Kontrollverlust könnte bald als Krankheit anerkannt werden

Mindestens eine halbe Million Deutsche süchtig nach Internet

Wenn Ralf W. morgens aufwacht, führt ihn sein erster Gang zum Computer. Stundenlang klickt er sich durch Online-Spiele, kann sich kaum losreißen. „Die anderen Dinge, die ich tags­über machen will, scheinen so schwierig und unerreichbar“, erzählt er. „Ich saß auch schon mal vier Stunden lang am Rechner und hab es nicht fertiggebracht, mir einen Kaffee zu machen.“

Vieles nehme er sich gar nicht erst vor, sagt Ralf W.. Er empfinde seine Sucht auch körperlich und beschreibt eine Leere, ein Gefühl innerer Unruhe: „Wenn ich vor dem Rechner sitze, ist das dann weg.“

Hohe Dunkelziffer

Unter der Bezeichnung „Internetsucht“ fassen Forscher mehrere Verhaltensweisen zusammen. Meist geht es dabei um junge Computerspieler, die sich in Online-Rollenspielen verlieren. Es betrifft aber auch Menschen, die ziellos Waren bestellen, Pornoseiten aufrufen, in sozialen Netzwerken surfen oder Geld bei Glücksspielen verwetten.

Als inter­net­abhängig gelten nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten ­Ma­r­lene Mortler (CSU) in Deutschland derzeit rund 560.000 Menschen – mit hoher Dunkelziffer. Die Grundlagen einer Sucht werden häufig in der Kindheit gelegt. Der Psychologe Kai Müller, der am Kompetenzzentrum Verhaltenssucht der Uniklinik Mainz forscht und therapiert, nennt als Gründe emotionale Vernachlässigung durch die Eltern, fehlende Bindungen oder Traumata.

Introvertierte sind besonders gefährdet

Introvertierte, schüchterne oder misstrauische Menschen würden besonders häufig den Verlockungen von Computerspielen oder sozialen Netzwerken erliegen, wo sie nur mit dem Bildschirm kommunizieren müssten.

Die Wartelisten für Patienten, die eine Therapie antreten wollten, seien lang, beklagt Müller. Nach wie vor ist Internetsucht als Krankheit nicht anerkannt. Wahrscheinlich werde sie aber in diesem oder im nächsten Jahr in den Leistungskatalog aufgenommen.

Internetsucht ist nicht leicht zu behandeln. Bei einer stoffgebundenen Sucht wie der nach Alkohol oder Heroin können Betroffene leichter abstinent bleiben. Das Internet dagegen ist Teil des Alltags.

Hilfe gibt es im Internet

„Es ist natürlich einfacher, wenn man sich auf einen bestimmten Suchtstoff konzentrieren kann“, erklärt Müller. Weil Internetsucht oft an eine bestimmte Aktivität gebunden ist wie Einkaufen oder Pornos gucken, biete sich hier für Psychologen ein Therapieansatz.

Und sogar im Internet selbst findet man Hilfe: Das Projekt „webC@re“ der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen etwa ist eine Online-Selbsthilfegruppe für Internetsüchtige. Das sei keineswegs so, als therapiere man Alkoholiker in einer Bar, sagt Patrick Durner von „webC@are“. „Man ist nicht süchtig nach dem Internet, sondern nach bestimmten Inhalten.“

Niederschwelliges Angebot

Ein handfester Vorteil sei die virtuelle Selbsthilfegruppe für Sozialphobiker, erklärt Durner. Sie könnten sich Hilfe suchen, ohne ihre Hemmung überwinden zu müssen. Bei „webC@re“ gehe es um Selbstreflektion.

„Grundvoraussetzung für eine Teilnahme ist eine Pro­blem­einsicht“, sagt Durner. Das sei einer der Gründe, warum eher junge Erwachsene als Jugendliche Klienten von „webC@re“ seien. Der Leidensdruck stelle sich oft erst nach Jahren ein.

Tipps für Eltern
Sitzt das Kind stundenlang vor dem Rechner, sollten Eltern nicht in Panik ausbrechen, rät der Medienpädagoge Patrick Durner von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen. Oft sei es nur ein exzessives Ausprobieren, das sich wieder gebe – meistens bei der ersten Partnerschaft. Eltern sollten sensibel für ihre Kinder sein. Sie sollten nachfragen, was genau das Spielen oder Chatten dem Kind gibt und welches Defizit es damit ausgleicht. Darüber hinaus sei die Medienerziehung wichtig. Kinder müssten erst lernen, wann und wie oft sie Online-Medien nutzen können. Durner rät davon ab, bei Problemen Fakten zu schaffen: „Bitte nicht einfach den Stecker ziehen. Das eskaliert oft.“