Forschungsprojekt zu spirituellen und religiösen Testamenten

Ideelle Testamente: Was wollen Sie Ihren Nachkommen weitergeben?

Um ideelle Testamente geht es bei einem Projekt der Universitäten Siegen, Mainz, Tübingen und der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd. Dabei arbeiten Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer evangelischer und islamischer Fakultäten zusammen. Im Gegensatz zum materiellen Nachlass wollen die Wissenschaftler, Theologen und Studierenden erfahren, was Menschen ab 65 Jahren den nachfolgenden Generationen als spirituell-religiöse Testamente auf ihren Lebensweg mitgeben möchten.

„Die Lebens- und Glaubenserfahrungen der Älteren sind es wert, bewahrt und weitergegeben zu werden“, sagt Mirjam Zimmermann, Professorin an der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen. Begonnen hat das Projekt „Was bleiben soll“ Anfang dieses Jahres.

Brief an Enkel und Patenkinder

In ihren Familien und bei Freunden haben die am Projekt beteiligten Wissenschaftler und Studenten das Anliegen bekannt gemacht. Ausdrücklich waren und sind auch Paten angesprochen. Das ideelle Testament soll dabei in einem Brief an die Enkel beziehungsweise Patenkinder formuliert werden. Er soll nicht länger als fünf bis maximal sieben Seiten sein. Die Briefe können aber auch deutlich unter dieser Obergrenze liegen.

In dem Aufruf dazu heißt es: „Es geht uns darum, dass Sie das ,Was bleiben soll‘ in Bezug auf Ihren Glauben und Ihre religiösen Einsichten und Erfahrungen formulieren.“ Gedankenanstöße für diesen Brief können zum Beispiel sein: „Was ist Ihnen in Ihrem Glauben wichtig geworden im Laufe Ihres Lebens? Welche wichtigen Fragen haben Sie wie beantwortet? Oder: Inwiefern hat sich Ihr Bild von Gott im Lebensverlauf verändert? Welche Erfahrungen haben Sie mit Kirche gemacht? Was war gut, was schlecht an Ihrer religiösen Erziehung? Was raten Sie dies­bezüglich den Enkelkindern?“

Glauenserfahrungen sind für viele tabu

Die Schreiber eines ideellen Testaments sollten sich jedoch nicht an die Beantwortung dieser Fragen gebunden fühlen. Bis jetzt sind ein gutes Dutzend Briefe bei den Verantwortlichen des Projekts eingegangen. „Die Bedeutung ritueller Formen, aber auch kritische Darstellungen des Glaubens oder Schwierigkeiten, den Glauben weiterzugeben, sind Themen“, nennt Mirjam Zimmermann einige Beispiele.

Doch solche Inhalte scheinen mit einem Tabu behaftet zu sein. Viele empfänden es als schwierig, „überhaupt Glaubenserfahrungen zur Sprache zu bringen“, sagt die Professorin. „Es ist heute manchmal einfacher, über Sex oder Gehälter zu sprechen als über den Glauben.“

Ideelles Testament als ganz persönliches Geschenk

Von dem Vorhaben erhofft sie sich über die wissenschaftliche Auswertung hinaus praktische Umsetzungen. Zimmermann möchte zum einen anregen, sich überhaupt mit dem Thema zu befassen. „Darüber hinaus würde es mich freuen, wenn Paten darüber nachdächten, zu einem der üblichen Anlässe vielleicht statt – oder zusätzlich –  zu 50 Euro ein ideelles Testament zu verschenken.“

In dem Projekt sieht sie auch einen Ansatz für Kirchen­gemeinden: „Ich hoffe, dass sie entdecken, wie wichtig das Thema ist“, sagt sie, „und dass sie vielleicht einen Themen­abend im Gemeindekreis dazu veranstalten – eventuell auch, um in einem solchen Rahmen ideelle Testamente zu schreiben und darüber zu sprechen“.

Buch mit ausgewählten Beiträgen

Damit der Austausch über die wichtigen Fragen des Lebens und Glaubens auch anderen zugänglich ist, ist auf längere Sicht ein Buch geplant, in dem außer ausgewählten Projekt-Beteiligten zu „Was bleiben soll“ auch Prominente mit ihren ideellen Testamenten zu Wort kommen sollen.

Wenn Sie sich an dem Projekt beteiligen möchten, schicken Sie Ihren Brief mit dem Stichwort „ideelles Testament“ an zimmermann@evantheo.uni-siegen.de