Kirche+Leben Lexikon

Was ist ein Tannenbaum?

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Es war ein langer Weg. Doch mittlerweile ist er im Zentrum der katholischen Welt angekommen. Alljährlich ziert in der Weihnachtszeit ein Tannenbaum den Petersplatz. Doch lange hat es gedauert, bis der ursprünglich protestantische Brauch auch bei Katholiken heimisch wurde.

„Um die Wende zum 20. Jahrhundert war der Weihnachtsbaum zumindest in Westfalen noch längst nicht in jeder Familie anzutreffen. So galten denn auch die ersten geschmückten Weihnachtsbäume in den Dörfern regelrecht als Attraktion“, berichtet Christine Cantauw, Volkskundlerin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Münster.

Aus Gronau-Epe (Kreis Borken) erzählt ein Lehrer aus der Frühzeit des Christbaumbrauches: „Der Eigentümer des benachbarten Wirtshauses aber hatte die Sitte des Weihnachtsbaumes aus dem Bergischen mitgenommen - die ganze Jugend der benachbarten Höfe und Kotten ging nach Büscher: Hier im Gastzimmer war immer ein großer Tannenbaum mit viel Schmuck und Leckereien. Die Kinder umstanden den Lichterbaum und sangen die alten Weihnachtslieder, während die Eltern an Tischen Platz genommen hatten und sich am Kartenspiel vergnügten. War die Zeit vorgerückt, so kam der Wirt mit einer Schürze voll Nüssen und Plätzchen und Äpfeln.“

Teil des „Paradiesspiels“

Der Christbaum hat nach Angaben des Brauchtum-Experten und Theologen Manfred Becker-Huberti (Köln) seinen Ursprung im mittelalterlichen Krippenspiel in der Kirche. Vor dem eigentlichen Krippenspiel habe ein „Paradiesspiel“ stattgefunden, in dem gezeigt worden sei, wie durch Adam und Eva die Sünde in die Welt kam, von der die Menschen durch Christi Kreuzestod befreit wurden. Zu diesem Spiel habe ein immergrüner Baum als „Paradiesbaum“ gehört, von dem an der dramaturgisch bestimmten Stelle die „Frucht“ gepflückt wurde. Mit den Jahren wurde der Paradiesbaum immer schmucker: (vergoldete) Nüsse, Festgebäck und Süßigkeiten machten die „paradiesische“ Funktion des Baumes für die Gläubigen deutlich, wie Becker-Huberti erläutert.

Im 16./17. Jahrhundert tauchte der Paradiesbaum außerhalb der Kirche auf: bei Gemeinschaftsfeiern von Zünften und Bruderschaften. Er löste sich vom Krippenspiel ab und wurde Symbol der Advent- und Weihnachtszeit. Aus dem 16. Jahrhundert gibt es Belege für weihnachtliche Geschenkbäume, die die Zünfte in ihren Gesellschaftsstuben aufstellten. Die Kinder der Zunftmeister durften die daran hängenden Äpfel, Nüsse, Datteln und Brezeln abschütteln und essen. In der Mitte des 17. Jahrhunderts tauchte dann im Elsass erstmals der geschmückte Gabenbaum als Mittelpunkt einer familiären Weihnachtsfeier auf. Danach verbreitete sich der Weihnachtsbaum schnell an den Königs- und Adelshöfen Kontinentaleuropas. Nach und nach übernahmen auch die städtisch-bürgerlichen Schichten den neuen Brauch.

Lichterbäume in Schützengräben

Doch die katholischen Familien, vor allem wenn sie auf dem Land wohnten, konnten sich jedoch lange Zeit nicht dazu durchringen, zu Weihnachten einen Baum in ihrer Wohnstube aufzustellen. „Mancher Münsterländer lernte den Weihnachtsbaum erst im Ersten Weltkrieg kennen, als man mithilfe von Lichterbäumen in den Schützengräben ein wenig weihnachtliches Flair für die Soldaten schaffen wollte. Viele von ihnen haben den Brauch dann mit ins Münsterland genommen“, so die Volkskundlerin Cantauw.

Der Christbaumschmuck wurde um 1900 vielfach aus Papier selbst gebastelt. Die wohlhabenderen Familien verfügten aber bereits über einen Fundus an fabrikmäßig hergestelltem Baumschmuck. Für die Kinder war aber der lange Zeit übliche essbare Christbaumschmuck weitaus wichtiger: „Äpfel, Nüsse, Backwaren und Zuckerkringel durften nämlich am Dreikönigstag geplündert werden, wenn auch manch eine Leckerei - vor allem wenn sie an einer weniger exponierten Stelle hing - schon vor dem 6. Januar heimlich stibbizt worden war“, erklärt Cantauw.