Der Komponist von „Laudate omnes gentes“ starb vor 25 Jahren

Jacques Berthier, der Erfinder der Taizé-Gesänge

Ist es seine Herkunft aus dem burgundischen Auxerre, die Jacques Berthiers Musik so gut zu Taizé passen ließ? Vor allem war es wohl seine Bereitschaft, als Komponist auf die große Geste zu verzichten und stattdessen einfache, eingängige Melodien im Dienst von Liturgie und Gebet zu schaffen.

Die Gesänge der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé in Burgund haben seit den 1970er Jahren Kirchengeschichte geschrieben. Ihr Schöpfer war nicht allein Jacques Berthier, der vor 25 Jahren, am 27. Juni 1994, starb. Doch vor allem mit seinem Namen sind Gesänge wie „Bleibet hier und wachet mit mir“ oder „Laudate omnes gentes“ verbunden.

Der Komponist im Kurzwarengeschäft

Geboren am 27. Juni 1923, wurde ihm die Kirchenmusik buchstäblich in die Wiege gelegt. Vater und Mutter waren in Auxerre selbst Organisten und Chorleiter; Jacques' Kinderbett stand an der Wand neben dem Musikzimmer des Vaters. Hoch oben auf der Orgelempore und zwischen Kirchenchören wuchs der Junge auf; und er heiratete in eine Kirchenmusikerfamilie.

Bei seinem Schwiegervater studierte er nach dem Krieg und wurde 1953 (unbezahlter) Organist an der Bischofskirche von Auxerre. Und obwohl er Mitte der 50er Jahre das Kurzwarengeschäft seines Onkels übernehmen musste, wollte Berthier doch immer seiner eigentlichen Profession nachgehen.

Darf der Katholik für Protestanten arbeiten?

Eine Chance kam, als ihn 1955 der Jesuit und Psalmenexperte Joseph Gelineau (1920-2008) um Antiphonen bat – Berthiers erste Auftragskomposition und Veröffentlichung. Gelineau stand auch in Kontakt zur noch jungen Gemeinschaft von Taizé, die schon damals auch auf Berthier zuging mit dem Wunsch einfacher Kompositionen.

Doch der war einfach zu katholisch, so berichtete er später selbst amüsiert. Es wäre ihm damals schlicht noch nicht in den Sinn gekommen, für eine protestantische, wenn auch höchst ökumenische Gemeinschaft zu arbeiten. So fragte er bei seinem Erzbischof um Erlaubnis an, der ihm antwortete: „Zögern Sie nicht, das ist sehr gut!“

Musik-Diktat per Telefon

Die eigentliche Geburtsstunde der „Gesänge von Taizé“ war das „Konzil der Jugend“ im Sommer 1974. Die Gemeinschaft stellte fest, dass der gemeinsame Gesang von Tausenden Jugendlichen aus vielen Ländern nicht gut funktionierte. Jede Nation brachte zwar ihre Gesangstradition und ihre geistlichen Lieblingsstücke mit - doch die Jugendlichen aus anderen Ländern mussten wegen fehlender Kenntnisse von Sprache oder Melodie meist stumm danebensitzen. Auch Übersetzungen klappten nicht gut. Es brauchte also gemeinsame Lieder für eine betende, internationale Jugend der 70er Jahre. Eile beim Komponieren war geboten.

Wichtigster Partner Berthiers dabei wurde der Taizé-Bruder und Arzt Frère Robert Giscard (1923-1993), eins der ersten sieben Mitglieder der Kommunität und Cousin des früheren französischen Staatspräsidenten Valery Giscard d'Estaing. „Einige Kanons wurden sogar telefonisch diktiert“, erinnerte sich Berthier. Sein wichtigstes Stilmittel für die Taizé-Gesänge: das Ostinato, eine sich stetig wiederholende Melodie oder ein Rhythmus, zunächst immer mit lateinischem Text. Dazu wurden in der Oberstimme Soli in einer oder mehreren lebendigen Sprachen gestellt.

„Bisweilen höre ich schreckliche Gesänge“

Berthier komponierte für Taizé 284 Gesänge. Für andere Gemeinschaften schuf er Hymnen, Psalmen, Antiphonen und Responsorien, so für die Zisterzienser von Citeaux oder für den Papstbesuch 1986 - insgesamt rund 1.200 Titel. Immer blieb er der Komponist des Einfachen: „Ich bin sehr auf die Liturgie ausgerichtet“, sagte er am Ende seines Lebens: „Ich weiß nicht, wozu das nützen sollte, Konzertstücke für meine Organistenkollegen zu schreiben, die davon schon eine Menge haben.“ Berthier kritisierte die Kompliziertheit zeitgenössischer liturgischer Musik.

Wie sein Vater sammelte auch er auf dem Land Volkslieder mit eingängigen Melodien und schrieb sie auf. Das trug Früchte: „Einmal sagte ein Mönch zu mir, dass manche meiner Hymnen nach Pilzen schmecken.“ Gleichwohl räumte der anspruchsvolle Ästhet ein, dass er oft enttäuscht und traurig war, wenn er seine Lieder gesungen hörte: „Bisweilen höre ich schreckliche Gesänge; aber ich sehe, dass die Menschen beten. Also sage ich mir, dass es vielleicht nicht so schlecht ist.“ Jacques Berthier starb in der Nacht zu seinem 71. Geburtstag in Paris.