensteuermittel bleiben und dass wir etwas tun, was in dieser Gesellschaft eine große Bedeutung hat. Und was wegfallen würde, wenn es die Kirchensteuer nicht mehr gäbe.

Was haben Sie sich für die kommende Zeit vorgenommen?

Ich denke in Ganzjahres-Schritten. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um reinzukommen, um das Büro zu organisieren. Seither läuft das laufende erste Jahr. Davon habe ich die Hälfte jetzt hinter mir. Es geht darum, unsere Ziele weiter zu verfolgen und das Generalvikariat aufzustellen für die Unterstützung der pastoralen Prozesse vor Ort. Das ist nicht nur mein Anliegen. Ich spüre an allen Ecken und Enden im Haus, dass sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragen: Wie können wir das besser tun?

Pastorale Prozesse bedeutet nicht Fusionen von Kirchengemeinden?

Nein, das ist eine klare Entscheidung des Bischofs: Es wird nicht weiter fusioniert. Einige wenige Fusionen stehen noch aus und sind schon lange geplant. Aber wir wollen unsere Schwerpunkte künftig anders setzen.

Vor einem Jahr sagten Sie in einem Interview, Sie müssten auch mal für den Bischof die Kohlen aus dem Feuer holen. Haben Sie das schon getan?

„Für den Bischof Kohlen aus dem Feuer holen“: Wenn man das so versteht, dass zu meinem Aufgabenbereich gehört, im Auftrag des Bischofs Konflikte zu lösen, dann musste ich das sicherlich schon. Aber es sind nicht Dinge, die der Bischof verursacht hat. Meine Aufgabe ist es, Konflikte zu lösen, wenn es zum Beispiel um den Bau oder Umbau einer Kirche einen scharfen Konflikt zwischen Verwaltung und Kirchengemeinde gibt. Manchmal sind es auch Personalgespräche. Das ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit: zu moderieren, Interessen miteinander in Ausgleich zu bringen. Es hat mich überrascht, dass dies ein großer Teil meiner Aufgabe ist. Es ist weniger so, dass ich jetzt einsam am Schreibtisch sitze und entscheide. Es geht vor allem darum, gemeinsam zu schauen: Wo ist jetzt unser Weg?

Also ganz viel Teamarbeit…

Ganz viel Teamarbeit. Das geht auch nicht anders, weil ich das Fachwissen nicht habe und Beratung brauche. Das ist das Schöne hier im Haus: Wir haben für unendlich viele Bereiche Fachleute.