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Architektin und Benediktinerin auf der Burg Dinklage

Schwester Johanna Wiese: Die Nonne vom Dach

Räume gestalten – das war schon immer ihr Lebenstraum. Deshalb hat Schwester Johanna Wiese Architektur studiert. Und auch nach ihrem Eintritt im Kloster blieb das eine ihrer Aufgaben.

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„Die Schäden an den Gebäuden waren irgendwie auch ein Glückfall für mich.“ Schwester Johanna muss lachen und erklärt: Ein Glücksfall, weil es gerade dadurch einiges zu tun gebe für sie. Für die Benediktinerin, die jetzt im Innenhof des Klosters Burg Dinklage steht, hochblickt und das neue rote Ziegeldach der Scheunenkirche im Schein der Wintersonne leuchten sieht.

Fast jeden Tag ist sie während der Bauphase da hochgeklettert, in Arbeitshose, mit Sicherheitsschuhen und Helm. Um nachzusehen, wie es vorangeht. Um den Handwerkern Hinweise zu geben, einfache Fragen zu beantworten oder sie an den verantwortlichen Architekten weiterzuleiten.

 

Fundamente aus dem 15. Jahrhundert

 

Fragen gibt es genug bei einer Wasserburg, deren Fundamente aus dem 15. Jahrhundert stammen. Wo rechte Winkel selten sind. Genauso wie gerade Wände. Wo sich auch der Dielenboden im Besprechungszimmer zur Außenwandseite wölbt. „Das gehört eben dazu“, sagt Schwester Johanna.

Sr. Johanna im Habit. | Foto: privat
Sr. Johanna im Habit. | Foto: privat

Als Architektin hat sie nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass mit dem neuen Dach der Scheunenkirche vor kurzem ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Sanierung geschafft werden konnte. Dabei war bei ihrem Eintritt in Dinklage völlig unklar, ob die heute 43-Jährige jemals wieder mit so etwas zu tun haben würde: Steinen und Ziegeln, Lineal und Zirkel, Wänden und Fundamenten. Würde sie jemals wieder Ideen auf dem Papier und später als Gebäude Gestalt werden lassen? „Damals war mir das auch nicht so wichtig“, sagt Schwester Johanna.

 

Am Anfang standen Comic-Figuren

 

Dabei hatte sie gerade die Lust am Gestalten von Kindesbeinen an begleitet. Lächelnd erzählt sie von ihrer Freude am Zeichnen und Entwerfen. Als Kind Comic-Figuren, später als  Architektur-Studentin Kirchen in Venedig. Zeichnen, planen, Ideen zu Papier bringen – „Das hat mich immer fasziniert“, sagt sie. Ideen für Häuser aber auch für Städte, Dörfer oder Wohnviertel.

Aber dann, beim Eintritt, habe eben anderes im Vordergrund gestanden, vor allen Dingen das Gefühl, in der Abtei den richtigen Platz für sich gefunden zu haben, endlich angekommen zu sein. Am Ende eines Weges, der die junge Frau aus Twistringen durch Realschule, Ausbildung zur technischen Zeichnerin und Architekturstudium nach Schweden und zuletzt in eine Stelle bei der Stadtverwaltung Bergen auf Rügen führte. Damals scheinbar die richtige Richtung.

 

Ein Jahr Architektin auf Rügen

 

„Es gab dort zehn Jahre nach der Wende immer noch sehr viel zu tun. Es machte Spaß und ich hätte auf Rügen bleiben können“, erinnert sich Schwester Johanna, „aber ich spürte: Ich suche noch etwas anderes.“ Eine geistliche Heimat, die sie nach ersten Besuchen und mehreren Anläufen in Dinklage auch fand.

Und ziemlich bald auch die Möglichkeit, ihre Freude am Gestalten einzubringen. Sie war noch Novizin, als es darum ging, einen Altarfries in der Burgkapelle neu zu bemalen. Den Handwerkern lief die Zeit davon. „Da habe ich wochenlang mitgemalt und vergoldet“, erinnert sich Schwester Johanna freudestrahlend.

 

Raum schaffen für Menschen

 

Auf dem Dach der Scheunenkirche. | Foto: privat
Auf dem Dach der Scheunenkirche. | Foto: privat

Sie spürte früh: „Ich brauche einen Ort, wo ich gestalten kann. Weil es zu mir gehört: Raum schaffen für Menschen.“ Die Frage lautete aber: Muss es  Architektur sein? Oder könnte es auch bedeuten: Raum schaffen für Gott? „Auch das ist ja eine Möglichkeit“, sagt Schwester Johanna.

In Dinklage rückte aber  schnell die Arbeit am Gebäude in den Vordergrund für die Frau, der aufgekrempelte Ärmel oder schmutzige  Hände nicht fremd sind. Schon im Berufsgrundschuljahr hatte sie mal ein Stück Wand gemauert oder ein paar Meter Graben ausgehoben.

 

Praxis in Dinklage gelernt

 

„Das meiste Praktische habe ich aber erst hier in Dinklage gelernt“, sagt Schwester Johanna. Zum Beispiel bei einer Denkmalschutz-Zusatzausbildung. Sieben Wochenkurse mit anderen Fachleuten, über Spezialfragen, von Brandschutz, Dämmung und Materialien.

Denkmalschutz sei eine, das Grundkonzept des Klosters das andere. „Wir wollen hier kein Museum bauen“, betont Schwester Johanna. „Wir wollen das Alte bewahren, aber es muss auch zu unserem Leben und den Anforderungen unsrer Arbeit hier passen.“

 

Die Räume wirken zurück

 

Zu den Anforderungen der Schwesterngemeinschaft ebenso wie zu denen der Gäste der Abtei. Da freut sich die Benediktinerin, wenn Menschen sagen, wie gelungen sie den neuen Pfortenbereich finden oder wie wohl sie sich in den vor einiger Zeit neu gestalteten Gemeinschaftsräumen fühlen. Es gehe schließlich immer um die Menschen, sagt Sr. Johanna. Architektur, richtig verstanden, sei immer dienend. „Und es ist  wichtig, wie Räume gestaltet sind. Weil gut gestaltete Räume auch Raum schaffen können für etwas anderes.“

Die Ordensfrau ist überzeugt: Der Lebensraum eines Menschen wirkt zurück und prägt. Sie macht das an einem Beispiel klar: „Es ist ein Unterschied, ob man in der Enge einer Großstadt oder in der Weite des Landes aufwächst.“ Für das Kloster bedeute das: „Gute Gestaltung kann Menschen offen machen.“

 

Sie erklärt mit Modelle

 

Ihr selbst sind dabei klare, aufgeräumte Räume wichtig. Das sei keine Frage von Geld sondern von bewusster Gestaltung. „Man merkt Räumen an, ob sich jemand Gedanken gemacht hat.“

Auch wenn es manchmal nicht einfach sei, anderen die Vorteile der eigenen Gestaltungsideen deutlich zu machen. Nicht jede ihrer Mischwestern könne sich vorstellen, wie die neu gestrichene Wand oder ein Durchbruch wirke.

Schwester Johanna bastelt dann kleine Modelle. Besonders schön sei immer der Moment der Fertigstellung. „Wenn sie sagen: Ich konnte mir das zwar nicht vorstellen, wie es mal werden würde. Aber es ist gut geworden.“ Lebensraum gestalten – was bisher für die Architektin im Ordensgewand eine ganz praktische Sache war, soll ab Februar um eine weitere Dimension erweitert werden. Dann wird Schwester Johanna auch für die Martinsscheune des Klosters zuständig sein. Für den Lebensraum so genannter allein reisender Wohnungsloser, die die Dinklager Schwestern vorübergehend aufnehme.

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