Erzbistum Wien schaltet sich ein – Was sagt der beschuldigte Priester?

Mundkommunion-Zwang bei Weltjugendtag: Ein Skandal und seine Folgen

Anzeige

Gegen ihren Willen hatte ein Priester Weltjugendtagspilgern in Lissabon die Kommunion in den Mund gegeben. "Kirche-und-Leben.de" berichtete darüber, das Verhalten des österreichischen Geistlichen gegenüber Jugendlichen aus dem Bistum Münster sorgte für viel Wirbel – bis ins Erzbistum Wien hinein. Mit welchen Konsequenzen?

Eigentlich hatte Anna* (Name geändert, da sie nicht namentlich identifiziert werden möchte) gedanklich mit dem Vorfall längst abgeschlossen. Immerhin liegt der Weltjugendtag in Lissabon schon gut vier Monate zurück. Doch in der vorvergangenen Woche kamen die Erinnerungen wieder hoch. Denn sie erhielt einen Anruf von Sabine Ruppert. Sie ist Leiterin der Stabsstelle für Prävention von Missbrauch und Gewalt in der Erzdiözese Wien. 

Ruppert wollte sich ein eigenes Bild davon machen, was Anna erlebt hat: Ein Priester der Gemeinschaft „Brüder Samariter der Flamme der Liebe des Unbefleckten Herzens Mariens“ (kurz: Samariter FLUHM) aus Österreich hatte ihr die Kommunion in den Mund gegeben, obwohl sie nach ihren Worten die Hand gut sichtbar zu ihm ausgestreckt hatte. "Kirche-und-Leben.de" hatte damals als erstes Medium darüber berichtet.

Ähnliche Erfahrungen machten weitere Besucher des Gottesdienstes. So berichtete ein Teilnehmer gegenüber „Kirche-und-Leben.de“, ihm sei die Hostie gar in den Mund gedrückt worden. Ein weiterer erklärte, er habe den Priester gebeten, die Kommunion in die Hand gelegt zu bekommen. Das verwehrte ihm allerdings der Geistliche, so der Teilnehmer. Auch auf Fotos, die Beteiligte von dem Vorfall machten, ist zu sehen, wie der Priester trotz der ausgestreckten Hand einer jungen Frau die Hostie in deren Mund geben will.

Weihbischof Hegge meldete sich zu Wort

Weihbischof Christoph Hegge, der die Reisegruppe aus dem Bistum Münster begleitete, nannte das Verhalten des Priesters ein No-Go. „Wir Priester haben nicht das Recht, jemanden die Kommunion zu verweigern“, so Hegge damals in Lissabon.

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) wertete die Verweigerung der Kommunion als „Skandal“ und sprach von Missbrauch klerikaler Macht. Stefan Ottersbach, Bundespräses des BDKJ, forderte wenige Tage nach dem Ende des Weltjugendtages in der Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ eine kritische Aufarbeitung durch die Verantwortlichen.

Missbrauchsbeauftragte: Klerikaler Machtmissbrauch

Nach den Medienberichten zum Vorfall ist das Erzbistum Wien als zugeordnete Diözese tätig geworden. Die Leiterin der Stabsstelle für Prävention von Missbrauch und Gewalt in der Erzdiözese Wien, Sabine Ruppert, wandte sich an die Redaktion von "Kirche-und-Leben.de" und bat um eine Kontaktanbahnung zu den Betroffenen. Sie und ihr Team seien irritiert über die beschriebene Situation. Wenn dieser Vorfall so stattgefunden habe, werte sie das „auf jeden Fall als klerikalen Machtmissbrauch, wenn nicht sogar als eine Form von spiritueller Gewalt“.

Nach Informationen von "Kirche-und-Leben.de" haben mindestens drei Personen aus dem Bistum Münster Ruppert bislang den Vorfall geschildert. Die Darstellungen der Teilnehmenden sollen in die Aufarbeitung des Vorfalls einfließen, erklärte der Pressesprecher des Erzbistums Wien, Michael Prüller. „Um ordnungsgemäß die Frage eines schuldhaften Verhaltens und entsprechender Konsequenzen zu klären, müssten wir die näheren Umstände aus erster Hand kennen.“

Wollte der Priester die geöffneten Hände nicht sehen?

Für Anna ist ihr Erlebnis in Lissabon weiterhin präsent – auch mit vier Monaten Abstand: „Ein Unwohlsein, mir wurde meine Entscheidung genommen. Ich wurde da übergangen.“ Besonders sei ihr in Erinnerung geblieben, dass sich der Priester besonders nah vor sie gestellt habe. Möglicherweise, um ihre Hände, geformt zu einer Schale, nicht zu sehen, mutmaßt sie.

Und was sagt der Geistliche selber, was seine Gemeinschaft? Der betreffende Priester hat auf eine Anfrage von "Kirche-und-Leben.de" nicht reagiert. Der Leiter der Gemeinschaft Samariter FLUHM, Bruder Gabriel Hüger, räumte stattdessen ein, sein Mitbruder habe „im großen Gedränge beim Kommunionempfang falsch reagiert“. 

Gemeinschaft hält Vorfall für erledigt

In der Gemeinschaft habe man nach dem Vorfall einen Schlussstrich gezogen, so Hüger. „Nachdem Bruder Andreas Maria sowohl an seinem ordentlichen Wirkungsort wie auch am Weltjugendtag auch Handkommunion gereicht hat beziehungsweise reicht, ist die Sache für uns erledigt.“ Er lässt für seinen Mitbruder ausrichten: „Bruder Andreas Maria Ackermann bittet alle um Entschuldigung, die er am Weltjugendtag verärgert hat, indem er ihnen Mund- statt Handkommunion gereicht hat.“

Offenbar ist mittlerweile auch der Generalvikar des Erzbistums Wien mit dem Vorfall befasst, wie "Kirche-und-Leben.de" erfuhr. Wann und ob Konsequenzen für den Bruder der Gemeinschaft Samariter FLUHM seitens des Erzbistums Wien folgen, entscheide sich offenbar nicht vor Jahresende. 

Aufruf an die Betroffenen

Der Pressesprecher des Erzbistums Wien bittet weitere Betroffene, sich an die Stabsstelle für Prävention von Missbrauch und Gewalt zu wenden, um den Vorfall weiter aufarbeiten zu können. Auch die Gemeinschaft Samariter FLUHM bittet Betroffene um Mitteilung an die zuständigen Stellen: „Sollten Weltjugendtagsteilnehmer sich durch den Vorfall als geschädigt ansehen, stehen wir natürlich zu unserer Verantwortung und bitten um Kontaktaufnahme mit der zuständigen Ombudsstelle der Erzdiözese Wien.“

Kontaktmöglichkeiten für Betroffene:
Stabsstelle für Prävention von Missbrauch und Gewalt in der Erzdiözese Wien: hinsehen(at)edw.or.at
Hier können Sie eine anonyme Verdachts- bzw Vofallsmeldung an die Erzdiözese Wien abgeben.
Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche: ombudsstelle(at)edw.or.at