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Freikirchliche Bewegung kommt für ein Jahr in der katholischen Stadtgemeinde Liebfrauen unter

Was machen die „Jesus Freaks Münster“ in der Überwasserkirche?

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Die katholische Stadtgemeinde Liebfrauen-Überwasser in Münster beherbergt für ein Jahr die freikirchliche Bewegung „Jesus Freaks“. Der eingetragene Verein finanziert sich über Spenden und orientiert sich vor allem am Neuen Testament. Flache Hierarchien, Lobpreislieder und individuelle Glaubenswege zeichnen die Jesus Freaks nach eigenen Angaben aus. „Kirche-und-Leben.de“ hat sie getroffen.

„Ich habe da mal was mitgebracht.“ Ben Abbing schwenkt seinen Rucksack, das leise Klimpern darin entpuppt sich als Radler,-Bier- und Wasserflaschen. Ein gemütlicher Platz an der Abendsonne auf dem Mäuerchen vor der münsterschen Stadtkirche Liebfrauen-Überwasser ist schnell gefunden: Die „Jesus Freaks Münster“, zu denen Ben Abbing, 43, und Marlene Bauer, 22, gehören, lassen es sich gut gehen. Die Stimmung ist entspannt, es wird sich sofort geduzt. Ein wichtiges Merkmal der Jesus Freaks, wie sich die freikirchliche Bewegung nennt, die unter 60 Standorten in Deutschland auch einen eingetragenen Verein von etwa 80 Erwachsenen und 20 Kindern in Münster hat.

Entstanden ist die Bewegung in der Punkszene der 90er Jahre in Hamburg um den freikirchlichen Theologen und Drogenberater Martin Dreyer. „Der Name ,Freaks‘, also ungefähr ,schräge Vögel‘ zeigt ja schon, dass auch eigenartige Menschen dabei sein können, die aber alle eins verbindet: Jesus“, sagt Ben Abbing, der als Lehrer in Coerde arbeitet. „Wenig Berührungsängste mit Menschen haben, die nicht perfekt sind“, zeichne die „Jesus Freaks“ unter anderem aus. Flache Hierarchien, Spontanität und Gelassenheit beim Umgang mit liturgischen Elementen wie den unterschiedlichen Lebensentwürfen der Mitglieder sind weitere Eigenschaften, die Marlene und Ben an ihrer Gemeinde schätzen.

 

Vieles läuft spontan ab

 

Schaut man sich auf der Jesus-Freaks-App um, wird deutlich: In Münster sind die Freaks eine sehr aktive Gemeinschaft, ein Mix aus unterschiedlichsten Milieus. Neben Flohmarktgesuchen à la „biete Kinderfahrrad, gewünschte Gegenleistung: Freude“, zwei Kindergruppen oder einer Familienfreizeit werden gemeinsame Touren zu überregionalen Glaubensfestivals wie dem „Freakstock“ oder dem „Willo“ organisiert, die aber coronabedingt nicht stattfinden.

Der Gottesdienst, lange sonntags gegen 16 Uhr digital gefeiert, findet wieder in Präsenz in der Liebfrauen-Überwasser-Kirche statt - im Chorraum oder vor den Altarstufen. „Neulich haben die Glocken geläutet, da haben wir uns erst voll erschrocken, aber der Küster war so nett und hat für uns geläutet!“, berichtet Marlene strahlend. Der Ablauf sei relativ ungezwungen, es gibt einen oder zwei Gottesdienstleiter, außerdem jemanden, der zu einer Bibelstelle predigt, und meistens eine Band, die viel freikirchliche Lobpreislieder spielt, aber auch Klassiker aus dem evangelischen Gesangbuch: „Die Musik wird häufig spontan organisiert“, berichtet die Studentin.

 

Kostenlose Herberge in Liebfrauen-Überwasser

 

Über die ökumenische Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Münster, in der Liebfrauen-Pfarrer André Sühling engagiert ist, kam der Kontakt zur katholischen Pfarrei zustande. Seit Dezember 2020 haben die Jesus Freaks Herberge in der katholischen Stadtgemeinde gefunden. „Ich nehme bei uns in der Gemeinde eine große Gastfreundschaft wahr, wo Christen ihren Glauben leben können, und gemeinsam unterwegs sein können, trotz unterschiedlicher Glaubensfragen. Es gibt eine erprobte ökumenische Zusammenarbeit, die sich logisch in der gemeinsamen Nutzung von Gemeinde- und Kirchräumen fortsetzt“, schildert Pfarrer Sühling im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“.

Diese können die Jesus Freaks kostenlos nutzen, damit sie die ersparte Nutzungspauschale für ihre neuen Gemeinderäume investieren können. Was Pfarrer Sühling an der freikirchlichen Bewegung beeindruckt: „mit welcher Entschiedenheit sie mit Christus unterwegs sind. Sie haben eine charismatische Art und bringen frischen Wind herein.“ Dieser Elan für Jesus und das Zeugnis für ihn könne auch die katholische Gemeinde beflügeln. Gleichwohl beobachte er, dass die Experimentierfreude im Gottesdienst auch in vielen katholischen Gemeinden zugenommen habe.

 

„krass“, „heftig“, „voll“ und „Amen“

 

Wörter wie „krass“, „heftig“ „voll“ und „Amen“ durchziehen häufig das Gespräch mit den beiden Jesus Freaks an diesem Abend. Überraschend klar aber wird die Sprache, wenn es um ihr wichtigstes Buch geht, die Bibel. Marlene Bauer zitiert aus dem Stand ihre Lieblingsstelle Epheser 2,8: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ Dieser Vers aus dem Paulusbrief habe für sie während eines Auslandsaufenthaltes zunehmend an Bedeutung gewonnen.

„Es kann aber auch sein, dass jeder Jesus Freak eine andere Bibel liest“, sagt Ben Abbing und grinst dabei. Seine Frau und er halten sich an die Einheitsübersetzung, Marlene liest in der Lutherbibel, und viele Jesus Freaks schätzen auch die „Volxbibel“, die zum Beispiel die Geburt Jesu so formuliert: „Weil sie in den Hotels und Jugendherbergen im Ort keinen Pennplatz mehr finden konnten, musste Maria das Kind in einer Autogarage zur Welt bringen. Eine alte Ölwanne war das erste Kinderbett“, heißt es in der Version 4.0 zur Weihnachtsgeschichte nach dem Lukas-Evangelium.

 

"Komm, wie du bist"

 

Alles kann, nichts muss, ein bisschen klingt es so, aber diese Entspanntheit werde auch von vielen geschätzt: „Manche, die zu uns kommen, haben viele Verletzungen erlitten. Wir versuchen zu vermitteln: 'Es ist völlig okay, so zu kommen, wie du bist, hier musst du nichts sein oder leisten‘“, berichtet Ben Abbing.

Er sagt aber auch, dass die Münstersche Gemeinde Mitglieder habe, die von ihrer beruflichen Profession her gut mit Menschen umgehen können: „Wir haben in der Leiterrunde schon öfter diskutiert, wie und ob einzelne eine seelsorgerische Ausbildung draufsatteln könnten“, fügt er hinzu.

 

„Mehr Liebe“ mit den Jesus Freaks

 

Manchmal fehlt dem „katholischen Ex-Messdiener“, wie sich Abbing bezeichnet, „das liebevoll Durchstrukturierte“ aus einem katholischen Gottesdienst: „,Das Grab ist leer‘ in der Osternacht, das ist einfach Gänsehaut pur“, findet er nach wie vor. Und doch: bei den Jesus Freaks schätzt er die Ehrlichkeit im Umgang mit den eigenen Glaubensfragen, die Nähe, die Treffen in Hauskreisen, und nicht zuletzt das Gespräch mit Jesus „wie mit einem guten Freund.“

Bei der Verabschiedung von den Jesus Freaks flattert Marlenes weiße Leinentasche im Abendwind: „Mehr Liebe“ steht darauf, in eleganten, schwarzen Lettern.

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