Bischof mischt sich weder in NRW noch in Niedersachsen ein

So entsteht die Abitur-Klausur in Religion

Hauptsache fromm und brav – reicht das aus für eine gute Note im Fach Religion? Sucht der Bischof die Aufgaben raus? Kontrollieren Schulfachleute im Bistum die Aufgaben für das anstehende Abitur vorher noch einmal?

„Die Kirchen sind an der Aufgabenstellung nicht direkt beteiligt“, lautet dazu klipp und klar die Antwort aus dem nordrhein-westfälischen Schulministerium. Und was für Nordrhein-Westfalen (NRW) gilt, ist auch im niedersächsischen Bistumsteil Gesetz: „Das Abitur ist eine Veranstaltung des Landes, nicht der Kirche“, betont Franz Bölsker, der Leiter der Abteilung Schule und Erziehung im Bischöflichen Offizialat in Vechta.

Auch in Religion ist das Abitur Ländersache

Allenfalls könnte man sagen, dass die Kirche indirekt am Abitur beteiligt ist. Weil Fachleute der Bistümer am Lehrplan, dem Curriculum, mitgearbeitet und ihn mit genehmigt haben. Und weil jeder Religionslehrer letztlich im Auftrag der Kirche unterwegs ist, mit der so genannten Missio Canonica, der Lehrbeauftragung des Bischofs.

Im Übrigen gilt: Katholische Religion ist ordentliches Lehrfach. Deshalb läuft auch die Auswahl der Aufgaben für das Abitur im Prinzip wie bei Erdkunde, Geschichte oder Physik auch – im Rahmen des Zentralabiturs der beiden Länder.

Kommissionen erarbeiten Themen und Fragen fürs Abitur

In Niedersachsen sind dafür Fachkommissionen zuständig. Sie werden jedesmal neu aus Lehrern zusammengestellt, damit möglichst viele aktuelle Erfahrungen einfließen können. Im Frühjahr des Vorjahres beginnen sie mit der Arbeit für das folgende Jahr.

In Nordrhein-Westfalen läuft es ähnlich. Dort koordiniert und begleitet die „Qualitäts- und Unterstützungsagentur – Landinstitut für Schule“ (Qua-Lis NRW) mit Fachausschüssen die Aufgabenentwicklung für die Abitur-Klausuren in allen Fächern. Qua-Lis ist eine nachgeordnete Behörde des NRW-Schulministeriums.

Aktive Religionslehrer planen Abitur-Klausuren mit

In den Ausschüssen arbeiten erfahrene Lehrkräfte mit, die zu einem überwiegenden Teil ihrer Arbeitszeit aktiv unterrichten. Ende Januar des Jahres, das dem Prüfungsjahr vorausgeht, beginnt hier der Vorlauf.

Bis Themen und Fragen einer Abituraufgabe endgültig feststehen, durchlaufen sie mehrere Entwicklungsschritte. So werden in NRW zunächst ausgewählte Fachlehrer um Vorschläge für Aufgaben gebeten. Auf der Grundlage dieser Vorschläge und unter Berücksichtigung der verpflichtenden Unterrichtsinhalte werden anschließend die Aufgaben und Bewertungskriterien erarbeitet.

Schulaufsicht wählt am Ende Abiturfragen aus

In einem Praxischeck überprüfen dann Lehrer, die an dem Verfahren nicht beteiligt und zur Geheimhaltung verpflichtet sind, die Aufgaben auf Lösbarkeit, Umfang und Inhalt. Nachdem Wissenschaftler die Aufgabenstellungen noch einmal fachlich durchgesehen haben, treffen zum Schluss die Fachdezernenten der Schulaufsicht die letzte Entscheidung und geben die Aufgaben für das Zentralabitur frei.

Prüfungsaufgaben werden wie in Niedersachsen auf der Grundlage eines Kernlehrplans entwickelt. Für die Abiturienten 2019 sieht er folgende übergeordneten Inhaltsfelder für vor: „Der Mensch in christlicher Perspektive“, „Christliche Antworten auf die Gottesfrage“,“ Das Zeugnis vom Zuspruch und Anspruch Jesu Christi“, „Kirche in ihrem Anspruch und Auftrag“, „Verantwortliches Handeln aus christlicher Motivation“ und „Die Christliche Hoffnung auf Vollendung“.

Auch in Religion bekommen Abiturienten nichts geschenkt

Darüber hinaus sind zu bestimmten Inhalten „Fokussierungen“ ausgewiesen. Sie stellen eine verbindliche Schnittmenge sicher, wenn der Lehrplan zu einem Thema mehrere Möglichkeiten bietet. Damit jeder sich schon mal mit einem Text, zum Beispiel einer Enzyklika, beschäftigt hat.

Die Abiturienten sollen ihr Wissen und ihre Kompetenzen auf mehreren Feldern zeigen. „Die Aufgaben sind so angelegt, dass sie in der Regel Kompetenzen zu zwei inhaltlichen Schwerpunkten überprüfend in den Blick nehmen“, heißt es in einer Mitteilung des NRW-Schulministeriums.

Nicht nur für die Aufgabenstellung, auch für die Benotung entwickeln die Ausschüsse gemeinsame Kriterien. Das soll die Bewertung vergleichbar machen, auch für Abiturienten in Religion. Denn, so Michael Klein, bei Qua-Lis zuständig für die zentralen Prüfungen in allgemeinbildenden Schulen: „Auch die kriegen nichts geschenkt.“

 

 

Drei Beispiel-Klausuren aus den vergangenen Jahren
Folgende Themen und Fragen wurden niedersächsischen Abiturienten in den vergangenen Jahren vorgelegt, die Religion als Prüfungsfach auf Grundkurs-Niveau gewählt hatten. Als Hilfsmittel stand den Abiturienten jeweils eine Bibel zur Verfügung. Für die Beantwortung hatten sie drei Stunden und 40 Minuten Zeit.

Beispiel 1:
Die Aufgabe 1 im niedersächsischen Zentralabitur von 2015 trug den Titel „Nachfolge Jesu in einer Castingshow“. Als Material lag den Abiturienten ein Text der Dominikanerin Ursula Hertewich vor. Sie setzt sich darin mit dem Auftritt der italienischen Nonne Christina Scuccia in der Fernsehshow „Voice of Italy“ auseinander.

Die Aufgaben:
1. Geben Sie die zentralen Gedanken der Autorin wieder.
2. Vergleichen Sie das Beispiel der Ordensfrau Cristina Scuccia mit einem selbstgewählten anderen Zeugen des christlichen Glaubens.
3. Entwerfen Sie einen Brief an Ordensschwester Cristina Scuccia, in dem Sie vor dem Hintergrund Ihrer bisherigen Überlegungen und unter Berücksichtigung biblischer und lehramtlicher Grundlagen von Kirche zu ihrem Auftritt bei „The Voice of Italy“ Stellung nehmen.

Beispiel 2:
Die Aufgabe 1 im niedersächsischen Zentralabitur von 2016 trug den Titel: „Präimplantationsdiagnostik (PID) als ethische Herausforderung“. Als Material lag den Abiturienten ein Zeitungsinterview mit einem Gegner und einem Befürworter der Methode vor, Christian Lohr und Luc Recordon. Beide kamen mit körperlichen Missbildungen auf die Welt.

Die Aufgaben:
1. Stellen Sie die Positionen und Argumente der beiden Interviewpartner in dem Streitgespräch über die PID dar.
2. Untersuchen Sie, welche Typen ethischer Urteilsbegründung in den verschiedenen Argumenten der beiden Kontrahenten zum Tragen kommen.
3. Entwerfen Sie einen Leserbrief, in dem Sie aus christlicher Perspektive einen begründeten Standpunkt zu den im Streitgespräch vertretenen Positionen einnehmen.

Beispiel 3:
Die Aufgabe 1 im niedersächsischen Zentralabitur von 2017 trug den Titel „Das Anliegen Jesu“. Als Material angefügt waren zwei Auszüge aus dem Buch von Papst Benedikt XVI.: „Jesus von Nazareth“.

Die Aufgaben: 1. Stellen Sie die zentralen Gedanken des vorliegenden Textes mit eigenen Worten dar.
2. Arbeiten Sie Gemeinsamkeiten zwischen einigen Überlegungen Benedikts und Luthers Theologie heraus.
3. Benedikt wird zuweilen vorgeworfen, er entpolitisiere das Anliegen Jesu und vernachlässige die gesellschaftliche und gesellschaftskritische Dimension der biblischen Botschaft. Setzen Sie sich mit diesem Vorwurf auseinander.