Schuldnerberatung wird ausgezeichnet

Katholikentags-Preis für Projekt des SkF Ibbenbüren

Altersarmut endet nicht selten in Dunkelheit. Häufen sich die Schulden, geht der Überblick verloren, und es wird der Zähler abgeklemmt, wenn die Stromrechnung nicht mehr bezahlt werden kann. Dann wird die finanzielle Not akut und oft erst sichtbar. Damit es wieder hell wird und sich eine Perspektive auf ein schuldenfreies Leben eröffnet, stehen Melanie Haslage sieben Ehrenamtliche zur Seite.

Speziell ältere Menschen nimmt die Schuldnerberatung des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Ibbenbüren im Projekt „Altersarmut begegnen“ in den Blick. Eines ihrer größten Probleme ist, alte Menschen in finanzieller Not zu erreichen. Denn sie halten die „Fassade besonders lange aufrecht“, erfährt Haslage immer wieder.

Wachsende Altersarmut in Nordrhein-Westfalen

Die Altersarmut wächst und ist in Nordrhein-Westfalen im Vergleich hoch. Zwischen 2005 und 2016 stieg die Quote der von Armut gefährdeten über 65-Jährigen von 9,7 auf 15,6 Prozent.

Den dritten Preis beim Preis der deutschen Katholikentage erhält das Projekt „Altersarmut begegnen“ des SkF Ibbenbüren. Dabei beraten geschulte Ehrenamtliche von Armut bedrohte ältere Menschen. Sie helfen ihnen, mit geringeren Einkünften hauszuhalten, Ansprüche bei Behörden geltend zu machen und den Überblick bei Rechnungen zu behalten. Sie assistieren auch auf dem Weg zu Schuldner- und Insolvenzberatung. Das Projekt erhält beim Katholikentag 2.000 Euro Preisgeld.

Altersarmut hat spezielle Facetten. Eine Ursache ist zum Beispiel, dass nach dem Tod des Mannes die Witwenrente nicht mehr zur Rückzahlung der vorher bequem zu bedienenden Schulden reicht. Manche werden auch überrascht von offenen Krediten, weil sie sich zuvor nicht um die familiären Finanzen gekümmert haben. Oder die älteren Menschen leihen Verwandten im Vertrauen auf Rückzahlung Geld.

Druck von Inkasso-Büros

Besonders ist auch das „robustere Vorgehen“ gegenüber Älteren von Inkassobüros bei der Eintreibung der Schulden. „Die bauen massiven Druck auf und scheuen sich auch nicht, 15 Mal am Tag anzurufen“, sagt die SkF-Mitarbeiterin. Dann empfiehlt ihnen Anja Hölscher: „Nicht drangehen.“

Hölscher ist eine der sieben Ehrenamtlichen, die Melanie Haslage derzeit im Projekt unterstützen. Als Bürokauffrau hat die 52-jährige Mutter von zwei erwachsenen Kindern keine Angst vor Formularen.

Keine Angst vor Formularen

Auf einen Aufruf in der Zeitung hin hat sie sich gesagt „da gehste mal hin“, die Schulung mitgemacht und den Fall einer alleinstehenden Frau übernommen, die sich drei Jahre vor der Rente in Schulden verstrickt hat. Diverse kleine Jobs reichen gerade zum Leben, aber der Überblick über Kredite und Rechnungen ist verloren gegangen. Hölscher hat mit ihr einen Haushaltsplan aufgestellt, Mahnungen gesichert und die dringendsten Rechnungen bezahlt.

Über ein breites Netzwerk erfährt Melanie Haslage von älteren Menschen in Not, wobei das Projekt schon Menschen ab 55 Jahren anspricht, um vorbeugend vor der Rente ansetzen zu können. Über die Pfarreien, die Pfarrcaritas, Pflegedienste und die Stadtverwaltung kommen sie zu ihr.

Erfahrene Ehrenamtliche helfen

Günter Verlage weiß, wie schwer sich ältere Menschen damit tun, Hilfe zu suchen. Der 68-Jährige ist nicht nur in diesem Projekt ehrenamtlich engagiert, sondern berät auch im Sozialpunkt in Ibbenbüren und arbeitet in der Tafel des SkF mit.

Dass Stromkosten ein „großes Problem“ sind, wie Melanie Haslage sagt, beschäftigt ihn derzeit intensiv. 4000 Euro Schulden sind in einem Fall aufgelaufen, bei dem er die Schuldnerberatung unterstützt. Das von Sozialhilfe lebende Paar mit einem erwachsenen Sohn musste ein dreiviertel Jahr ohne Strom auskommen. Versehentlich war der Strom wieder angeklemmt worden, doch niemand wusste, wer der Anbieter war.

Wie Stromkosten gespart werden können

Günter Verlage wird jetzt die Unterlagen aufarbeiten: „Ich bin gespannt, was daraus wird.“ Um die Kosten künftig zu senken, sind die Stromsparchecker des Caritasverbands Rheine hinzugebeten worden, und es hat einen Gutschein für einen neuen energiesparenden Kühlschrank gegeben.

Als gelernter Bankkaufmann, der schon in der kirchlichen Rendatur tätig war, kennt Verlage sich mit Verwaltungsakten aus. Er fuchst sich gerade mit Akribie in die komplizierten Berechnungen des vom Sozialamt zu tragenden Anteils der Stromrechnung in einem zweiten Fall ein. Was die zunächst fehlerhafte Rechnung des Energieversorgers nicht gerade erleichtert. Aber sich lohnen könnte, denn Haslage hat schon erlebt, dass sich die Rückforderung des Sozialamts von 400 Euro auf 50 Euro reduzierte.

Auch kleine Einsparungen helfen

Oft geht es um eher gering erscheinende Beträge: um die zehn Euro bei der Umstellung von monatlichen Überweisungen am Schalter auf Daueraufträge zum Beispiel. Aber angesichts geringer Rente eben doch eine nicht zu vernachlässigende Entlastung.

Die Ehrenamtlichen bringen für die Beratung im Detail die Zeit mit, die Melanie Haslage mit ihrer halben Stelle im Projekt und der zweiten Hälfte in der Schuldnerberatung nicht aufwenden könnte. Anja Hölscher ist seit einigen Monaten einmal in der Woche ein oder zwei Stunden bei ihrer Klientin vor Ort. Für sie völlig in Ordnung, sie empfinde das nicht als Belastung und helfe gern.

Gebrauchte Brillen gesammelt

Umgekehrt lernt Melanie Haslage von ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern. Zum Beispiel, dass ein Optiker in der Nähe nicht mehr benötigte Gleitsichtbrillen vermittelt. Für eine neue reicht das Geld bei ihren Klienten nicht. Dann ist die gebrauchte Sehhilfe eine Alternative.

Ein gutes Beispiel für Haslage, wie findig ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter sind. „Notfalls kriechen sie auch unter den Tisch und schauen, ob es abschaltbare Steckerleisten gibt, mit denen sich Strom sparen lässt.“