Ein berührender Ritus nicht nur zur Priesterweihe

Gesten in der Liturgie: Was bedeutet die Handauflegung?

Es ist mucksmäuschenstill, wenn es zu diesem intimen Moment im großen, weiten Dom kommt: Der Bischof legt dem Weihekandidaten die Hände auf. Doch diese Erfahrung ist offen für jeden. Und sehr zu empfehlen.

Es war lange Zeit, bevor es üblich wurde, Einzelne oder Paare etwa bei Ehejubiläen (wie gerade erst wieder in Münster) mit auf den Kopf gelegten Händen zu segnen. Es war während einer Priesterweihe, zu der diese Geste grundlegend dazu gehört – und ich war definitiv kein Weihekandidat. Trotzdem packte mich auf einmal eine ganz merkwürdige Erinnerung: nämlich daran, dieses tief gehende Gefühl zweier segnender Hände auf meinem eigenen Kopf zu kennen. Ich weiß, dass mich diese diffuse Erinnerung ganz unruhig machte, gerade weil sie so intensiv war.

Und dann fiel es mir ein: Nicht nur den Kandidaten für eine Priesterweihe widerfährt diese Erfahrung der Handauflegung; sie vermitteln sie selber schon wenige Tage später an ganz normale Gläubige, wenn die Neupriester nämlich die erste heilige Messe meist mit ihrer Heimatgemeinde feiern und ihrerseits den „Primizsegen“ spenden.

Gesegnet bis in die Fußsohle

Genau das hatte ich erlebt. Mit geschlossenen Augen und als einen unglaublich intensiven Moment. Die Zusage Gottes, geliebt, bejaht, gutgeheißen, also: gesegnet zu sein, ging mir wörtlich von der Haarspitze durchs Mark bis in die Fußsohle.

Womöglich ruft ein solches Erlebnis eine ganz andere, viel frühere Erfahrung ins Bewusstsein: wie innig es war, wie geborgen es sich anfühlte, wenn als Baby der kleine Kopf in den großen Händen von Mutter oder Vater ruhte. Als die Kraft der Muskeln noch nicht ausreichte, erhobenen Hauptest in die Welt zu blicken, sondern die Stütze, die stellvertretende Würdigung der Eltern nötig war. Solche zutiefst körperlich wahrgenommene Erfahrung von fragloser, bedingungsloser Geborgenheit, Annahme und Zugehörigkeit – sie kann jeder wieder erahnen, dem die Berührung des Kopfes mit der Hand eines anderen zuteil wird. Das berührt den ganzen Menschen, seine Seele.

Auch andere Religionen kennen die Handauflegung

Nicht nur das Christentum, auch andere Religionen kennen diesen Ritus – meist als Ausdruck des Segens. Im Alten Testament ist er zudem bezeugt bei der Übertragung von Schuld auf den wirklichen Sündenbock, der anschließend in die Wüste gejagt wurde. Der Ritus ist auch bei Opferungen und Weihen überliefert, aber auch bei der Einsetzung des Josua als Nachfolger von Mose – also eher in der Übertragung von exklusiver Autorität.

Jesus hingegen berührt die Menschen geradezu inflationär: Er heilt Kranke durch Handauflegung, er segnet Kinder durch Handauflegung, und seine Jünger tun es ihm gleich: „Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“ Später, in der Apostelgeschichte, ist dann auch von der Handauflegung bei der Übertragung eines kirchlichen Amtes durch die Zwölf die Rede: „Sie ließen sie vor die Apostel hintreten, und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf.“

Der eigentliche Akteur der Weihe

Und genau so soll es auch sein und ist so gemeint, wenn an diesem Pfingstfest im Dom zu Münster fünf Männer die Priesterweihe empfangen – „durch Handauflegung und Gebet“, wie es heißt. Der eigentliche Ritus der Handauflegung geschieht schweigend, nach dem Bischof tun es ihm alle anderen anwesenden Bischöfe und Priester gleich. Ein intensives Zeichen der Mitteilung des Heiligen Geistes und der Erteilung von Vollmacht.

Auch wenn die Kandidaten zuvor dem Bischof „Ehrfurcht und Gehorsam“ versprochen haben – angesichts der tiefen religiösen Dimension verbietet sich die Schlussfolgerung, er hätte sie ab jetzt in der Hand, in seiner Gewalt. Da ist Gott vor, der eigentliche Akteur der Weihe. Aber dass sich jemand getrost und voll liebevollen Vertrauens in die Hände eines Größeren begibt, das ist schon so. Auf dass diese Hände schützen und stützen, frei und Geleit geben oder auffangen und halten, wo es abwärts zu gehen, die Würde abhanden zu kommen scheint.

Jeder Gesegnete soll Segen bringen

Das aber gilt für jeden, dem die Hand berührend und manchmal salbend Segen vermittelt: ob bei Taufe oder Firmung, auch in der Versöhnung (da bestimmt!), auf der Stola über den Händen eines Brautpaars. Oder schlicht beim Segen der Eltern für ihre Kinder, der Familie für den Sterbenden. Dem Priester schließlich werden zudem seine eigenen Hände mit heiligem Öl gesalbt: damit wiederum sie Segen bringen, heilen, gutheißen, wo Gott handgreiflich werden will.